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Niemand ist gern der Buhmann!

Dr. Jochen Meyer zur Lage in Veredelungswirtschaft

Mit der Glaubwürdigkeit der Fleischwirtschaft ist es schon lange nicht zum Besten bestellt. Mit den Corona-Ausbrüchen in einigen Schlachtunternehmen hat sich diese Situation dramatisch verschärft. Ärger und Erschrecken breiten sich aus, nicht nur bei denjenigen, die durch Quarantäne oder andere Einschränkungen im Umfeld von Schlachtbetrieben betroffen sind. Ist das Corona-Virus für die Schlachtunternehmen, das was der „rosa Rhein“ für Chemieunternehmen war? Anlass nämlich für einen tiefgreifenden Umbruch? 

Ankündigungen zur Praxis der Werkverträge deuten in eine solche Richtung, aber das kann nur ein Anfang sein: Nicht nur die Schlachtunternehmen, sondern die gesamte Veredelungsbranche hat ein Problem mit der öffentlichen Wahrnehmung. Tierhaltung, Tiertransport und Schlachtung werden von weiten Teilen der Gesellschaft heftig kritisiert. Ich kann in manchen Punkten die Kritik teilen, in anderen nicht. Doch meine persönliche Auffassung zu bestimmten Aspekten der Veredelungswirtschaft ist hier gar nicht der entscheidende Punkt. Viel wichtiger ist: Ohne Akzeptanz bei der Mehrheit der Bevölkerung hat unsere Branche keine Zukunft.

Fest steht auch, niemand ist gern der Buhmann.

Was folgt daraus?
Zu lange wurde nach dem „Schwarzen-Peter-Prinzip“ agiert. Verantwortung für Probleme wurde allzu gern an andere weitergegeben. Jeder kennt immer einen anderen, dessen Verhalten für die eigenen Probleme verantwortlich ist: Der Verbraucher will immer nur billig, der Lebensmitteleinzelhandel nutzt seine Marktmacht, die Schlachthöfe beuten Mitarbeiter aus und die Landwirte sind nur am Profit interessiert. Hier braucht es Veränderung. Auch die der Perspektive. Wir als Landwirte sollten zumindest den eigenen Bereich „sauber“ haben.

Transparenz, Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation wurden in ihrer Bedeutung erkannt, Einiges hat sich hier verbessert und das Engagement von einigen ist bewundernswert. Ich bezweifele nur, dass dies allein ausreichen wird.

Wir müssen vom Reden zum Handeln kommen. Ein tiefgreifender Umbruch steht an. Die Bereitschaft vieler Landwirte zu deutlichen Veränderungen in der Tierhaltung steigt. Beispiele in Fachartikeln zur Umsetzung moderner Tierhaltung haben Konjunktur. Mit einer zunehmenden Anzahl von Vorbildern mit tragfähigen Konzepten steigt die Wahrscheinlichkeit der Umsetzung in der Breite.

Tragfähige Konzepte sind diejenigen, die sich auch finanziell gut darstellen. Hier setzen die Vorschläge der Borchert-Kommission an. Leider harzt es bei der Umsetzung durch die Politik. Auch hier geht es um Glaubwürdigkeit. Möglicherweise hilft hier Corona, um zu schnelleren Entscheidungen zu kommen.