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Zum Zustand des deutschen Waldes

Das Pressereferat des Bundestages berichtet von dem öffentlichen Fachgespräch des Bundestags-Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit über den Zustand des deutschen Waldes:

Waldumbau nach heutigen Maßstäben werde in Deutschland seit etwa 40 Jahren betrieben, bilanzierte Sven Wagner von der Technischen Universität Dresden. In erster Linie durch die Waldschäden der 1980er-Jahre initiiert, seien eine Erhöhung des Laubbaumanteils und die Förderung von Mischwäldern angestrebt worden. Dabei seien – etwa bei der Abkehr von der Kahlschlagswirtschaft – durchaus Fortschritte erzielt worden.

Nun stelle jedoch der Klimawandel eine zusätzliche Herausforderung dar. Wagner sprach von einem "erschreckenden Maß" an Kronenschädigungen auch bei Laubbäumen und wies auf neue Schädlinge wie den Eichenprozessionsspinner hin. "Die Wälder drohen auf großer Fläche ihre Leistungsfähigkeit zu verlieren", warnte der Experte. Er plädierte dafür, durch ein "Set aus relevanten Umbaumethoden" die multifunktionale Struktur der Wälder zu erhalten und die Biodiversität zu schützen.

Die Gefahr einer Heißzeit hob Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde hervor. Die Erwärmung beschleunige sich, wodurch auch Austrocknung und Verdunstung zunähmen. Verstärkt werde diese Entwicklung durch Kahlschläge und Räumung großer Waldflächen. "Viele Wälder sind in den letzten Jahren regelrecht heiß geschlagen worden", kritisierte der Experte.

Geboten sei es deshalb, den Wald und die umgebende Landschaft so zu steuern, dass Kühlung und Wasserrückhaltung zu einer verbesserten Regeneration und Entwicklung von Wäldern beitrügen. Für ältere Laubmischwälder forderte Ibisch ein sofortiges Einschlagsmoratorium.

Sehr viel weniger dramatisch schätzte Hakola Dippel die Situation ein. Der Forstingenieur, der 18 Jahre lang ein kommunales Forstrevier geleitet hat, sprach von einem "guten Zustand des Waldes". Der Wald sei zwar momentan durch Stürme sowie zwei trockene Sommer geschädigt; diese "Störung" werde aber in wenigen Jahrzehnten behoben sei. Denn mit Pionierbaumarten wie Birken oder Weiden entstehe auf natürliche Art und Weise wieder Wald.

Auch in der Vergangenheit hätten es Forstleute immer wieder geschafft, aus verwüsteten Waldflächen einen arten- und ertragreichen Wald zu machen, erklärte Dippel. Ein Waldumbau zur Förderung von Klimaresilienz sei überflüssig, da man die Entwicklung des Klimas nicht vorhersagen könne.

Politische Aspekte hob Daniela Kleinschmit von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg hervor. Sie verwies auf die Zielkonflikte beim Wald, insbesondere den Konflikt zwischen Schutz und Nutzung des Waldes. Wenn mehr Naturschutz weniger Rohholzbereitstellung bedeute, drohe eine Verhärtung solcher Konflikte. Problematisch sei außerdem die kleinteilige Struktur der Waldeigentümer: 48 Prozent der Waldflächen gehörten 1,8 Mio. Kleineigentümern, die im Durchschnitt lediglich 12 ha Wald besäßen. Hier stelle sich die Frage, wie man diese Eigentümer einbeziehen und Akzeptanz für politische Maßnahmen erreichen könne.

Der Waldumbau müsse beschleunigt werden, forderte Ralf Kätzel vom Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde. Da die Intensität der Stressfaktoren für den Wald zunehme, müsse man alles tun, um solche Stressfaktoren durch ein intelligentes Waldmanagement zu reduzieren. Vorrang müsse dabei der Schutz der Photosyntheseleistung haben - es gelte also, Blattmasse vor Pflanzenfressern zu schützen. Zudem müssten weitere Baumarten eingebracht werden, um so die Biodiversität zu erhalten.

Für ein Einschlagsmoratorium für naturnahe Laub- und Mischwälder sprach sich Sandra Hieke von Greenpeace Deutschland aus. Nur 2,8 Prozent der Wälder in Deutschland seien dauerhaft geschützt, kritisierte sie, während fast alle anderen intensiv genutzt würden und Kahlschlägen ausgesetzt seien. Dabei verwies sie auf eine vom Öko-Institut verfasste Studie, wonach der Wald im Prinzip dreimal so viel CO2 binden könnte, wie dies derzeit der Fall sei. Voraussetzungen dafür seien die Einrichtung von Schutzgebieten und eine weniger intensive Bewirtschaftung.

Zudem betonte Hieke, dass Holz als Energieträger nicht klimaneutral sei und deshalb nicht oder erst am Ende der Nutzungskette verbrannt werden sollte.