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Fazit der DLG-Wintertagung: „Wir haben es in der Hand“

„Der Agrarstandort Deutschland hängt von der Kreativität, der Innovationsfreude und dem Engagement der Branche selbst ab.“ Dies ist das Fazit einer Analyse von DLG-Präsident Hubertus Paetow auf der DLG-Wintertagung 2020 in Münster. „Wir haben es in der Hand“, mahnte der DLG-Präsident zum Abschluss seiner Rede in der öffentlichen Plenumsveranstaltung.

Unter dem Leitthema „Agrarstandort Deutschland – Weltmarkt, Premiummarkt, Marktausstieg?“ zog die Veranstaltung rund 1.000 Landwirte und Landwirtinnen sowie Fachleute aus Wissenschaft und Beratung in die westfälische Metropole. „Neben einer Diversität der Arten sollten wir auch eine Diversität bei den landwirtschaftlichen Geschäftsmodellen anstreben“, forderte Paetow. „Für jeden Standort und Betriebstyp wird es einen erfolgreichen Weg in die Zukunft geben, er ist nur nicht für alle derselbe. 

Vom Ökolandbau mit Direktvermarktung bis zur Getreideproduktion für den Nordafrikanischen Markt wird es alle Konzepte weiterhin geben, und diese erfordern unterschiedliche Entwicklungspfade.“ Politik und Gesellschaft sollten die Rahmenbedingungen so setzen, dass sich möglichst viele Betriebe entsprechend ihrer Stärken im Wettbewerb entwickeln können. Der DLG-Präsident empfiehlt dafür flexible zielorientierte Maßnahmen statt starres Ordnungsrecht.

Hubertus Paetow zeigte anhand von Beispielen die unterschiedlichen Entwicklungspfade für die landwirtschaftlichen Märkte auf:

Option Marktausstieg

Großbritannien hat heute einen Selbstversorgungsgrad mit Nahrungsmitteln von 60 Prozent, der Anteil der Landwirtschaft an Bruttosozialprodukt liegt bei 0,5 Prozent. Agrarexporte finden nur in geringem Umfang statt. Die Nahrungsmittelversorgung aus eigener Produktion ist bei der ehemaligen Kolonialmacht England heute traditionell nur noch wenig von Bedeutung. Nur diejenigen Nahrungsmittel werden noch selbst produziert, mit denen man international wettbewerbsfähig ist. Damit gibt man aber sukzessive die Kompetenzen in den anderen Feldern auf. Vor allem hat man es nicht mehr in der Hand, unter welchen Standards die Nahrungsmittel erzeugt werden, die man verbraucht.

In Deutschland ist ein Marktausstieg im Beispiel der Sauenhaltung schon jetzt zu spüren: Hier kommen heute nur noch 60 Prozent der gemästeten Ferkel aus dem Inland. Andere Länder haben dagegen stark auf die Erzeugung von Ferkeln für den deutschen Markt gesetzt. „Wenn wir auf die chirurgische Kastration verzichten, wird sich der Anteil der Importe noch weiter erhöhen, und es wird für den deutschen Verbrauch kein einziges Schwein weniger kastriert. Wer die globalen Aspekte der Nachhaltigkeit bei Tier- und Klimaschutz oder Biodiversität im Blick hat, dem bietet der Marktausstieg keine Lösungen“, so Paetow.

Option Weltmarkt

Noch in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts war es ein wesentlicher Vorwurf an die deutsche Landwirtschaft, dass sie auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig war, dass sie nicht zu Weltmarktpreisen produzieren konnte.

Als Kommissar McSharry 1992 in seiner Agrarreform die Preisstützung und den Außenschutz drastisch herunterfuhr, hielten viele es für unmöglich, dass unter diesen Bedingungen noch weiter Landwirtschaft in Deutschland und Europa betrieben werden könnte. Zu groß seien die Nachteile einer Produktion in einem Land mit hohen Faktorkosten bei Lohn und Fläche. Unvorstellbar erschien es, mit den großen Agrarproduzenten in Nord- und Südamerika mitzuhalten. 

