Zum Hauptinhalt springen

Wir brauchen Ihre Stimme

Hubertus Paetow zur Rolle der DLG in schwierigen Zeiten

Dieses Jahr wird kaum einer von uns so schnell vergessen. Wer hätte gedacht, dass in einer Zeit von globaler Vernetzung, allgegenwärtiger Digitalisierung und Fortschritt an allen Enden die Natur in Form eines mikroskopisch kleinen Virus ihre Unbeherrschbarkeit so deutlich unter Beweis stellen könnte. 

Überdeutlich hat sich gezeigt, an wie vielen Stellen unser Zusammenleben aus Kontakt und Vernetzung besteht, was wir vermissen, wenn man sich nicht mehr persönlich begegnen kann. Auch in der DLG haben wir dies schmerzlich erfahren, zuletzt noch mit der Entscheidung, die Eurotier und EnergyDecentral vollständig in den digitalen Raum zu verlegen.

Die Krise hat in der Branche tiefe Spuren hinterlassen, vor allem in der Schweinehaltung ist die Situation auf allen Stufen extrem angespannt. Das Zusammentreffen von Nachfragerückgang im Inland, fehlenden Schlachtkapazitäten durch Infektionen in den Schlachthöfen und Exportbeschränkungen durch den Ausbruch der ASP hat zu Preisen geführt, die für keinen Erzeuger mehr eine Kostendeckung ermöglichen – wenn denn überhaupt geliefert werden darf. Die Folgen dieser Krise werden nicht nur lange in den Bilanzen nachwirken, sondern leider auch zu einem beschleunigten Ausscheiden vieler eigentlich gut aufgestellter Betriebe führen.

Es gibt aber auch Lichtblicke. Die Preise für pflanzliche Erzeugnisse sind auf gutem Niveau stabil, der Milchpreis ist nicht so stark unter die Räder gekommen, wie es in der Pandemie zu befürchten war, und die Landwirtschaft profitiert insgesamt von geringeren Energiepreisen. 

Das herausragende Thema der vergangenen Jahre, die intensive Diskussion zwischen den vielen verschiedenen Interessengruppen über die Landwirtschaft der Zukunft, ist auch in der Pandemie weiter vorangeschritten. Die Proteste haben Wirkung gezeigt, die Traktoren auf den Straßen haben unseren Mitbürgern ins Gedächtnis gerufen, dass hinter der vielgescholtenen Landwirtschaft vor allem Menschen stehen. Familien, deren Zukunftsperspektiven und Bedeutung für das gesellschaftliche Leben bei aller Sorge um die Wildbienen mit bedacht werden müssen. 

Als großen Fortschritt nehme ich die veränderte Diskussionskultur über die Weiterentwicklung des Ernährungssystems wahr. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung findet nicht mehr über “wir haben es satt”- Demonstrationen statt, sondern in ausgewogen besetzten und gut moderierten Kommissionen, sei es die Borchert-Kommission mit ihren breit akzeptierten Vorschlägen zur Zukunft der Nutztierhaltung oder auch die Zukunftskommission bei der Bundesregierung, aus der hoffentlich ebenso tragfähige Ergebnisse für die gesamte Land- und Lebensmittelwirtschaft kommen.

Diese politischen Prozesse haben für unser Kernanliegen der DLG, die Förderung einer fortschrittlichen Landwirtschaft, eine ungleich größere Bedeutung als noch vor wenigen Jahren. Fortschritt ist heute nicht mehr automatisch alles, was Flächenertrag, Milchleistung oder Tageszunahme steigert oder Arbeitskosten spart – Fortschritt unterliegt viel mehr als in der Vergangenheit einem gesellschaftlichen Zustimmungsvorbehalt. 

Wir haben dies bei der Gentechnik erlebt und sehen heute ähnliche gesellschaftliche Vorbehalte bei Pflanzenschutz, modernen Züchtungsmethoden und Tierhaltungsverfahren. Der offensichtliche Nutzen einer Technologie reicht nicht mehr aus, um die Akzeptanz und damit die Anwendbarkeit zu erreichen. Unser heutiges Fortschrittsverständnis will auch alle potentiell negativen Folgen einer Innovation, und seien sie auch noch so unwahrscheinlich, ausgeschlossen wissen.

Diese Veränderung in der Sicht einer Gesellschaft auf den Fortschritt erfordert auch von uns als DLG ein Umdenken. War es bisher ausreichend, Innovationen auf ihre Eignung hin zu bewerten und den Betrieben Hinweise zu deren Einführung zu geben, so ist eine Fachorganisation heute viel mehr auch im öffentlichen Diskussionsprozess gefragt. 

Diese Beteiligung einer DLG muss zum Ziel haben, den fachlichen Aspekten in der Diskussion zu mehr Gewicht zu verhelfen und die Zusammenhänge zwischen einer Agrar- und Lebensmittelproduktion und deren Auswirkungen auf die gesamte Nachhaltigkeit aufzuzeigen. 

Diese fachlichen Aspekte der Diskussion müssen wir in Zukunft vermehrt in den Ausschüssen und der ganzen DLG-Familie weiterentwickeln. Wir müssen nicht nur Antworten darauf haben, wie man Pflanzen bedarfsgerecht düngt und Tiere artgerecht hält, wir müssen uns auch aktiv einbringen, wenn es darum geht, mit welchen rechtlichen und finanziellen Mitteln dieser Fortschritt zu erreichen ist. Die DLG muss sich als Anwalt des Fortschritts in Zukunft auch mit der Folgenabschätzung von politischen Entwicklungen beschäftigen und Hinweise geben, wie gesellschaftliche Ziele am effizientesten zu erreichen sind.

Dazu brauchen wir auch in Zukunft Ihre Stimme im fachlichen Diskurs, am runden Tisch der DLG auf der Suche nach den besten Wegen in die Zukunft. Wir sollten aus der gegenwärtigen Krise mitnehmen, dass man dazu nicht immer physisch zusammenkommen muss – eine gute Mischung aus virtueller und persönlicher Zusammenarbeit ermöglicht auch in der Facharbeit einen Fortschritt, vor allem in der Schnelligkeit, mit der man sich zu den Themen austauschen kann. Aber natürlich lebt die DLG auch in Zukunft vom Netzwerk, von der Begegnung und dem intensiven Austausch mit allen Sinnen, wie er nur auf realen Veranstaltungen, seien es Ausschusssitzungen, Tagungen oder Ausstellungen, möglich ist.

Ich wünsche unserer DLG, dass sie in der neuen Normalität, die hoffentlich bald kommt, ihre alten und neuen Aufgaben mit Ihnen allen zusammen erfüllen kann, dass wir uns mit Freude wieder treffen und routiniert aus der Ferne zusammenarbeiten, und dass unsere einzigartige Fachfamilie für uns alle eine wichtige Quelle des Wissens um den Fortschritt bleibt.

Ich wünsche Ihnen allen auf den Höfen, in den Unternehmen und Institutionen, dass Sie gut durch diese schwierige Zeit kommen, dass Sie und Ihre Familien gesund bleiben, dass Sie Wege finden, mit den vielen neuen Herausforderungen erfolgreich umzugehen, und dass wir uns möglichst bald wieder treffen, um uns gemeinsam auf den Weg in eine erfolgreiche Zukunft zu machen.