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Der Milchmarkt in der Corona-Krise

Cord Lilie zu den Herausforderungen in der Milcherzeugung

Die Corona-Krise führt weltweit zu Verwerfungen auf den Agrarmärkten. Besonders betroffen ist hiervon der Milchmarkt. Auf der einen Seite verzeichnen Molkereien, die überwiegend für den Lebensmitteleinzelhandel produzieren, verstärkte Nachfrage nach vor allem haltbaren Milchprodukten wie Butter, H-Milch und Käse. Auf der anderen Seite sehen sich Milchverarbeiter, die vorwiegend für den Export oder den Gastronomiebereich produzieren, einem komplett zum Erliegen gekommenen Markt gegenüber.

Bislang haben die Marktverwerfungen noch keinen Einfluss auf die ausgezahlten Rohmilchpreise genommen, da diese sich erst mit deutlicher Verzögerung auf die Auszahlungspreise auswirken. Schaut man sich allerdings die Produktpreisentwicklung an, wird deutlich, dass es über alle Eckprodukte wie Butter, Magermilchpulver und Käse zu deutlichen Preisabschlägen gekommen ist. Dies wird sich in den nächsten Monaten auch auf die Auszahlungspreise auswirken – je nach Produktportfolio der Molkerei aber unterschiedlich stark.

Zusätzlich zu den Turbulenzen auf dem heimischen Markt kommen Beschränkungen in Form von aufwendigeren Grenzkontrollen und Engpässen bei Frachtcontainern auf exportorientierte Molkereien hinzu. Und als I-Tüpfchen ist aufgrund der historisch niedrigen Ölpreise eine geringere Nachfrage aus den für europäische Verarbeiter so wichtigen Märkten im Nahen Osten zu erwarten.

Alles in allem sind das keine rosigen Aussichten, was die Milchpreisentwicklung angeht.

Wie soll jetzt reagiert werden, damit Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht kommen?

Diskutiert werden verschiedene Möglichkeiten:
Die Eröffnung der privaten Lagerhaltung kann in Krisenzeiten wie jetzt für eine Marktentlastung sorgen. Allerdings ist die bezuschusste Einlagerungsmenge begrenzt und die Mengen sind nicht dauerhaft vom Markt verschwunden, sondern müssen wieder auf den Markt gebracht werden und wirken damit verlängernd auf ein Preistief.

Von einigen Molkereien wird die Reduktion der Milchproduktion um bis zu 20 Prozent auf den landwirtschaftlichen Betrieben gefordert. Wenn man sich mal anschaut, welche Möglichkeiten ein Milchviehbetrieb hat, um die Produktion zu drosseln, zeichnen sich zwei Wege ab: Reduktion des Leistungsfutters oder Vorziehen des Trockenstellens und der Vermarktung von Schlachttieren.

Eine Reduktion des Leistungsfutters scheidet bei genauer Betrachtung aus. Um eine Wirkung auf die Milchmenge zu erhalten, müsste diese Reduktion bei den hochleistenden Kühen stattfinden – die niederleistenden Kühe erhalten nur geringe Mengen Leistungsfutter und würden nur sehr begrenzt mit einer Abnahme der Milchleistung reagieren. Aus Tierschutzgründen scheidet aber eine Unterversorgung der hochleistenden Tier aus. Auch würden die Tiere für die Dauer der gesamten Laktation mit einer Minderleistung reagieren. Dies hätte erhebliche Auswirkungen zum Beispiel auf die Leistungsdaten der Tiere und damit auf die zukünftige Vermarktung von Zuchttieren und auch auf die Zuchtwerte von töchtergeprüften Zuchtbullen.

Durch das vorzeitige Trockenstellen und Schlachten von Abgangskühen kann eine begrenzte Drosselung auf Einzelbetriebsebene erfolgen. Allerdings sind Größenordnungen von 20 Prozent oder mehr auch hiermit nicht realisierbar. Um 20 Prozent Mengenreduktion zu erreichen, müsste unser Betrieb alle tragenden Kühe kleiner/gleich 35 Liter Tagesmilchmenge trockengenstellen und alle nicht tragenden Tiere kleiner/gleich 35 Liter zum Schlachten schicken. Auch hier kommen wieder Tierschutzgesichtspunkte zum Tragen, wenn in großem Umfang Tiere mit mehr als 30 Liter Tagesleistung trockengestellt werden. Nach einer ausgedehnten Trockenstehzeit ist außerdem mit vermehrten Problemen in der neuen Laktation zu rechnen. Realistisch betrachtet ist durch vorzeitiges Trockenstellen eine Verringerung der Milchproduktion auf Einzelbetriebsebene von mehr als 5 Prozent nicht möglich.

Da eine Begrenzung der Produktion auf den landwirtschaftlichen Betrieben immer auch mit Einkommensverlusten einhergeht, muss auch auf Seiten der Verarbeitung zur Entschärfung der Krise beigetragen werden. Jetzt wäre es von Vorteil, wenn wir über eine Branchenorganisation verfügen würden, die für einen solidarischen Mengenausgleich zwischen den Molkereien sorgen würde. So haben sich die Molkereien in den Niederlanden zum Beispiel auf einen Notfall-Plan verständigt, der für die Verteilung der Milch auf freie Kapazitäten sorgen soll. Dies wäre auch für Deutschland wünschenswert, um solidarisch die Krise zu bewältigen.

Aber anscheinend ist es in der Molkereibranche genauso schwer, persönliche Eitelkeiten in der Krise hinten an zu stellen, wie bei den Milcherzeugern, die seit Jahrzehnten darüber streiten, ob eine staatliche Mengenbegrenzung sinnvoll ist oder nicht.