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Pflanzenschutz – die Lücke finden

Ein Beitrag von Dr. Klaus Erdle, Geschäftsführung DLG-Ausschuss für Pflanzenernährung

Die Sonne steht am blauen Himmel, ein frischer Wind weht von Nordost und die Temperaturen steigen gut über 20 °C. Da kann man als Nicht-Landwirt schon mal die Sorgen um Corona bei einem Spaziergang im Grünen vergessen.

Gleiches Wetter, auch im Grünen: Der Landwirt steht da und rauft sich die Haare. Nicht nur, dass sich bereits erneut die Trockenheit über das Land ausbreitet, nein, das Wetter lässt aktuell alles sprießen und gedeihen, ob gewünscht oder ungewünscht.

Das Getreide nutzt noch das letzte Bodenwasser, das Nährstoffangebot und die Temperaturen bis zu 25 °C – optimale Wachstumsbedingungen. Um die Pflanzen vor übermäßigem Wachstum zu schützen, die Halme zu stabilisieren und die Energie in die angesetzten Ähren zu lenken, steht eine Behandlung mit Wachstumsregler auf dem Zettel. In lückigen Beständen muss evtl. noch mit einem Herbizid nachbehandelt werden, denn auch ungewünschte Beikräuter nutzen die Wachstumsbedingungen, um Platz gutzumachen.


Die Zuckerrüben sind im Boden, laufen aber nur spärlich auf. Zu trocken ist das Saatbett. Der Mais ist oder wird noch gelegt. Dort sollte mit einem Herbizid zum Vorauflauf der Unkrautdruck aus der Fläche genommen werden. Dennoch, die Technik steht still, der Landwirt blickt kritisch in die nicht vorhandenen Wolken.

Pflanzenschutz sollte bei Windgeschwindigkeiten ab 5 m/s ausbleiben. Genauso bei Temperaturen ab 25 °C und einer Luftfeuchtigkeit von kleiner 30 Prozent. Vergleicht man diese Zahlen mit den vielen Online-Angeboten von Agrarwetter-Plattformen, so kann man den Schlepper getrost noch stehen lassen. Mit Blick auf diese Woche standen gerade mal zwei Stunden am Donnerstagvormittag als potenzielle Behandlungsfenster zur Verfügung – und auch hier war mit Böen über 5m/s zu rechnen. Hier und da gibt es eine Chance, in den späten Nacht- oder sehr frühen Morgenstunden mögliche Zeitfenster zu finden – das aber auch nur sehr regional. Der Blick in die nächste Woche wird nicht besser. Zwar flaut der Wind etwas ab, aber die Luftfeuchtigkeit ist bei der hohen Einstrahlung und zu wenig Wasser in der Atmosphäre nicht für Pflanzenschutzmaßnahmen geeignet.


Was tun? Klar, jedermann spricht aktuell vom mechanischen Pflanzenschutz. Der mag in Zuckerrüben und Mais auch gut funktionieren. Das letzte Herbizid im Getreide kann ich eventuell noch verkraften. Aber was tun gegen Gelbrost, der bei genau diesen Witterungsbedingungen beste Voraussetzungen hat? In den letzten Jahren war er ohnehin schon schwer zu bekämpfen. Da heißt es eigentlich früh entdecken und sofort reagieren. Ähnlich bei den Wachstumsreglern. Zwar kann ich mit mäßiger Düngung die Bestände etwas drücken, aber viel geht in dieser Zeit dadurch nicht mehr – abgesehen davon, dass dies sofort auch Ertrag kostet.

Bis sich andere Technologien voll etablieren und über die Züchtung eventuell Behandlungen einsparen lassen, steht es an, den chemischen Pflanzenschutz weiter zu optimieren – auch wenn dieses Wort schon ziemlich abgedroschen klingt.

Enge Zeitfenster heißt hohe Schlagkraft. Also beste Organisation der Logistik (Wasser, Mittel, Fahrwege) und der Behandlungsmaßnahmen (Schadschwellen, Priorisieren, Diversität in Sorten und Kulturen) und leider auch wieder die große Technik (bis Schwarmtechnologie funktioniert) oder schlaue Technik, die nur dort behandelt, wo nötig, und damit Zeit und Spritzbrühe spart, die man sonst wieder transportieren müsste.

Schlechte Witterungsbedingungen führen zur Frage, ob Wirkstoffe weiter verbessert werden können, ob Düsen (Tröpfchengröße) und Gestängeführung (nahe am Bestand) die Effekte von Wind und Luftfeuchte teils ausgleichen können.

Klar ist, dass kein Landwirt an Abdrift interessiert ist, da er weder zu viel Geld hat, um Wirkstoffe zu verschenken, noch diese auf Nicht-Zielflächen wissen will. Zu dünn ist das Eis, auf dem der chemische Pflanzenschutz ohnehin steht.