DLG e.V. - Alfons Balmann zu den Mythen der Branche

Sonderstellung der Landwirtschaft hinterfragen

Alfons Balmann zu den Mythen der Branche

In jüngster Zeit ist die öffentliche Kritik an der deutschen Landwirtschaft eskaliert. Teilweise gibt es dafür gute Gründe, wie Versäumnisse im Tier- und Umweltschutz. Auffällig ist allerdings, wie wenig seitens der Kritiker zielführende Lösungen der Probleme diskutiert werden. Vielmehr bestimmen Forderungen wie „Weg mit der Massentierhaltung“ und „Hin zu einer bäuerlichen Landwirtschaft“ die Diskussion.

Ungeachtet der Tatsache, dass mehr Tierwohl und Umweltschutz dringend nötig sind, stellt sich die Frage nach den Gründen der Ideologisierung der öffentlichen Diskussion. In Ansätzen wurde seitens der Landwirtschaft bereits erkannt, dass die Öffentlichkeit ein entfremdetes Bild von ihr hat und begonnen, mit Aktionen wie Tagen des offenen Hofes zu reagieren.

Das eigentliche Problem steckt jedoch tiefer. Es geht um die Frage, ob die Landwirtschaft dauerhaft eine Sonderstellung in unserem Wirtschaftssystem genießen kann. Nicht nur im Rahmen der EU-Agrarpolitik, sondern z.B. auch im Steuer-, Sozial-, Erb- und Baurecht gibt es zahllose Privilegien der Landwirtschaft gegenüber der gewerblichen Wirtschaft und selbst der gewerblichen Tierproduktion. Viele dieser Privilegien basieren jedoch zunehmend auf Mythen.

Diese Mythen ignorieren, dass der weitaus größte Teil der deutschen Agrarproduktion längst unternehmerisch wie technologisch auf Prinzipien basiert, die von der Gesellschaft als industriell wahrgenommen werden und es im Grunde auch sind. Bereits vor 15 Jahren wies der amerikanische Agrarökonom Michael Boehlje darauf hin, dass moderne Landwirtschaft zunehmend biologischen Manufakturen gleicht und mehr auf Wissenschaft als Kunst basiert. Die zunehmende Integration in die Wertschöpfungsketten und der steigende Anteil Fremdarbeitskräfte belegen diese Sicht zusätzlich. Damit ist die Landwirtschaft trotz ihrer Besonderheiten heute eigentlich ein Wirtschaftszweig wie jeder andere.

Die Mythen bedingen nicht nur eine zunehmende Unglaubwürdigkeit der Landwirtschaft, vielmehr beflügeln sie auf der politischen Ebene eine ideologisierte Debatte um vermeintlich gute und schlechte Landwirtschaft, die im Grunde ein Konflikt um die Privilegien ist. Die Diskussionen um Greening und Kappung im Rahmen der EU-Agrarreform haben dies allzu deutlich gezeigt. Die aufkommende Diskussion um Leitbilder zur Rechtfertigung verschärfter Grundstücksverkehrsgesetze folgt demselben Muster.

Zur Überwindung der Konflikte ist vor allem die Landwirtschaft gefordert, sich aktiv mit ihren Mythen auseinanderzusetzen. Dazu gehört auch, ihre Privilegien auf den Prüfstand zu stellen, deren Wert ohnehin bereits vielfach geringer ist, als es scheint. Denn sie verlangen der Landwirtschaft immer neue Verrenkungen ab, sie zu erhalten. Allerdings wird die Auseinandersetzung nicht einfach. Zu unterschiedlich sind die betrieblichen Voraussetzungen.

 

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