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„Wir sind als Branche in der Öffentlichkeit leider kaum noch sichtbar“

Dr. Manuel Ermann ist Leiter „Marketing und Kommunikation“ sowie Pressesprecher der Agricon GmbH in Ostrau (Sachsen).

Herr Dr. Ermann, wie sind Sie denn zum Landwirtschaftsstudium gekommen?
Dr. Manuel Ermann: Meine Eltern haben 2005 einen landwirtschaftlichen Betrieb in Nordschweden gekauft und sich als Individualpädagogen selbstständig gemacht. Sie kümmern sich noch heute um deutsche Kinder und Jugendliche, die keinen guten Start ins Leben hatten. Nach meinem bestandenen Abitur bin ich dann im Frühling 2006 zu meinen Eltern gezogen und habe ihnen geholfen, den etwas in die Jahre gekommenen Betrieb wieder auf Vordermann zu bringen. Ich bin in Detmold, einer Kleinstadt mit rund 75.000 Einwohnern aufgewachsen und hatte zuvor kaum Berührungspunkte mit der Landwirtschaft.

Aber in Schweden hat mir dann die Arbeit mit Islandpferden, Gotland-Schafen und Brahma-Hühnern total viel Freude bereitet und auf der Suche nach einem entsprechenden Studium bin ich auf die Agrarwissenschaften gestoßen. Unter anderem aufgrund der gut aufbereiteten Informationen auf der Website habe ich mich schließlich für die Universität Göttingen entschieden. Das ist vermutlich mit ein Grund, weshalb ich nie vergessen habe, wie wichtig intelligentes Online-Marketing ist. Von 2007 bis 2013 habe ich dann Agrarwissenschaften in Göttingen studiert und habe – natürlich in Schweden – an der Universität in Uppsala ein Erasmus-Semester absolviert.

Und wann haben Sie dann Ihr Interesse am Marketing und der Öffentlichkeitsarbeit gefunden?
Ermann: Nach meiner Rückkehr nach Deutschland habe ich angefangen als studentischer Mitarbeiter im Bereich „Öffentlichkeitsarbeit und Marketing“ der Göttinger Agrarfakultät zu arbeiten. Ich habe mich um die Website der Fakultät gekümmert und den Facebook-Auftritt optimiert. Ich war wohl sehr engagiert und motiviert, so dass mich Professor Spiller kurz vor meinen Masterabschluss fragte, ob ich die Öffentlichkeitsarbeit der Agrarfakultät nicht leiten und nebenbei meine Dissertation zu selbigen Thema schreiben möchte. Vier arbeitsreiche Jahre später habe ich dann im Januar 2018 meine Dissertation zum Thema „Stakeholderorientiertes Kommunikationsmanagement in der Agrar- und Ernährungswirtschaft“ erfolgreich verteidigt.

Dann erfolgte der Wechsel von der Universität und Wissenschaft zu einem Mittelstandsunternehmen in der Agrarwirtschaft…
Ermann: Genau. Direkt im Anschluss an die Promotion hat mich der Geschäftsführer der Agricon GmbH angesprochen, ob ich die Leitung der Abteilung „Marketing und Kommunikation“ übernehmen möchte. Es war ein wenig wie ein Sprung ins kalte Wasser, aber ich möchte behaupten, dass ich heute ein ziemlich guter Schwimmer bin. Das Unternehmen Agricon mit seiner Vision eines digitalen und nachhaltigen Ackerbaus hat mich überzeugt. Ich war neugierig und habe den Schritt nach Sachsen nie bereut. Auch der Wechsel vom Öffentlichen Dienst in die freie Wirtschaft war spannend. Während ich mich vorher auch mal zwei Tage intensiv mit einem Thema befassen konnte, ist die Arbeit als Marketingleiter eines agilen Familienunternehmens ziemlich straff getaktet.

Sie sprachen den Ackerbau an – was bewegt Sie derzeit in Sachen Düngung?
Ermann: Wir können beobachten, dass der Einsatz von Betriebsmitteln wie Stickstoffdünger stetig abnimmt. Landwirte müssen heute – vor allem aufgrund der politischen Restriktionen – ihre N-Effizienz steigern. Das schaffen sie vor allem durch digitale Werkzeuge wie den N-Sensor. Precision Farming an sich ist nichts Neues, unser Unternehmen ist nun seit fast 25 Jahren am Markt. Aber es wird jetzt immer deutlicher, wie wichtig es für eine zukunftsfähige Landwirtschaft ist, Betriebsmittel intelligent einzusetzen. Die Zeiten von „Reparaturstickstoff“ und dergleichen sind definitiv vorbei.

Was hat Sie denn dazu bewogen, in die DLG einzutreten?
Ermann: Das war an meinem ersten Uni-Tag im Herbst 2007. Es lagen verschiedene Zeitschriften im Foyer an einem Stand aus und mir haben auf Anhieb die DLG-Mitteilungen am besten gefallen. Der Standbetreuer hat mir von der DLG erzählt und eine Viertelstunde später war ich stolzes Mitglied der DLG.

