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Chemischer Pflanzenschutz ade?

Andreas von Tiedemann wagt einen Blick in die Zukunft

Niemals zuvor haben auf unserem Planeten so viele Menschen so gesund, so gut ernährt und so lange gelebt wie heute. Alle wichtigen sozio-ökonomischen und medizinischen Indikatoren sind global besser geworden, vor allem die Lebenserwartung, die sich in den letzten hundert Jahren auf etwa 72 Jahre verdoppelt hat.

An dieser deutlichen Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen hat die Modernisierung der Landwirtschaft entscheidenden Anteil. Wesentlich dafür waren quantitative Steigerungen der Flächenproduktivität, die neben der Verbesserung der Sorten, der Mineraldüngung und der Anbau- und Erntetechnik vor allem auf der Entwicklung eines effektiven chemischen Pflanzenschutzes beruhen.

Dessen ungeachtet hat sich in den wohlhabenden Ländern eine ausgeprägte Skepsis gegenüber dem modernen Pflanzenschutz breitgemacht. Die Vorbehalte betreffen die Gesundheit der Verbraucher und Anwender und den Eingriff in den Naturhaushalt. Der deutliche Rückgang von Umweltbelastungen sowie der Verbraucher- oder Anwendergefährdung in den vergangenen drei Jahrzehnten ist von der Gesellschaft nicht zur Kenntnis genommen worden.

Vielmehr haben Ängste und Kritik zugenommen und führen zunehmend zur Einschränkung der Möglichkeiten im modernen Pflanzenschutz. Aus wissenschaftlicher Sicht wird das Risiko von Pflanzenschutzmitteln systematisch überschätzt, während die Wohlfahrtseffekte des Pflanzenschutzes hinsichtlich Erntesicherung und Produktivität, die essentiell für die Ernährungssicherung und die Schonung von Naturflächen sind, weitgehend ignoriert werden.

Davon zunehmend betroffen sind die Vielfalt, Verfügbarkeit und Wirksamkeit von Pflanzenschutzmitteln. Strengere Zulassungsanforderungen in den beiden letzten Jahrzehnten haben zwar zu den großen Fortschritten bei der Reduzierung toxikologischer und ökotoxikologischer Risiken beigetragen, aber auch zur erheblichen Steigerung der Zulassungskosten und Verlangsamung der Innovationen bei Pflanzenschutzmitteln geführt.

Die Folge ist eine deutliche Zunahme von Indikationen, für die nur noch weniger als drei Resistenzklassen (RK) zur Verfügung stehen. So sind derzeit nur noch etwa 36 Prozent aller Einzelindikationen mit den für ein nachhaltiges Resistenzmanagement erforderlichen 3 RK abgedeckt. Im Ackerbau ist die Situation bei Herbiziden mit 4,4 Prozent und Insektiziden mit nur noch 2,4 Prozent Verfügbarkeit von mindestens 3 RK besonders angespannt.

Die zunehmenden Einschränkungen im Pflanzenschutz gefährden die Produktivität der Landwirtschaft und die Profitabilität der Betriebe. Eine nachhaltig produktive Pflanzenproduktion ist ohne effektiven Pflanzenschutz nicht möglich. Die Evolution der Schadorganismen geht weiter, invasive Arten kommen hinzu. Vorbeugende Maßnahmen und Resistenzzüchtung sind essentielle Bestandteile des integrierten Pflanzenschutzes, sind aber begrenzt in Bezug auf Effizienz, durch lange Vorlaufzeiten und den Mangel an bestimmten genetischen Ressourcen (Insektenresistenz!).

Als Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz rücken vorbeugende Maßnahmen des integrierten Pflanzenschutzes, wie Bodenbearbeitung, Sortenwahl, Fruchtfolge und Saattermin, sowie der biologische Pflanzenschutz (Biologicals) und mechanisch-digitale Ansätze in den Fokus. Biologicals gewinnen zwar an Bedeutung, jedoch ist ihr Einsatzbereich nur sehr begrenzt und wird es auch bleiben. Gleiches gilt für mechanische Verfahren, deren Einsatzmöglichkeiten auf die Bekämpfung von Unkräutern und Ungräsern beschränkt ist. Biologicals und mechanisch-digitale Verfahren werden sich deshalb auf Nischenanwendungen beschränken.

Große Hoffnungen ruhen auf den neuen Züchtungsmethoden. Ihre Entwicklung bis zur Anwendungsreife benötigt noch viele Jahre und setzt vor allem Technologieoffenheit der Gesellschaft voraus. Aus all dem wird deutlich: Selbst bei Annahme großer Technologieoffenheit für neue Züchtungsmethoden und der Nutzung noch bestehender Einsparpotenziale des Pflanzenschutzmittel-Einsatzes wird auf absehbare Zeit der Bedarf an effektivem chemischen Pflanzenschutz als integraler Bestandteil produktiver Pflanzenbausysteme bestehen bleiben.