Paetow stellt dazu fest: „Es ist anders gekommen. Die Märkte haben sich neu sortiert, die weltweite Nachfrage ist weiter gestiegen, die Betriebe haben ihre Produktivität noch weiter gesteigert. Heute sind deutsche Landwirte bei vielen Agrarprodukten international konkurrenzfähig, und das obwohl im Wesentlichen nur noch der Faktor Boden subventioniert wird.“ Weltmarktproduktion bedeute jedoch auch, dass die Produktion in ihren Rahmenbedingungen nicht wesentlich aufwändiger organisiert sein darf, als dies in anderen Regionen der Welt der Fall ist. Gerade dies sei aber im Moment in Gefahr – vor allem in Deutschland.

Mit suboptimaler Nährstoffversorgung, einem stark eingeschränkten Werkzeugkasten bei Pflanzenschutz und Züchtungsverfahren und hohen Ansprüchen an eine artgerechte Tierhaltung ließen sich keine exportfähigen Produkte mehr herstellen. Im Gegenteil, das eröffne Chancen für andere Spieler, auch auf den inländischen Märkten. Denn der deutsche Verbraucher habe, so der DLG-Präsident, keine hohe Präferenz für einheimische Produkte, wie dies etwa in Frankreich der Fall ist.

Um im internationalen Agrarhandel weiterhin eine Rolle spielen zu können, sollte die deutsche Landwirtschaft weiterhin versuchen, möglichst viele von den Fortschritten in den Agrarwissenschaften zu nutzen. Dazu gehören neue Pflanzenschutzmittel, die noch zielgenauer die Schädlinge und Unkräuter regulieren, ebenso wie neue Züchtungstechnologien, mit denen man das Spektrum der marktfähigen Kulturarten erweitern könne. Das müsse gar nicht zu einer weniger umweltverträglichen Produktion führen. 

„Und wir müssten versuchen, die Nachhaltigkeit der Produktion als Produktionsmerkmal mit zu verkaufen. Gerade auch auf internationalen Märkten, dort, auf denen Verbraucher bereit sind, für garantierte Nachhaltigkeit auch mehr zu bezahlen“, meinte Paetow. „Das ist gar nicht so unwahrscheinlich, wenn man sieht, dass zum Beispiel deutsche Milchprodukte in China nach diversen Skandalen um einheimische Produkte hoch im Kurs stehen. Die Agrarproduktion für den Weltmarkt, eingebettet in ein globales System der nachhaltigen Entwicklung, kann also auch für ein Land wie Deutschland ein sinnvolles Ziel sein.“

Option Premiummarkt

Der Premiummarkt ist das Segment, das in der Gesellschaft heute als der Weg einer zukunftsfähigen Landwirtschaft gesehen wird. „Warum machen wir nicht alle nur noch ökologisch erzeugte, regionale Produkte und verkaufen diese dann kostendeckend an die Verbraucher, die das doch alle wollen? Leider ist dieser letzte Punkt der Pferdefuß an der Sache. Inzwischen wissen wir aus Feldstudien unter realen Bedingungen ziemlich genau, wie viele, oder besser, wie wenige Verbraucher tatsächlich bereit sind, für Premiumprodukte auch Premiumpreise zu bezahlen. 

Und wir wissen auch, dass es gar nicht mehr so einfach ist, eine neue Marke so zu platzieren, dass die Botschaft bei den Verbrauchern ankommt. Das geht noch am besten bei der Direktvermarktung, aber schon bei den Angeboten im LEH ist die Nische für das regionale Produkt schon eng“, resümierte der DLG-Präsident nachdenklich.

Beim Ökolandbau, der als der größte und stabilste Premiummarkt gilt, wachse die Nachfrage aber leider auch nicht in den Himmel, zumindest nicht zu den heutigen Preisen.

Paetow sieht hier eine Lösung, wenn es gelänge, die Ertragslücke zwischen klassischem und ökologischem Anbau zumindest zum Teil zu schließen, so dass die notwendigen Preisaufschläge und Subventionen langfristig sinken könnten. Eine solche Entwicklung sei im Moment allerdings nicht in Sicht, die Ertragslücke im Ackerbau werde aktuell eher größer.

Perspektiven

Für die DLG gelte es jetzt, möglichst präzise die Folgen der verschiedenen Optionen vor allem aus der Perspektive der globalen Nachhaltigkeit zu analysieren und den Betrieben für die verschiedenen Entwicklungspfade optimale Anpassungsstrategien zu empfehlen.

