Zum Hauptinhalt springen

Heinrich Dierkes mahnt zur Besonnenheit

Heinrich Dierkes mahnt zur Besonnenheit

Corona hat nun auch die Schweine-Branche fest im Griff. Die Absatzkanäle für Schweinefleisch haben sich deutlich verschoben. Nicht ohne Folgen: So ist der Schweinepreis bis Mitte Mai ins Trudeln geraten und insgesamt um über 40 Cent abgestürzt. Und die Vorzeichen für einen weiteren Preisverfall waren aufgrund der Corona-Infektionen mit einzelnen Schließungen von Schlachtstandorten durchaus vorhanden.

Glücklicherweise ist nicht der freie Fall gefolgt, sondern Marktberuhigung hat Einzug gehalten. Mehr noch: Die Besonnenheit aller Marktakteure zahlt sich aus. Denn erste positive Impulse in Form einer Nachfragebelebung auf den Fleischmärkten sind zu erkennen. Der Markt schöpft wieder Vertrauen. Gut so! Es steht schließlich viel auf dem Spiel, nicht weniger als die kompletten Marktstrukturen in der deutschen Veredlungswirtschaft.

Wir erleben ohne Frage eine besondere Situation, gleichwohl aber keine unbekannte. Wir kennen die Schwankungen des Schweine-Zyklus. Neu ist, dass diese viel extremer ausfallen als früher. Vergessen wir nicht, was den Preis vorher in die Höhe getrieben hat, bevor er so drastisch abgestürzt ist. Es waren die Auswirkungen der Afrikanischen Schweinepest vor allem in China. Sie war es, die am hiesigen Markt einen Asien-Boom ausgelöst hat und uns noch vor Kurzem Preise um die 2,- Euro beschert hat. Und wenn wir bislang in Deutschland davon profitiert haben, dann kann das Pendel morgen komplett umschlagen. Ich will es nicht hoffen, aber ich bin Realist. Auch hier werden dann die gleichen Tugenden aller Marktakteure gefragt sein wie aktuell - vor allem Besonnenheit.  

Und wenn sich am Markt weiter auf unbestimmte Zeit Turbulenzen abzeichnen, dann ist es umso wichtiger, dass die Rahmenbedingungen für die Schweinehaltung in Deutschland verlässlich und planbar sind. Daher müssen wir aktuell auch an die Zeit nach der Krise denken und Lösungen für die zahlreichen Baustellen finden, auf denen entweder über Jahre gar keine Regeln beziehungsweise Verordnungen erlassen werden oder die Hals über Kopf überreguliert werden sollen.

Dazu zwei konkrete Beispiele. Erstens die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung. Hier wird seit Jahren auf dem Rücken der Sauenhalter um einen neuen Verordnungsentwurf gerungen - mit der Folge, dass Planungssicherheit und Investitionsmöglichkeiten brach liegen. Auf der anderen Seite werden in der aktuellen Krise wieder einmal hanebüchene Forderungen wie Mindestpreise für Fleisch in den politischen Ring geworfen, die eigentlich in die sozialistische Mottenkiste gehören. Das eigentlich fatale jedoch ist, dass schlüssige Gesamtkonzepte für eine Nutztierstrategie, die den Landwirten Vertrauen und Perspektiven geben, weiterhin fehlen.

Und zur Perspektive gehört natürlich auch die Lösung der Frage, wie die so entstehenden höheren Erzeugungskosten zukünftig beglichen werden sollen. Klar ist: Wer die Musik bestellt, der muss sie auch bezahlen! Wenn aber die Forderungen an uns deutsche Tierhalter nicht mit dem Einkaufsverhalten und der Zahlungsbereitschaft an der Ladentheke einher gehen, dann müssen am Ende andere Lösungen zur Finanzierung her.

Die Borchert-Kommission hat auch unter diesem Blickwinkel eine fundierte Basis und Richtschnur für die Weiterentwicklung der Nutztierhaltung erarbeitet, die bei allen Interessengruppen hohe Zustimmung gefunden hat. Deshalb darf dieses Papier jetzt nicht in den Schubladen der Ministerien versanden. Denn eines ist sicher: So lebhaft wie in der aktuellen Krise über die Tierhaltung und Fleischproduktion diskutiert wird, wird es auch nach der Krise weitergehen.