Dort haben Sie dann gleich den Ausschuss Öffentlichkeitsarbeit mitbegründet…
Ermann: Nein (lacht)… das mit der Gründung hat leider über zehn Jahre gedauert. Wir waren zunächst eine Arbeitsgruppe der Jungen DLG, die sich mit Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt hat. Die Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten fand ich stets erfüllend. Im Rahmend der diesjährigen DLG-Wintertagung sind wir dann ein Ausschuss geworden und haben direkt eine Session zur Generation Z veranstaltet. Als ich gefragt wurde, ob ich die Moderation von „Generation Z: Fridays for Farming!“ übernehmen wolle, habe ich spontan ja gesagt – obwohl ich keinerlei Erfahrungswerte hatte. Ich stehe und rede aber gerne vor Menschen und habe mich daher auf die Aufgabe gefreut. Es war gut, dass ich zum Zeitpunkt noch nicht wusste, dass über 200 Zuhörerinnen und Zuhörer kommen würden… Es war dann aber dank der durchdachten Vorbereitung der Jungen DLG und den tollen Referentinnen und Referenten ein schönes Erlebnis.

Die Menschen über die Landwirtschaft informieren, das liegt Ihnen also am Herzen…
Ermann: Definitiv! Vor gut drei Jahren haben mich die „10 Thesen der DLG für die Landwirtschaft 2030“ sehr angesprochen, in denen es um Wissen, Innovationen und Zukunftsfähigkeit geht. Ich fand sie zum Teil sehr mutig formuliert und merkte, dass ich im richtigen Verein bin. Insbesondere hat mich die 7. These berührt: „Faszination Landwirtschaft erklären“. Landwirte sollten sich der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft stellen, heißt es dort. Aber diese Auseinandersetzung sollte von jedem Beteiligten fair und respektvoll geführt werden. Dazu gehören Zuhören, realistische Selbsteinschätzung, sachliches Argumentieren und mutige Handlungsbereitschaft.

Genau diese Faszination habe ich als Quereinsteiger im Studium und während meiner Praktika erleben dürfen. Auf den Höfen meiner Mitstudenten habe ich die Menschen kennengelernt, die tagtäglich im Einsatz sind, um die Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen. Aber diesen direkten Kontakt mit Landwirten – wer hat den heute noch? Wir sind als Branche in der Öffentlichkeit leider kaum noch sichtbar, außer wenn wir im Sommer mit unseren Erntemaschinen über Straßen und Felder fahren. Ich denke, man kann schon von einer Art Entfremdung zur Gesellschaft sprechen.

Was kann die Landwirtschaft gegen diese Entfremdung zur Gesellschaft tun?
Ermann: Das ist eine wichtige Frage, denn diese Entwicklung macht mich persönlich betroffen. Wenn ich zum Beispiel mitbekomme, dass Bauernkinder in der Schule für den Beruf ihrer Eltern gemobbt werden – da kocht es selbst in einem stoischen Lipper wie mir hoch. Dass Landwirte dann oft so reagieren, wie sie reagieren, ist verständlich und menschlich. Wut ist aber nie ein guter Kommunikationsberater. Deshalb halte ich nebenberuflich Vorträge zum Thema zwischenmenschliche Kommunikation. Ich möchte Landwirte dabei unterstützen, empathische Kommunikatoren zu werden. Mich fasziniert in diesem Kontext nach wie vor die gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg.

Gewaltfreie Kommunikation? Was müssen wir uns darunter vorstellen?
Ermann: Nun, nehmen wir zum Beispiel die sogenannten sozialen Netzwerke. Hier herrscht oft in Diskussionen zum Thema Landwirtschaft ein wütender und aggressiver Ton. Doch mit welchem Resultat? Die Gräben zwischen uns und unseren Kritikern werden immer tiefer. Diese Situation ist für Landwirte und ihre Familien aus emotionaler Sicht enorm kräftezehrend. Wir sollten daher über andere, bessere Reaktions- und Kommunikationsmöglichkeiten mit mehr Empathie nachdenken. Typische Reaktionen auf Anfeindungen sind nach Erkenntnissen von Rosenberg eine Verteidigungshaltung oder der Gegenangriff. Das schürt jedoch die Entfremdung voneinander und befeuert weiterer Aggression, die Fronten verhärten sich.

Das Prinzip Gewaltfreier Kommunikation ist daher, dass wir zunächst ganz neutral und in aller Ruhe eine konkrete Handlung beobachtet. Dann ist es wichtig, das Gefühl wahrzunehmen, welches in einem selbst durch die Beobachtung ausgelöst wird. Dadurch ist es dann möglich, die eigenen Bedürfnisse besser zu verstehen. So kann ich gegenüber meinem Kommunikationspartner eine konkrete Bitte äußern, die wiederum die Grundlage einer gegenseitigen empathischen Verbindung bildet.

Bitte schieben Sie die Gewaltfreie Kommunikation nicht gleich in die Schublade „Friede, Freude, Eierkuchen“! Wer sich mit ihr intensiv auseinandersetzt, wird schnell bemerken, dass sie für unsere Branche durchaus sinnvoll sein kann. In der öffentlichkeitsorientierten Kommunikation so weiterzumachen wie bisher, hat meines Erachtens keine Zukunft. Die auf Facebook, Twitter und Co. salonfähig gewordene Wut nützt niemanden – am wenigsten uns Landwirten.