Das Thema „Agrarstandort Deutschland“ sei einerseits für die Entwicklung der landwirtschaftlichen Betriebe von höchster Bedeutung, andererseits in hohem Maße von politischen Entscheidungen abhängig.

Das heißt, so der DLG-Präsident, „Dass wir auch in Zukunft als DLG die Auswirkungen von Politik bewerten müssen, und von Fall zu Fall auch Vorschläge zu deren Gestaltung machen.“ Abschließend betonte Paetow: „Ich würde mich sehr freuen, wenn wir in der heutigen Tagung auch etwas gegen die Angst tun könnten, dass es morgen gar keine Perspektive für den Agrarstandort Deutschland mehr gibt. Diese Perspektive für den Agrarstandort Deutschland hängt im Wesentlichen von der Kreativität, der Innovationsfreude und dem Engagement der Branche selbst ab. – Wir haben es in der Hand.“

 

Dass diese unternehmerischen Eigenschaften auf einer DLG-Wintertagung spürbar sind, stellte einen Tag vorher Julia Klöckner, Bundesministerin für Landwirtschaft und Ernährung, in ihrer Rede vor der DLG-Mitgliederversammlung fest: „Die einen sagen, so schlimm war es nie, die anderen – ich glaube das war bei der DLG – sagen, so spannend war es nie.“ Sie hatte die DLG-Mitglieder über die Ackerbau-Strategie des BMEL und die Ergebnisse der Borchert-Kommission informiert. Mit nationalen Dialogforen sollen die Kommunikation von Land und Stadt gefördert und ein gesellschaftlicher Konsens für die Landwirtschaft gefunden werden.


Für Professor Dr. Harald Grethe von der Humboldt-Universität Berlin stellte der Appell „Wir haben es in der Hand!“ des DLG-Präsidenten Paetow die passende Antwort auf seinen Vortragstitel: „Was sind die Zukunftsmärkte für Deutschlands Agrarunternehmer?“ dar. Die Landwirtschaft sei nun gefordert, Konzepte vorzulegen, zum Beispiel eigene Nachhaltigkeitskriterien zu definieren. Die Führungs- und Tatenlosigkeit in der Agrarpolitik beschrieb Grethe mit dem Bild „Der Bus ist voll besetzt und fährt irgendwo hin. Und erst jetzt schauen wir zum Fahrerplatz und sehen, dass er leer ist.“ Er kritisierte, dass viele Ökonomen, die sich in der Diskussion zu Wort melden, ein zu eingeschränktes Bild der volkswirtschaftlichen Zusammenhänge hätten. Es gebe, neben Angebot und Nachfrage, auch den Tatbestand des Marktversagens und der externen Effekte.

 

Es klaffe eine Gestaltungslücke in der Politik, die die Branche schnell mit eigenen Ideen unter Aushandlung mit den Stakeholdern schließen solle. Dass der Markt die von der Gesellschaft gewünschten Leistungen der Landwirtschaft honoriere, sei eine vergebliche Hoffnung, machte der Professor für internationalen Agrarhandel und Entwicklung deutlich: „Die Verbraucherpräferenzen unterscheiden sich von den Bürgerpräferenzen.“ Er hält es für besser, dass der Staat die gewünschten gesellschaftlichen Leistungen beim Landwirt einkauft und zum Beispiel über Tierschutzprämien oder Geld für Umweltleistungen honoriert. Diesen Markt für Gemeinwohlleistungen könnten unternehmerische Landwirte bedienen wie andere Produktionszweige auch. Grethe rechnete vor, dass 30 bis 35 Prozent des heutigen Produktionswertes der Landwirtschaft über die Bereitstellung von Gemeinwohlleistungen erlöst werden können. Die klassische Lebensmittelproduktion als Geschäftsmodell könnte seiner Meinung nach künftig für viele Betriebe nicht mehr zum Überleben reichen.

Hinweis

Tagungsunterlagen stehen für DLG-Mitglieder zum Download nach einem Login unter www.dlg-wintertagung.de  zur Verfügung.

Fachbeiträge vieler Redner der Tagung stehen unter www.dlg-wintertagung.de/blog/ zur Verfügung.

Die nächste DLG-Wintertagung findet vom 23. bis 24. Februar 2021 in Leipzig statt.