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„Der Trend zu Wachstum wird weiter anhalten“

Georg Rittmayer ist Landwirt, Fischwirt und Gastwirt im fränkischen Willersdorf bei Hallendorf im Aischgrund. Sein Multitalent hat er auch in der DLG eingebracht. Für seine 25-jährige Mitgliedschaft ist Rittmayer im Juni 2020 vom DLG-Vorstand mit der Silbernen Ehrenurkunde ausgezeichnet worden. Neben seiner langjährigen Tätigkeit im Gesamtausschuss hat er zusammen mit anderen jungen Landwirten 1998 die Junge DLG gegründet.

Herr Rittmayer, Sie blicken jetzt auf ein viertel Jahrhundert Mitgliedschaft in der DLG zurück. Wie sind Sie denn zur DLG gekommen?

Georg Rittmayer: 1994 habe ich in Berlin auf der Wintertagung der DLG den Internationalen DLG-Preis verliehen bekommen. Ich war damals im Vorstand des Maschinenrings Höchstadt/Aisch-Forchheim e.V. Wir wollten bayernweit Maschinengemeinschaften etablieren. Das Ziel war es, die Kosten auf den landwirtschaftlichen Betrieben mit überbetrieblichem Maschineneinsatz zu senken. In Kooperationen in Form von Maschinengemeinschaften als GbR können die Betriebe neue Technologien nutzen, die für den Einzelbetrieb zu teuer sind. Das Konzept haben wir in verschiedenen Ringen vorgestellt, die DLG fand es preiswürdig und ich bekam ein Jahr Mitgliedschaft geschenkt. Ich bin geblieben und habe es nicht bereut.

25 Jahre in der DLG. Da haben Sie sicher viel erlebt?

Rittmayer: Ich kannte die DLG vorher schon durch die DLG-Prüfungen, aber die interne Arbeit in den Gremien lernte ich erst danach kennen. Von 2000 bis 2012 war ich im Gesamtausschuss der DLG mit dabei und habe viele interessante Menschen kennengelernt und für mein Berufsleben mitgenommen. Prägend war für mich auch die Arbeit in der Jungen DLG.

Junge DLG? Die gibt es aber noch nicht so lange?

Rittmayer: Nicht ganz, erst seit 1998. Als ich den Preis entgegennahm, dachte ich mir, da wirst du nicht alt. Die DLG war für mich damals eine eingeschworene Gesellschaft älterer Herren in grünen Mänteln, deren Alter für mich gefühlt mit 60 aufwärts begann. Durch die Preisverleihung lernte ich aber andere junge Landwirte kennen. Es war eine interessante Runde Landwirtinnen und Landwirte aus ganz Deutschland, wie zum Beispiel Helmut Bleckwenn, der in der Hildesheimer Börde einen Ackerbaubetrieb bewirtschaftet, Axel und Christa Thiemann mit ihrem Milchviehbetrieb in Salzwedel in Sachsen-Anhalt oder Burkhard Hoberg aus Northeim in Niedersachsen.

Wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden und haben untereinander gefachsimpelt und so bildete sich in der kleinen Gruppe der Preisträgerinnen und Preisträger eine feste Freundschaft heraus. 1998 gründeten wir dann mit Unterstützung von Hans-Georg Burger, dem damaligen Leiter des Servicebereichs Information, hier in Willersdorf die Junge DLG. Sie ist bis heute sehr erfolgreich, auch wenn ich mit dem Geburtsjahrgang 1964 inzwischen selber zu den älteren Herrschaften ü50 gehöre, die mir als Jungspund mal suspekt waren.

Was hat Sie dazu bewogen, sich für die Jugend zu engagieren?

Rittmayer: Na ja, wie ich schon sagte, wir wollten eine eigene Gruppe haben und nicht in die Fußstapfen der Eltern treten, nur weil die schon jahrelang dabei sind. Wir haben die junge DLG als angedockte Plattform für junge Leute gegründet, die sich in der DLG zuhause fühlen. Es gibt ja viel geballtes Wissen auf allen Ebenen in der DLG, aber es will eben kein junger Mensch auf dieselbe Party gehen wie seine Eltern. Hans-Georg Burger hat sich stark engagiert und eingebracht für uns und wir haben einen offenen Brief an den damaligen Präsidenten Philip Freiherr von dem Bussche geschrieben. Wir haben uns im Frühjahr 1998 das erste Mal getroffen und in den darauffolgenden Wintern auf den einzelnen Betrieben unsere eigene kleine Wintertagung abgehalten.

Heute hat die Junge DLG über 8.000 Mitglieder, was sich auch auf die Gesamtmitgliederzahl der DLG auswirkt. Mich hat die Junge - und auch die „alte“- DLG in vielerlei Hinsicht persönlich und fachlich weitergebracht. Einfach vielseitig eben.

Einfach vielseitig, so könnte man auch ihr betriebliches Konzept beschreiben…

Rittmayer: Ja, das stimmt. Wir sind ganz typisch fränkisch vielseitig orientiert. Die Kombination aus Landwirtschaft und Gastwirtschaft halte ich für ein gutes Modell, weil hier die Wertschöpfung im Gegensatz zur reinen Produktion auf dem Betrieb verbleibt. Ich bin gelernter Landwirtschaftsmeister. Inzwischen wird die Landwirtschaft als GbR von mir und meinem Sohn Nicolas geführt. Der landwirtschaftliche Betrieb mit 110 ha Land und 10 ha Wald wird heute nach Naturland-Richtlinien bewirtschaftet.

