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Tierhalter in Not

Karl Heinz Mann sagt, was nun zu tun ist

Die Ackerbaubetriebe werden in vielen Gebieten Nord- und Ostdeutschlands eine historisch schlechte Ernte einfahren. Der Anstieg der Getreidepreise schafft aber bei vielen einen gewissen Ausgleich. Viel schwieriger ist die Situation der Futterbaubetriebe, denen durch fehlende Niederschläge und die ungewöhnliche Hitze schlicht das Grundfutter fehlt.

Wichtig ist es für die Unternehmer, in dieser teilweise sehr schwierigen Situation einen kühlen Kopf zu behalten und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ob, und wenn ja, in welcher Höhe einige wenige staatliche Hilfe erwarten können, ist jedenfalls ungewiss.

Viele Betriebe haben bereits damit begonnen, Tierbestände abzubauen. Sofern sie sich von Jungvieh trennen, das für die eigene Nachzucht nicht benötigt wird, ist dies wirtschaftlich akzeptabel. Schließlich ist die Jungviehaufzucht für Dritte selten wirtschaftlich, insbesondere aber gerade dann nicht, wenn das Grundfutter knapp und teuer ist.

Der Abbau der Milchkuhbestände ist selten eine gute Idee. Damit vergrößern Sie bei den derzeitigen Milchpreisen den Schaden, der Ihnen durch die Trockenheit entstanden ist. Weitgehend unabhängig von der Höhe der Gesamtkosten in der Milchproduktion liegt bei den derzeitigen Milchpreisen von ca. 32,5 Cent/kg der positive Deckungsbeitrag immer noch bei ca. 12 bis 14 Cent/kg Milch.

Die Grundfutterkosten inklusive der Kosten für die verdrängte Frucht auf dem Ackerland, bewegen sich in der Regel zwischen 7 bis 8 Cent/kg Milch. Selbst wenn die Grundfutterkosten durch Zukauf und zusätzliche Anbauflächen auf dem Ackerland um 50 Prozent steigen sollten, bleiben immer noch 8 bis 10 Cent/kg produzierte Milch zur Reduzierung der Festkosten. Diese Festkosten würden auch bei einem Abbau des Bestandes weiter bestehen bleiben.

Arbeitskräfte im Milchviehbetrieb bei einer kurzfristigen Betrachtung für ein Jahr nicht als Festkosten, sondern als variable Größe zu betrachten und diese einfach abzubauen, ist kaum möglich, weil es schwer genug ist, gute Mitarbeiter zu finden und zu halten. Deshalb werden sie in der Vergleichsrechnung auch als Festkosten betrachtet.

Als Anpassung sollten Sie maximal Altmelker mit niedriger Leistung, die nicht mehr besamt werden sollen, zur Schlachtung verkaufen. Diese brauchen viel Grundfutter für wenig Milch.

Es gilt jetzt als Betriebsleiter zwei wichtige Aufgaben in den Fokus zu nehmen: Die Sicherung der Grundfutterversorgung für das laufende Jahr bis zum Anschluss der neuen Ernte, auch wenn sie teuer wird, und die Sicherung der Liquidität des Unternehmens durch frühzeitige Gespräche mit der Hausbank.

Bei der Grundfutterversorgung geht es darum, die entstandenen Futterausfälle möglichst schnell und vollständig zu kompensieren. Um die Ausfälle bei der Grassilage auszugleichen, sollten Sie im Herbst auf zusätzlichen Ackerflächen die Aussaat von Weidelgras vornehmen, damit Sie schon Anfang Mai Ihre Grassilagebestände auffüllen können.

Auf Standorten mit niedrigen Niederschlägen kann statt Weidelgras der Anbau von Futterroggen oder Triticale vor Zweitfruchtmais - trotz der Anbaurisiken für den Zweitfruchtmais - sinnvoll sein, um im kommenden Jahr frühzeitig ausreichend Grundfutter zu schaffen. Sprechen Sie rechtzeitig mit Ackerbaubetrieben vor der Herbstbestellung, wenn Ihnen selbst als Milchviehbetrieb die notwendige Fläche fehlt und lassen Sie dort das Futter anbauen.

Das Grünland hat unter der Trockenheit schwer gelitten. Die Narbenschäden im Grünland müssen durch die Nachsaat mit leistungsfähigen Gräsern unbedingt im Herbst repariert werden, um größere Ertragseinbußen im kommenden Jahr zu vermeiden. Im Herbst können sich Nachsaaten sicherer etablieren, weil die Konkurrenz der vorhandenen Grasnarbe dann gering ist und relativ sicher ausreichender Niederschlag zu erwarten ist.

Wenn das Grundfutter über Winter knapp ist, lässt sich Jungvieh ab dem zwölften Monat auch gut mit Stroh, Treber, Trockenschnitzel und Kraftfutter versorgen. Das macht wertvolle Silage frei für die Milchkühe. Planen Sie mit Ihrem Futterberater rechtzeitig die Rationen bis zum nächsten Herbst, unter Einbeziehung der noch vorhandenen Vorräte, der schlechten Ernte und dem zusätzlichen Futteranbau auf Ackerflächen um Perioden mit Extremrationen zu vermeiden.

Es wird notwendig sein, die Ration energetisch aufzuwerten. Am besten mit zugekauftem Körnermais statt Getreide, um die Abbaurate der Stärke im Pansen niedrig zu halten. Wegen der hohen Niederschläge in Südosteuropa dürfte ausreichend Ware zur Verfügung stehen. Die Aufwertung der Futterration mit Pressschnitzeln, Treber und Trester ist naheliegend. Bei der zu erwartenden schlechten Rübenernte dürften Pressschnitzel aber knapp und teuer werden.

Bezüglich der Sicherung der Liquidität des Betriebes sprechen Sie frühzeitig mit Ihrer Hausbank, die von Ihnen einen Voranschlag für das laufende und folgende Wirtschaftsjahr erwartet. Da die Banken nur ungern Verluste finanzieren, sollten Sie die Liquidität aus Ernte und Produktion in keinem Fall für Neuanschaffungen oder Ersatzinvestitionen einsetzen, sondern diese möglichst langfristig finanzieren, wenn sich die Investitionen nicht vermeiden lassen. Nehmen Sie, wenn nötig die professionelle Hilfe der Beratung in Anspruch und hoffen Sie nicht auf den Staat. Das Vorziehen der Auszahlung staatlicher Mittel mag zwar die Pachtzahlungen gefährdeter Betriebe im Herbst sichern, ändert aber nichts an der Liquiditätslücke, die dann nur später umso brutaler auftritt. Die durch die extreme Witterung eingetretenen Ergebnis- und Liquiditätsverluste lassen sich nur durch langfristig erwirtschaftete Überschüsse im Unternehmen wieder ausgleichen und sind deshalb nicht durch Kredite mit kurzer Laufzeit zu finanzieren. Daran ändern auch angekündigte Pacht- und Steuerstundungen nichts, da sie das Problem nur verschieben.