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„Nicht als „Partei“, sondern offen und transparent“

Herr Jäger, stellen Sie sich uns doch bitte kurz vor. War Ihnen das Interesse für die Landwirtschaft schon „in die Wiege gelegt“?

Peter Jäger: Eigentlich komme ich aus einer eher städtischen Umgebung, nämlich Landau i. d. Pfalz. Für städtische Verhältnisse hatten wir allerdings einen riesengroßen Garten. Dementsprechend war die Familie in hohem Maße Selbstversorger mit allen möglichen Gemüsesorten, Beeren- und Baumobst. Daneben wurden noch Kleintiere gehalten. Wahrscheinlich war dies der Anlass, dass ich mich für die Landwirtschaft und insbesondere die Tierhaltung begeisterte. Als Kinder und Jugendliche waren wir damals auch jedes Jahr in der Weinlese. Weinbau war und ist in der ganzen Region ein wichtiger Wirtschaftszweig.

Und dann haben Sie beruflich die Richtung Landwirtschaft eingeschlagen…

Jäger: Nachdem ich die Mittlere Reife an einem naturwissenschaftlichen Gymnasium abgelegt hatte, folgten zwei Jahre landwirtschaftliche Lehre, damals auf der Lehr- und Versuchsanstalt Neumühle in Münchweiler/Pfalz, gefolgt von Ausbildung an der Ingenieurschule Bad Kreuznach, der Vorgängerin zur heutigen Technischen Hochschule Bingen. Hier hatte ich übrigens auch die ersten Kontakte zur DLG. Während der Studienzeit habe ich viele Ausstellungen und Vortragstagungen besucht. Nach dem Abschluss war ich Assistent am Max-Planck-Institut, MPI, für Landarbeit und Landtechnik unter Professor Preuschen bei Dr. Walter Rüprich. In dieser Zeit waren wir mit Fragen der Gülle“entsorgung“ befasst und ich war Mitautor des 1973 herausgegebenen Buches „Mist und Gülle“ von Professor Vetter im DLG-Verlag. Am MPI habe ich auch Einblicke in Arbeitswirtschaft, Arbeitsstudien und Versuchsauswertungen und eine Ausbildung in Datenverarbeitung und Programmierung in Frankfurt erhalten.

Dann erfolgte der Wechsel zum KTBL…

Jäger: 1973 wechselte ich zum KTBL in die Abteilung Ökonomie, zunächst in Frankfurt, später in Darmstadt. Zu meinen ersten Aufgaben gehörte es, an den Universitäten entwickelte EDV-Programme in breiterem Umfang praktisch anwendbar zu machen, um beispielsweise Kalkulations- und Planungsdaten wie das KTBL-Taschenbuch für die Praxis und Beratung bereitzustellen. Damals erfolgte die Datenverarbeitung mit heute vergleichsweise primitiven Datenträgern wie Lochkarten, Lochstreifen und Magnetbändern. Wir nutzten das Rechenzentrum der Gesellschaft für Datenverarbeitung in Darmstadt mit einer sehr leistungsfähigen Telefunken-TR440-Anlage.

Die EDV-Welt in den 1970ern war sicherlich noch eine andere als heute…

Jäger: Das ist für die Jüngeren tatsächlich schwer vorstellbar. Das folgende Beispiel zeigt, wie ein Arbeitsablauf damals aussehen konnte: Wir hatten zusammen und im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums Rheinland-Pfalz eine Untersuchung mit Flurbereinigungsbehörden über die Wirkung von Flurvereinigungen auf die betriebliche Leistungsfähigkeit. Die erfassten Daten wurden durch Hilfskräfte auf Lochkarten übertragen, in der Nacht per EDV ausgewertet und am Folgetag vorgelegt und interpretiert. In der EDV oder IT, wie man heute sagt, war ich damals im KTBL eher Einzelkämpfer. Erst viel später kamen weitere Mitarbeiter als Programmierer oder Datenbankspezialisten dazu. Immer neue Anpassungen der Software wurden durch die rasante technische Entwicklung bestimmt und wir stellten von Lochkarten und Magnetbändern auf IBM-Großrechner beim Bayerischen Staatsministerium in München um. Die Datenfernverarbeitung fand zuerst per Standleitung statt, danach mit Datex-P, das im Prinzip ein Vorgänger des heutigen Internets ist.

Die damalige Technik war vermutlich auch anfälliger für Störungen?

