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Beim Verkauf einen kühlen Kopf bewahren

Daphne Huber zum Start der Ernte 2024

Schätzungen zur Ernte 2024 haben derzeit Hochkonjunktur. Hektisch registrieren Marktteilnehmer die Korrekturen von Analysten nach oben oder unten, um die Produktion von Weizen und Raps  in Deutschland, in der EU sowie in der Schwarzmeerregion exakt vorherzusagen. Anlässe zur Nervosität gab es in den vergangenen Wochen genug. Vor allem die befürchteten Ernteschäden durch Spätfröste und Trockenheit in Südrussland haben zu den überhitzten Agrarmärkten in den vergangenen Wochen geführt. Die Unsicherheit darüber, wieviel weniger Weizen man im neuen Wirtschaftsjahr 2024/25, das am 1. Juli 2024 beginnt, ernten und damit exportieren kann, war und ist auf dem Börsenparkett groß. Der Weizenkurs an der Euronext in Paris stieg Ende Mai bis auf fast 270 €/t, so hoch wie zuletzt Anfang 2023.  Hinzu kamen Dauerregen und Überschwemmungen in Deutschland und Brasilien, die besonders bei Raps Kurssprünge bis an die psychologisch wichtige Marke von 500 €/t  auslösten. Kurzfristig hat der von der Türkei angekündigte Importstopp von Weizen bis Oktober 2024 einen weiteren Anstieg der Notierungen unterbrochen.

Wetterwechsel in Sicht

Die Mähdrescher stehen in den Startlöchern, wie der Kollege auf agrarticker.de treffend die Überschrift zur Juni-Schätzung des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV) formulierte. Denn mit dem Regen dürfte es vorerst vorbei sein. Meteorologen kündigen für die kommende Woche ein Hochdruckgebiet an. Damit kann die Gerstenernte in den Frühgebieten am Oberrhein und in der Pfalz beginnen. Wie auf Knopfdruck kühlten angesichts eines zu erwartenden Erntedrucks die Weizen-Notierungen an der Euronext merklich bis auf 227 €/t ab.

Wieder einmal zeigt sich, dass es sich auszahlt, die Märkte ständig im Blick zu haben. Glück dem, der auf die Hausse Anfang Juni schnell reagierte und seinen B-Weizen zu Spitzenpreisen von 240 €/t und höher ab Hof verkaufen konnte. Eine kleine Wiedergutmachung für die nervenaufreibenden Wochen, in denen niemand die nötigen Maßnahmen auf den nassen Feldern durchführen konnte.

Wieder einmal zahlt sich der Händlerrat aus, Weizen und Raps in Teilmengen zu verkaufen und mit einer Reserve zu spekulieren. Landwirte, abgesehen von den Betroffenen in den Überschwemmungsgebieten, sehen dem Erntebeginn gelassen entgegen. Bleibt zu hoffen, dass der hohe Pilzbefall in den Beständen nicht auf den letzten Metern Erträge und Qualität schmälert. Solche  Unwägbarkeiten lassen sich mit der Wahl klimaangepasster Sorten und einem darauf abgestimmten Management eingrenzen.

Wertvolle Tipps auf den DLG-Feldtagen

Großer Andrang herrschte daher an den Versuchsparzellen der Züchter auf den DLG-Feldtagen vor Kurzem in Erwitte. Auch dort in Westfalen war man vom Befall mit Blattkrankheiten im Getreide nicht verschont geblieben. In dieser extrem nassen Vegetation traten schon vergessen geglaubte Krankheiten wie Ramularia in der Gerste zutage. Landwirte auf den DLG-Feldtagen berichten über wertvolle Tipps zu Sorten, Düngung und Pflanzenschutz, die sie von den Beratern vor Ort erhalten haben und nun auf ihren Betrieben anwenden können. Sie säen moderne Sorten, die dank der züchterischen Leistungen mit stabilem Wuchs, Gesundheit und ersten Resistenzgenen überzeugen. Viele Landwirte nehmen teil am deutschlandweiten Monitoring, das Züchter anbieten, um beispielsweise ein gutes Bild über die Verbreitung des Gelbverzwergungsvirus zu erlangen und dessen Ursachen auf die Spur zu kommen.

DRV warnt vor Panik

Der Deutsche Raiffeisenverband (DRV) ist ebenfalls bemüht, in seiner aktuellen Juni-Prognose keine Panik vor der Ernte zu verbreiten. Die teilweise sintflutartigen Regenfälle haben regional zu erheblichen Schäden geführt. Dies wirke sich, so der DRV, jedoch nicht auf die bundesweite Gesamtmenge von Getreide aus. Im Gegenteil: In vielen Regionen Deutschlands hätten sich die Bestände aufgrund ausreichender Niederschläge und milder Temperaturen positiv entwickelt. 

Feuchter Boden begünstigt Stickstoffwirkung

Und das gilt auch für die Stickstoffdüngung. Sind in den vergangenen Dürrejahren die Körner auf dem trockenen Boden wirkungslos liegen geblieben, kommt in diesem Jahr der Stickstoff besonders der dritten Qualitätsgabe in der Pflanze voll zur Wirkung. Berater erwarten zufriedenstellende Proteinwerte beim Weizen. Dies gelte auch in roten Gebieten, in denen Landwirte mit den Nährstoffmengen haushalten müssen. 

Getrennte Erfassung

Was jedoch nicht nur uns Menschen, sondern auch den Beständen fehlt, ist die Sonne. Denn das Pflanzenwachstum und damit Mengen und Qualitäten werden stark von der Anzahl der Sonnenstunden beeinflusst. Inwieweit besonders der Weizen mit einemhöheren Befall an Fusarien und Rostkrankheiten zurechtkommt und was Sonnenschein und Wärme in den kommenden Tagen und Wochen Positives bewirken können, bleibt abzuwarten. Die Erfassungsstellen nehmen jedoch das Risiko von Mykotoxinen im Getreide sehr ernst. Auch hier zahlt sich die Teilnahme am Vorerntemonitoring aus. Frühzeitig können sich Händler und Verarbeiter auf die Situation auf den Äckern einstellen und an der Gosse bei der Annahme des Ernteguts belastete von unbelasteten Partien getrennt einlagern. Wenn jeder in der Wertschöpfungskette vom Acker bis zum Supermarktregal seinen Teil dazu beiträgt, lassen sich die vielen Schwierigkeiten bis zum fertigen Produkt gemeinsam lösen.

 

 


Daphne Huber,
DLG-Newsroom,agrarticker.de.
d.huber@dlg.org 

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