Eine Besonderheit ist unsere Karpfenteichwirtschaft mit 10 ha. Der Aischgrund ist prädestiniert dafür. Die Verwertung der Fische erfolgt in den Monaten mit „R“, also September bis April direkt über den Teller in der Gastwirtschaft. Auch das Fleisch unserer 15 Mutterkühe plus Nachzucht wird in der Gastronomie verkauft, vom Kalbfleisch-Gericht bis zur Salami.

Das Kombimodell Landwirtschaft und Gastwirtschaft wäre ja schon arbeitsreich genug, aber Sie betreiben auch noch eine 380 kWel-Biogasanlage und produzieren Naturstrom…

Rittmayer: Wir verfolgen den Diversifizierungsgedanken konsequent und setzen auf die Kaskadennutzung: Wir haben relativ magere Roggenböden, die sich nicht für den Weizenanbau eignen. Also machen wir aus unseren Voraussetzungen das Beste und bauen Roggen, Dinkel und Triticale an, der in der Fütterung unserer Fische eingesetzt werden sowie Luzerne-Kleegras für die Kühe. Das Dauergrünland wird für die Heuwerbung genutzt. Wir brauchen aber nur einen Teil des Kleegrases als Silage und anstatt den Rest einfach zu mulchen, wird er in der Biogasanlage veredelt. Auch der Festmist geht in die Biogasanlage und das Gärsubstrat wird dann wieder in kleinen Gaben auf die Fläche ausgebracht. Die Biogasanlage wird als GmbH von vier Biobetrieben und Beteiligung der Naturstrom-AG mit 20 Prozent geführt, weitere Betriebe liefern zu.

Jetzt haben wir einen Blick auf die vergangenen 25 Jahre und auf die Gegenwart geworfen. Was denken Sie, wo führen Sie die nächsten 25 hin?

Rittmayer: Das ist eine gute Frage. Ich habe mich vom Landwirt zum Gastwirt entwickelt und auch die Gastronomie hat sich stetig weiterentwickelt. Heute beschäftigen wir 20 Vollzeit-Arbeitskräfte und geben insgesamt 30 Menschen Lohn und Beschäftigung.

Wir sind ein echter Familienbetrieb, sowohl meine Frau Siggi als auch unsere Tochter Nadine arbeiten im Hotel und Restaurant mit. Ich hoffe natürlich, dass sich unsere Betriebe auch weiterhin nach vorne entwickeln.

Wo geht die Reise hin? Meiner Meinung hält der Trend zu Wachstum weiter an. Das sehen wir auch im Bio-Bereich. Auch hier wird inzwischen an die Supermärkte geliefert. Die landwirtschaftlichen Betriebe müssen größer werden und wachsen in der Fläche. Oder sie suchen sich Nischen und beschreiten den Weg der Wertschöpfung, wie wir es getan haben.

Stichwort Nische: Sie befinden sich in der Tourismusregion Aischgrund-Steigerwald. War ihr Weg in die Gastronomie vorprogrammiert?

Rittmayer: Jein. Die Gastwirtschaft und Gästebeherbergung ist eine mögliche Alternative für kleinstrukturierte Räume. Wir hatten die Möglichkeit dazu und es gab natürlich auch schon eine Gastronomie-Tradition in unserer Region. Auch heute noch gibt es in unserem kleinen Ort mit 550 Einwohnern drei Gastwirtschaften, eine Kellerwirtschaft und ein Sportheim. Auf der anderen Seite haben wir keine Laufkundschaft. Der Gast muss wegen uns kommen, da muss man daran arbeiten und viel Engagement zeigen.

Die Nischen ausschöpfen, das klingt in Fachzeitschriften immer ganz toll formuliert. Doch es kann auch nicht jeder eine Nische bedienen und es steckt auch viel Arbeit hinter der Veredelung in jedwelcher Form. Die Einheiten werden immer größer, um den Markt zu bedienen, das gibt der Weg vor. Sehr viele landwirtschaftliche Betriebe werden noch dem Strukturwandel zum Opfer fallen, denke ich. Wir müssen ebenfalls schauen, wo wir bleiben. Auch unser landwirtschaftlicher Betrieb könnte sich nicht selber finanzieren, über die Gastronomie ist es dagegen möglich.

Allerdings: wir haben sieben Tage die Woche geöffnet und müssen uns mit unseren Gästen auseinandersetzen und Informationen zu den Produkten liefern. Das erwarten unsere Stammkunden von uns, das ist nicht wie Hamburger essen und dann weiterfahren.

Eine letzte Frage noch: Gastronomie und Corona. Ein Reizwort für Sie?

Rittmayer: Was soll ich sagen, natürlich haben uns die Corona-Beschränkungen wie viele andere Branchen hart getroffen und Einkommenseinbußen beschert. Und es geht ja nicht nur um mich, sondern ich habe ja auch die Verantwortung für unsere 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Aber jammern nützt nichts, wir schauen nach vorne. Inzwischen wurde bei uns die mögliche Gruppengröße wieder auf zehn Leute erhöht, so dass der typisch bayerische Stammtisch nicht aussterben wird. Die Gästezimmer sind auch wieder belegt, die Menschen möchten wieder raus. Die Maskenpflicht hemmt zwar, sie ist aber das kleinere Übel im Vergleich zu einem Lockdown. Meine Erfahrung zum Umgang mit Corona bei den Gästen: Die Reaktion auf die Corona-Krise hängt nicht vom Alter ab, sondern von der Einstellung. Wer früher schon sehr vorsichtig oder ängstlich war, storniert seinen Urlaub und wer eine pragmatische Einstellung hat, der nimmt unter Beachtung der Schutzmaßnahmen wieder am öffentlichen Leben teil.

Das Interview führte Angelika Sontheimer, Agrarjournalistin aus Winsen an der Aller