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"Tierschutz aktiv fördern"

Mit der neuen Tiergesundheitsberatung für schweinehaltende Betriebe setzt QS auf die Ergebnisse aus QS-Befunddaten auf. Was sie sich davon erhoffen, erläutern QS-Geschäftsführer Dr. Alexander Hinrichs und QS-Teamleiterin Sabrina Heß.

Eine verpflichtende Tiergesundheitsberatung ist ein für QS völlig neues Themengebiet. Wie kam es dazu?

Dr. Alexander Hinrichs: Um es gleich vorwegzusagen: QS berät nicht selbst. Das übernehmen geschulte Beraterinnen und Berater. Für QS ist die Tiergesundheitsberatung eine logische Weiterentwicklung. In den vergangenen Jahren haben wir viele Informationen zur Tiergesundheit erhoben. Wichtiges Anliegen war und ist es uns hierbei, die Auswertung dieser Tiergesundheitsinformationen mit den Tierhaltenden zu teilen, damit diese daraus Erkenntnisse für das eigene betriebliche Qualitätsmanagement ziehen können. Die Impulse kamen von Tierärzten, Unternehmern aus der Fleischwirtschaft und Tierhaltern. Sie nutzen bereits die Auswertungen der QS-Monitoringdaten für ihre Weiterentwicklung. Es gibt aber leider auch hier Ausnahmen, bei denen keine positiven Veränderungen zu erkennen sind, und genau da steigen wir mit unserem neuen Ansatz ein. Diese Betriebe möchten wir motivieren und dabei unterstützen, die Tiergesundheit nachhaltig zu verbessern: Gemeinsam wollen wir Defizite aufdecken und gleichzeitig Hilfestellung und Beratung anbieten. 

Was ist der Anspruch an dieses Projekt?

Hinrichs: Wir möchten mit der Tiergesundheitsberatung die Tiergesundheit verbessern und den Tierschutz aktiv fördern. Sollten wir damit dazu beitragen, dass dadurch weniger Betriebe auffällig werden, ist es sicherlich auch für die Branche von Vorteil.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?

Sabrina Heß: Das Thema ist sehr emotional und es ist ein hohes Maß an Sensibilität gefragt. Für die betroffenen Betriebe ist es sicher kein gutes Gefühl, vor Augen geführt zu bekommen, dass sie ein Problem haben, an dem sie arbeiten müssen – das hört niemand von uns gern. Bei diesem Prozess möchten wir aber die helfende Hand reichen und keinesfalls nur Forderungen an die Betroffenen stellen. Tierhaltende sollen sich auf speziell geschulte Berater verlassen können. Jeder Betrieb und jedes Tiergesundheitsproblem ist individuell und jeder Betrieb soll professionell aufgefangen und bestmöglich darin unterstützt werden, besser zu werden. 

Hinrichs: Bei der Identifikation der Betriebe helfen uns die QS-Befunddaten. Wir schließen aber auch Momentaufnahmen wie temporäre Missstände durch Krankheitsfälle in der Betriebsführung in unseren Berechnungen aus. Wir möchten sicher sein, dass es sich um grundsätzliche Defizite handelt, die einer Beratung bedürfen. Daher ist es notwendig, dass sich zusätzlich Fachleute vor Ort einen Eindruck von dem Betrieb verschaffen und Stellschrauben und Verbesserungspotenziale identifizieren.

Aktuell steht die Landwirtschaft unter Druck – ist es da notwendig, dass QS eine verpflichtende Beratung für auffällige Betriebe einführt?

Hinrichs: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir gerade mit dieser Beratung Druck aus dem Kessel nehmen können. Wir reden ja nicht über eine Beratungsverpflichtung für alle tierhaltenden Betriebe, sondern nur über die wenigen Betriebe, bei denen wir Beratungsbedarf identifiziert haben. Wir schätzen derzeit, dass jährlich eine zweistellige Anzahl von Betrieben beraten werden muss. Aber dieser geringe Anteil hat eine enorme Wirkung auf das Bild unserer Tierhaltung. Das setzt die Branche zu Unrecht unter Druck, und das gilt es mit gezielten Angeboten zu verhindern.

"Für QS ist die Tiergesundheitsberatung eine logische Weiterentwicklung unseres bisherigen Ansatzes."
QS-Geschäftsführer Dr. Alexander Hinrichs

Auf welcher Datenbasis definiert QS, dass ein Betrieb Beratung benötigt?

Heß: Wir identifizieren die Schweinemastbetriebe anhand ihrer auffällig schlechten Schlachtbefunddaten. Dabei konzentrieren wir uns auf die „sichtbaren“ Befunde wie etwa Gelenksentzündungen. Der Betrachtungszeitraum erstreckt sich über ein halbes Jahr. Über die amtliche Boxplot-Methode setzen wir die Daten der Tierhaltenden untereinander in ein Verhältnis. So erkennen wir die negativen Ausreißer. Von diesen machen sich die Auditorinnen und Auditoren dann im Rahmen eines weiteren Audits noch einmal ein genaueres Bild vor Ort – mit dem Fokus auf die Tierhaltung und Tiergesundheit. Erst wenn sich vor Ort der Eindruck bestätigt, muss der Betrieb sich von geschulten Experten beraten lassen. Diese Berater sollen Tierhaltende bestmöglich bei der Verbesserung ihrer betriebsindividuellen Schwachstellen unterstützen. Dabei gehen die Beraterinnen und Berater auch auf Ursachenforschung: Sind die Probleme auf das Haltungssystem oder auf das Management zurückzuführen? 

Wie läuft der Beratungsprozess dann ab?

Heß: Es erfolgt erst einmal ein zusätzliches Audit, in dem auch geprüft wird, ob die aufgetretenen Probleme haltungs- oder managementbedingt sind. Nach diesem speziellen Audit entscheiden wir dann, ob eine Tiergesundheitsberatung notwendig ist. Wenn dem so ist, erfolgt zunächst eine Erstberatung, daran können sich Folgeberatungen anschließen. Wie es nach der Beratung weitergeht, ist betriebsindividuell. Beratende und Betriebsleitende sollen alle relevanten Ansatzpunkte für Verbesserungen beispielsweise mit dem bestandsbetreuenden Tierarzt finden. Alle wichtigen Vereinbarungen werden dann in einem Beratungsprotokoll festgehalten, das in der QS-Datenbank hinterlegt wird. Uns ist bewusst, dass die Umsetzung der Maßnahmen und die Verbesserung der Tiergesundheit Zeit benötigt. Über das Befunddatenmonitoring in der QS-Datenbank wird eine transparente und messbare Erfolgskontrolle der Beratung gewährleistet.

"Über das Befunddatenmonitoring wird eine transparente und messbare Erfolgskontrolle gewährleistet."

Sabrina Heß, QS-Teamleiterin Tiergesundheit

Was passiert, wenn die Beratung zu keinen Verbesserungen der Tiergesundheit führt?

Heß: Ein Betrieb, der sich nicht verbessern möchte oder sich nicht verbessert, muss mit Konsequenzen im QS-System rechnen. Diese können sich bis hin zur Lieferberechtigung auswirken.

Das Interview ist zuerst erschienen im QS Magazin qualitas. 

Sabrina Heß ist bei QS als Teamleiterin für Tiergesundheit zuständig und hat die Einführung der neuen Anforderung Tiergesundheitsberatung im QS-System maßgeblich vorangetrieben.

Dr. Alexander Hinrichs ist Geschäftsführer der QS Qualität und Sicherheit GmbH.

Foto: QS