Jäger: Da erinnere ich mich an eine Begebenheit Mitte der 1980er auf der DLG-Ausstellung in München auf der Wiesn. Ich war lange Jahre auf dem KTBL-Stand der DLG-Ausstellungen tätig. Wir waren mit einem eigenen Terminal zusammen mit den Mitarbeitern und Beratern des bayerischen Staatsministeriums in einem Zelt zentral untergebracht. Nach anfänglich ordentlichem Betrieb brach dann die komplette Verbindung zum Großrechner zusammen. Es wurden alle Hebel in Verbindung gesetzt, um die Ursache zu finden und zu beseitigen. Nach mehreren Tagen – wir stellen uns das Grinsen der Landwirte ob der anfälligen Technik vor – wurde die Missetäterin entdeckt. Das Kabel war lose über das Gelände verlegt und verlief auch durch ein Zelt mit den Ausstellungstieren. Dort hatte eine Kuh vermutlich unwissentlich und auch nicht ohne Weiteres sichtbar die Kabelverbindung unterbrochen.

In Ihrer beruflichen Laufbahn haben Sie dann bestimmt viele IT-Meilensteine erlebt?

Jäger: Wenn ich zurückdenke, dann fällt mir ein, dass wir für die ersten IBM-PCs mit 640 kB Arbeitsspeicher, 10 MB-Festplatte, 360-KB-Diskette und Datenfernverarbeitungsanschluss um die 20.000 DM bezahlt haben. Anfang bis Mitte der 1990er Jahre begann sich dann die Technik des weltweiten Netzes, Word Wide Web, und des vernetzten Datenangebotes durchzusetzen. Umfangreiche und leistungsfähige Online-Anwendungen des KTBL stehen heute der Landwirtschaft kostenfrei zur Verfügung. An einigen dieser Berechnungen zu Maschinenkosten, Arbeitszeitkalkulationen oder Biogasrechner habe ich mitgewirkt. Nebenbei habe ich privat CD-Sammlungen mit historischer Landtechnik angelegt.

Wie sind Sie zur DLG gekommen? Was haben Sie in 50 Jahren DLG alles erlebt?

Jäger: Es waren zweifellos die großartigen Ausstellungen und auch Vortragstagungen, die mich bereits während der Studienzeit durch ihre Informationsfülle begeistert haben. Die DLG-Ausstellungen kenne ich ja auch noch als Wanderausstellungen und wie bereits erwähnt war ich während meiner Tätigkeit beim KTBL praktisch auf jeder DLG-Ausstellung bei der Standbesatzung. Zweimal hatte ich die Ehre den Bundesministern Josef Ertl, der später DLG-Präsident wurde, und Ignaz Kiechle unsere EDV-Anwendungen auf einer DLG-Ausstellung zu präsentieren.

Wo sehen Sie heute die wichtigen Aufgaben für die DLG?

Jäger: Die weitreichende Unabhängigkeit der DLG von Politik und Industrie ist meines Erachtens ein hohes Gut und zugleich Verpflichtung. Auch die Unabhängigkeit von zeitweiligen Modeerscheinungen in den Meinungen scheint mir ein Gebot der Stunde. Als Beispiel möchte ich die Gentechnik nennen. In den neuen Verfahren CRISPR/Cas bestehen riesige Chancen zu weiteren immensen Verbesserungen. Es gilt auch für die DLG, bei der Abschätzung von Risiken und Chancen aktiv in die Kommunikation zu den Verbrauchern und allen Interessenten einzuwirken. Nicht als „Partei“ sondern offen und transparent mit flexibler Reaktion auf allgegenwärtige Änderungen. Das gilt im weitesten Sinne natürlich auch für Umweltprobleme von der Luft- und Wasserreinhaltung, Schadstoffreduzierung, Diversifizierung, Schutz natürlicher Ressourcen. Und wenn ich einen Blick in die Zukunft werfen darf: Ich habe gerade wieder einmal die Lebensgeschichte von Max Eyth, dem Gründer der DLG, gelesen. Zu seiner Zeit hat er mit der Gründung Mitglieder aus -zig Kleinstaaten zusammen gebracht, um große Aufgaben zu bewältigen. In Fortsetzung seiner Idee ist meines Erachtens die Zeit reif für eine Europäische Landwirtschaftsgesellschaft!

Die Fragen stellte Angelika Sontheimer, freie Journalistin, Winsen (Aller).

Zur Person:

Peter Jäger ist in Landau in der Pfalz geboren. Nach landwirtschaftlicher Lehre und Ingenieurschule in Bad Kreuznach wurde er technischer Assistent am Max-Planck-Institut für Landarbeit und Landtechnik. Später wechselte er zum Kuratorium für Technik und Bauwesen, KTBL.