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Ein „Impfstoff“ gegen den Klimawandel?

Thomas Preuße zum „Geschäftsmodell Klimalandwirt“ in Zeiten von Corona

Man kann sich kaum mehr daran erinnern, dass es noch vor ein paar Wochen ein Thema gab, das alle anderen überschattete. Das in Deutschland den „Grünen“ nie gekannte Sympathien bei der Sonntagsfrage bescherte, auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos von einer Schülerin in den Senkel gestellte Konzernlenker zeigte und in der EU einen neuen „Green Deal“ auf den Weg bringen sollte.  

Und nun? Lässt sich die Zahl der Nullen, die für die Wirtschaft bereitstehen sollen, fast nicht mehr abzählen. Ist die Luft so sauber wie nie und das Öl so billig wie sehr lange nicht mehr. Und da soll uns noch dieses „alte“ Thema einfallen? Wer kann sich das überhaupt in absehbarer Zeit noch leisten: Klimaschutz?

Auf diese Weise argumentieren heute viele. Aber das ist kurzsichtig und falsch obendrein. Man kann das Coronavirus und den Klimawandel nicht gegeneinander aufrechnen. Corona ist eine kurzfristige Bedrohung mit teurem, aber absehbarem Ausweg. Der Klimawandel dagegen wird immer mehr zum Langfrist-Albtraum. In der Landwirtschaft spüren wir das sehr deutlich. Bevor es am letzten Wochenende endlich mal vielerorts anständig geregnet hatte, war man fast schon am Überlegen, was denn schlimmer für die Branche sei: die Corona-Folgen oder die (befürchtete) Wiederholung von 2018.

Ein Impfstoff gegen den Klimawandel, das wäre zu schön … Es gibt tatsächlich Menschen, die eine solche Funktion dem Humus zumessen. Humusaufbau bindet immerhin Kohlendioxid, die Potenziale sind riesengroß. Das lässt sich auch privatwirtschaftlich organisieren: „Klimasündige“ Unternehmen können ihren Ausstoß über den Kauf von Zertifikaten neutralisieren, mit denen wiederum Landwirte für die Anreicherung organischer Substanz bezahlt werden. Da lassen sich (theoretisch) Beträge vom Hektar holen, die jede Sonderkultur in den Schatten stellen. In einem Sonderheft der DLG-Mitteilungen haben wir dieses „Geschäftsmodell Klimalandwirt“ jetzt genauer unter die Lupe genommen (frei zugänglich unter www.DLG-Mitteilungen.de). Das Ergebnis: ganz gewiss eine Chance für die Landwirtschaft und für einzelne Betriebe. Aber auch verbunden mit der Gefahr, die Kosten klein- und die Wirkungen großzureden. Wenigstens derzeit fällt die Vergütung, gemessen am Aufwand, eher knapp aus.

Es ist nämlich gar nicht so einfach, stabilen Humus zu erzeugen und vor allem zu erhalten. Das hängt unter anderem mit standortspezifischen Fließgleichgewichten zusammen. Das wird bei all den Rezepten, die jetzt zum Beispiel unter dem Stichwort „regenerative Landwirtschaft“ im Schwange sind, gern vergessen. Hier ein paar Zwischenfrüchte, dort etwas pfluglos und über allem ein reges Bodenleben: Das ist ackerbaulich gewiss nicht schlecht, aber so läuft kein Aufbau von stabilem Humus. Ganz abgesehen von der Herausforderung, diesen innerhalb weniger Jahre verlässlich zu messen.

Über solche Bedenken lässt sich diskutieren. Aber dennoch: Das „Geschäftsmodell Klimalandwirt“ ist zu faszinierend, um es zu den Akten zu legen. Es eröffnet der Landwirtschaft endlich einmal die Option, Umweltleistungen aktiv und freiwillig zu verkaufen. Natürlich hat das einen Preis: Kriterium ist der gemessene Erfolg, nicht nur (wie bei den Agrarumweltmaßnahmen) der gute Wille. Vor einem allerdings sollte man sich hüten: damit mindestens die Welt retten zu wollen. Humus ist ein kleiner Beitrag dazu, aber kein Impfstoff. Noch nicht mal einer in Anführungszeichen.