Zum Hauptinhalt springen

„Meine Kunden befinden sich bis 450 km weit weg“

Maren Ebinger ist mit ihren Eltern als Kind nach Argentinien gezogen. Ihre Mutter ist Argentinierin, ihr Vater Deutscher. Sie ist Tierärztin und arbeitet vor allem in Milchviehbetrieben mit Schwerpunkt in der Kälberaufzucht. Die Familie ihrer Mutter besitzt seit mehreren Generationen Land (ein Milchviehbetrieb von 500 Kühen und etwas Ackerbau: Mais, Soja, Weizen). Ebinger arbeitet mit zwei ihrer Geschwister in dieser Branche, sowohl im Familienbetrieb als auch auf anderen Höfen.

Frau Ebinger, bitte erzählen Sie uns etwas aus Ihren Alltag in einem Milchviehbetrieb in Argentinien. Wie müssen wir Europäer uns das Landleben in Südamerika vorstellen?

Maren Ebinger: Die Milchviehbetriebe, in denen ich arbeite, melken zwischen 400 und 800 Kühe. Es handelt sich um Ländereien in einer Größe von 400 bis 600 ha. Die Kühe befinden sich ganzjährig auf der Weide. Es wird aber auch zusätzlich ernährt mit Dürrfutter und Silage, überwiegend Maissilage. Diese wird mit dem Mixer verabreicht, wobei mit proteinhaltigen und anderen Kraftfuttern gemischt wird (gemahlene Maiskörner, Soja- u. Sonnenblumenschrot). Es gibt auch ganz wenige Betriebe, in denen die Kühe nicht weiden, sondern in Stallungen gehalten werden, weil man auf diese Weise mit weniger Landoberfläche auskommt, jedoch nicht aus klimatischen Gründen, wie dies zum Beispiel in Europa der Fall ist.  
 
Die Milchkuhrasse ist überwiegend Holstein. Die Melkstände sind meistens fischgrätenartig angeordnet. Es wird zweimal täglich gemolken, wobei eine Kuh im Jahresdurchschnitt täglich 23 bis 25 Liter Milch produziert. Da die Ländereien im Allgemeinen recht groß sind, müssen die Kühe lange Wege zurücklegen. Sie sind im Sommer großem Hitzestress ausgesetzt. Darüber hinaus werden die Wege durch den Regen vor allen Dingen im Herbst und Winter schlammig, was zu einer weiteren Belastung der Kühe führt. Die Kälber werden innerhalb 24 Stunden nach der Geburt von ihren Müttern getrennt. Die Aufzucht findet meistens einzeln im Freien statt. Im Alter von zwei Monaten wird die Milchernährung abgesetzt und es geht auf Gruppenhaltung über. Die Tiere werden anfangs nur mit Heu und Kraftfutter ernährt und gehen ab einem Alter von rund vier Monaten auf die Weide. Das Besamungsalter ist 15 Monate. Ziel des ersten Abkalbealters ist 24 Monate.

Meine Hauptarbeit besteht im Prepartum und in der Kälberaufzucht. Ich kümmere mich um die Ernährung und die Aufstellung und Durchführung des Gesundheitsplanes. Obwohl die neugeborenen Kälber 24 Stunden bei der Mutter bleiben, wird jedem Biestmilch verabreicht, damit sie genügend Abwehrkräfte haben. Ich trainiere das Personal, das für diese Arbeiten zuständig ist.

Durchfall und Rindergrippe sind die häufigsten Erkrankungen in der Kälberaufzucht. Alltäglich behandele ich davon betroffene Tiere. Eines der wichtigsten Ziele ist die Vorbeugung dieser und anderer Krankheiten, vor allem durch Hygiene und Management. Dies erfordert viel Belehrung des Personals. Ich arbeite Arbeitsprotokolle aus und kümmere mich um ihre Einführung auf dem Land. Normalerweise stellt man sich vor, dass die Arbeit eines Tierarztes nur in der Behandlung der Tiere besteht, aber am Ende jeden Arbeitstages müssen am Computer Daten eingetragen und Berichte geschrieben werden.

Mein Arbeitstag beginnt um 5 Uhr morgens. Die Mehrzahl der Betriebe meiner Kunden liegt in einem Umkreis von 80 bis 150 km, einige befinden sich sogar bis 450 km entfernt. Diese frequentiere ich aber weniger. Die Entfernungen sind groß und die Straßen, oftmals Erdwege, in schlechtem Zustand. Die Erdstraßen verwandeln sich bei Regen in schlammige Wege; Überschwemmungen machen sie hin und wieder unpassierbar. Ohne meinen Pickup mit Allradantrieb wäre ich “verloren”.

Ich lebe auf dem Land im Familienbetrieb. Um nach Hause zu fahren, muss ich 35 km Erdstraße passieren, die nächst größere Stadt ist 40 km, ein kleines Dorf 8 km entfernt. Dort gibt es weder einen Arzt noch eine Tankmöglichkeit. Die Qualität der Handyverbindung und Internet lässt zu wünschen übrig. Es leben immer weniger Menschen auf dem Lande, die Bevölkerung in den kleinen Dörfern (100 bis 300 Einwohner) dezimiert sich zusehends. Mein Arbeitstag endet mit Sonnenuntergang. Die körperliche Arbeit ist bei oftmals unfreundlichem Wetter ermüdend. Trotz allem gefällt mir, im Kontakt mit der Natur und den Tieren zu sein. Ich liebe meinen Beruf.

Welche positiven Einflussfaktoren, gemessen zum globalen Markt, sehen Sie im Fleischexport und in der Rinderzucht und der Politik zur Tiergesundheit?

