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250 Kühe und keine eigene Fläche

Ein Bild muss möglicherweise vorab korrigiert werden: Beim relativ kleinen Staatsgebiet Israels handelt es sich keinesfalls um eine reine Fels- und Sandwüste, in der ganzjährig 40 °C und mehr herrschen. Das trifft in der Form am ehesten nur auf den südlichen Landesteil, die Negev-Wüste, zu. Im Norden dagegen, der Region Galiläa, herrscht ein recht gemäßigtes Klima. Teilweise kommen dort Jahresniederschläge über 1.000 mm pro Jahr und sogar kleinere Skigebiete vor. In den dazwischen liegenden Gebieten (Regionen Tel Aviv und Jerusalem) ist das Klima damit eher mediterran. Humide, frostfreie Winter und trockene, heiße Sommer. Folglich konzentriert sich die intensive landwirtschaftliche Produktion auch auf die mittleren und nördlichen Landesteile.

Die Israel-Fachexkursion der Jungen DLG führte auch zu einem Milchviehbetrieb in Avigdor, gelegen im mittleren Landesteil, in etwa auf der Höhe Jerusalems. Zur Einordnung: Der Handel von Milchprodukten mit den Anrainerstaaten des Nahen Ostens ist aus politischen Gründen eher eingeschränkt. Die Warenströme in Richtung Europa dagegen sind inzwischen weitestgehend liberalisiert. Auf Grund der Entfernung ist der Transport von Frischmilch allerdings eingeschränkt. Nach wie vor existiert eine inländische Produktionsquote. Historisch gesehen liegt das israelische Milchpreisniveau über dem Europas. Die Milchpreise orientieren sich wegen der Marktöffnung in Richtung Europa aber mehr und mehr an diesen Märkten. Zur Zeit des Besuchs im Februar 2020 bewegen sich die Milchpreise auf einem zu Deutschland vergleichbaren Niveau. Ist eine zu Europa wettbewerbsfähige Milchproduktion unter den dortigen Voraussetzungen möglich?

Oren Kama melkt auf seinem Betrieb 250 Holstein Kühe. Seine Kühe hält Kama in sehr einfachen, überdachten Kompostställen. Futtertische und Treibgänge sind, ähnlich wie in Westeuropa auch, aus Beton und mit Faltenschieber ausgestattet. Unter den nicht isolierten Dächern hängen Ventilatoren. Im Bereich der Futtertische kann im Sommer mit Wassernebel gekühlt werden.

Bis auf wenige historisch gewachsene Ausnahmen befinden sich große Teile des Flächeneigentums in Israel in staatlicher Hand. Der Staat wiederum stellt es dann über sehr lange Perioden sehr günstig zur Nutzung zur Verfügung. Nutzungsrechte, nach unserem Verständnis Pachtverträge, sind nur sehr begrenzt handelbar. Die Flächennutzung und -bewirtschaftung übernimmt häufig ein örtlicher Kibbuz. Einen Kibbuz kann man sich als einen Ort mit dörflicher Struktur vorstellen, in dem zum Teil Produktionsstätten ähnlich einer Genossenschaft organisiert sind.

In Avigdor, dem Sitz der Kama-Farm, ist das ebenfalls so. Für unsere Verhältnisse gewöhnungsbedürftig ist, dass der Kibbuz auch die Grundfutterzusammenstellung für die Milchviehhalter übernimmt. Das Futterwerk stellt einen von mehreren Geschäftsbetrieben des Kibbuz da. Aus großen Fahrsiloanlagen werden Maissilage, Maisstroh, Hirse, Ganzpflanzensilage und Kraftfutter in stationären Futtermischern zu einer TMR zusammengestellt. Die örtlichen Milchviehbetriebe kaufen die entsprechend ihren Vorstellungen und Bedürfnissen zusammengestellte TMR dann vom Kibbuz ab und müssen diese nur noch mit dem Verteilwagen in die Ställe bringen. Bei der Zusammenstellung der TMR arbeitet der Landwirt dabei Hand in Hand mit dem Futterexperten vom Kibbuz.

Damit ist die Grundfutterproduktion und auch Teile des Futtermanagements komplett ausgelagert. Der Landwirt konzentriert sich voll und ganz auf seine Kühe und wirtschaftet flächenunabhängig. Israels BIP lag 2018 bei knapp 42.000 Euro pro Einwohner. Im internationalen Vergleich liegt das Land damit auf Rang 23, nach England und vor Neuseeland. Das deutsche BIP pro Kopf liegt im Vergleich dazu bei 47.000 Euro (Rang 18). Die israelischen Lebenshaltungskosten liegen über denen in Deutschland. In Deutschland werden die Routinearbeiten in der Milchproduktion häufig von Mitarbeitern aus östlichen EU-Mitgliedsstaaten mit niedrigerem Lohnniveau durchgeführt. In Israel dagegen sind es auf Grundlage staatlicher Visavereinbarungen häufig Filipinos und Thais, wobei in landwirtschaftlichen Betrieben eher Thais arbeiten. Diese erhalten für einige Jahre eine Arbeitsgenehmigung und bleiben für diese Zeit dann auch ununterbrochen auf den Betrieben. Bei Oren Kama arbeiten neben ihm als Betriebsleiter nur noch zwei weitere Festangestellte, beide stammen aus Thailand.

Der großzügige Liegebereich dagegen ist unbefestigt und auf gewachsenem Boden ohne Drainagen angelegt. Durch die hohen Verdunstungsraten bei viel Luftaustausch kompostieren die anfallenden Exkremente. Durch täglichen Einsatz eines Grubbers wird der Boden zusätzlich durchlüftet und die Kompostierung unterstützt. Insgesamt ist die Liegefläche dadurch weitestgehend trocken und die Kühe sehen sehr sauber aus. Die Entmistung findet jedes halbe Jahr in je einer Stallhälfte statt. Der Mist wird von einer Biogasanlage abgenommen. Möglicherweise anfallende Stickstoffeinträge ins Grundwasser oder erhöhte Ammoniakemissionen scheinen in Israel derweil kein politisches Diskussionsthema zu sein.

Zell- und Keimzahlen des Betriebs lagen bei 170.000/ml beziehungsweise 21.000/ml Milch, die Herdenleistung bei durchschnittlich 11.000 kg pro Kuh und Jahr. In punkto Haltungsbedingungen und Hygiene entsprechen die offenen Kompostställe und das Management damit offensichtlich den Anforderungen der Tiere. Klauenkrankheiten treten nur äußerst selten auf.