Ebinger: Die Mehrheit glaubt, dass in Argentinien durch die große Landoberfläche und der geringen Bevölkerungsdichte die Rinderzucht nur auf weiter Prärie erfolgt. Seit rund 30 Jahren hat sich dies jedoch gewandelt. Seitdem haben auch „Feedlots“ (Viehgatter ohne Zugang zu Weiden) Einzug gehalten, wie anderorts auf der Welt. Die frei lebenden Rinderherden sind weniger geworden. Der Fleischexport hat in den letzten zwei Jahrzehnten große Änderungen erfahren. Erzwungene Preislimits auf nationaler Ebene und Exportabgaben haben die Fleischproduktion weniger lukrativ gemacht. Folge war, dass sich der Rinderbestand reduzierte und Argentinien auf dem Weltmarkt starke Verluste hinnehmen musste. In den letzten Jahren hat sich dieser Trend mit neuen Exportmaßnahmen wieder geändert und die Exportzahlen haben deutlich zugenommen.

… unter welchen negativen Faktoren könnten Argentiniens Michviehbauern leiden?

Ebinger: Die Politik hat in den letzten Jahrzehnten die Milchbauern in Argentinien nicht bevorzugt: Niedrige Milchpreise, hohe Produktionskosten, Milchexporteinschränkungen, Mangel an verlässlichen Rahmenbedingungen und geringe langfristig verfügbare Kredite haben dazu geführt, dass viele Milchbetriebe schließen mussten. Meistens handelt es sich dabei um kleine Betriebe. Es gibt eine klare Tendenz zur Konzentration der Produktion, da größere Ländereien bei reduzierter Gewinnspanne wettbewerbsfähiger sind.   
In den Regionen, wo es Milchbetriebe gibt, sind im Sommer die Temperaturen relativ hoch. Die Milchkuhrasse Holstein ist an dieses Klima nicht angepasst und leidet sehr unter der Hitze. Um den Hitzestress zu mindern ist es wichtig, genug Schatten zu haben. Im Melkstand werden oft Wassersprenger zur Abkühlung angewandt. Entscheidend ist auch, dass die Kühe auf dem Weidegang Zugang zu reichlichem Trinkwasser haben. Die Herden sind sehr umfangreich, bis zu 500 Kühen oder mehr, wobei die Wasserversorgung Probleme bereiten kann. Das kann zu bedeutenden Rückstanden in der Milchproduktion in den Sommermonaten führen, wenn die Betriebe das nicht richtig im Griff haben.

In den Herbst- und Wintermonaten regnet es meistens viel, da gibt es Probleme mit schlammigen Wegen. Man muss bedenken, dass die Kühe in Argentinien täglich lange Strecken zurücklegen, oft von über 2 km. Unter diesen Rahmenbedingungen produziert die Kuh nicht nur weniger Milch, es gibt außerdem mehr Klauenprobleme und Eutererkrankungen. 

Welche Rolle spielt Digitalisierung im Milchviehstall? Ergeben sich Vorteile in Ihrer beruflichen Tätigkeit als Tierärztin?

Ebinger: Es gibt heutzutage eine steigende Tendenz zur Digitalisierung, in Argentinien ist dies nicht so ausgeprägt wie in Europa. Das hängt einerseits damit zusammen, dass die Anschaffungskosten sehr hoch sind (sie müssen meistens importiert werden), und anderseits sind die Bauern und Angestellten, die bei ihnen arbeiten, nicht gewohnt mit dieser Technologie umzugehen. Vor rund zwei Jahren wurde der erste Melkroboter installiert, heutzutage gibt es knapp zehn im ganzen Land.

In meiner beruflichen Tätigkeit ergibt die Digitalisierung zahlreiche Vorteile. Beispielsweise wird die Aufnahme von Daten erleichtert und sie sind zuverlässiger. Es kann mehr Information erhalten werden, und die Analyse der Daten ist schneller und umfangreicher. Anhand dieser können Entscheidungen gezielter und im Voraus getroffen werden, um so die Effizienz des Produktionssystems zu steigern. Ich kann aus der Ferne die Daten von meinem Computer mit Internetanschluss analysieren, und die Betriebe bei bestimmten Entscheidungen beraten, ohne mich vor Ort zu befinden. Ich arbeite mit Software, um die Produktion, Ernährung und Fruchtbarkeit der Kühe nachzuverfolgen.

In einem der Milchbetriebe, die ich betreue, gibt es einen Kälberautomaten. Das ist in Argentinien sehr selten, weil - wie ich schon erwähnte - die Anschaffungskosten sehr hoch sind, und die Investitionsbereitschaft wegen unverlässlicher Rahmenbedingungen verhalten ist. Die Automatisierung der Milchtränke hat den Vorteil der Entlastung der Arbeit, die Ernährung der Tiere ist artgerechter, und es gibt weniger Chancen, Fehler zu machen. Dies führt zu einer Verbesserung vor allem der Tiergesundheit.

Sie sind seit zwölf Jahren DLG-Mitglied, welchen Nutzen ziehen Sie daraus?

Ebinger: Mir wird die Zeitschrift „DLG-Mitteilungen“ monatlich nach Argentinien zugesandt, und ich erhalte auch per E-Mail die DLG-Mitgliedernewsletter. Beide lese ich mit speziellem Interesse an den Artikeln über Rindergesundheit und Milchwirtschaft, da ich in dieser Branche arbeite. Im November 2016 habe ich die EuroTier in Hannover besucht.