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Verantwortungsvoll und differenziert betrachten

Stephanie Franck zu neuen Züchtungsmethoden

Das Potenzial, mit der Genom-Editierung verschiedene Bereiche der Lebenswissenschaften zu revolutionieren, ist mit der Vergabe des Chemie-Nobelpreises an Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna herausgestellt worden und hat auf diesem Weg eine große öffentliche Aufmerksamkeit erfahren.

Die beiden Wissenschaftlerinnen erhalten die besondere Auszeichnung verhältnismäßig kurze Zeit nach ihrer Entdeckung der CRISPR/Cas-Methode; die Forschung auf diesem Gebiet ist noch in vollem Gange. Mit der Methode kann die DNA in lebenden Organismen – Pflanze, Mensch und Tier – gezielt und präzise verändert werden. Darin liegen Chancen, aber auch Herausforderungen. Eine verantwortungsvolle Betrachtung unter Berücksichtigung wissenschaftlicher und ethisch-gesellschaftlicher Gesichtspunkte ist geboten.

Effizientere Pflanzenzüchtung

Angepasste Pflanzensorten sind vor dem Hintergrund klimatischer Veränderungen unverzichtbar. Die natürlichen Ressourcen, insbesondere Land und Wasser, die für den Anbau zur Verfügung stehen, sind begrenzt und müssen geschont werden. Einbußen bei Ertrag und Qualität können wir uns vor dem Hintergrund der Ziele Deutschlands und der EU nicht leisten, zu denen die komplette Abkehr von fossilen Ressourcen in den nächsten Jahrzehnten gehört.

Kontinuierlicher Züchtungsfortschritt für eine Vielzahl von Merkmalen ist daher wichtig. Trotz zahlreicher moderner Methoden und Verfahren, die die Pflanzenzüchtung heute schon nutzt, bleibt sie aufwendig. Zehn bis 15 Jahre vergehen, bis eine Sorte in der Landwirtschaft ankommt. Neue Verfahren könnten nun helfen, diesen Züchtungsprozess zu ergänzen.

Anwendungsformen differenziert betrachten

Die neuen Züchtungsmethoden können unter anderem zur Erzeugung von Mutationen innerhalb der natürlichen Artgrenze genutzt werden. Die Pflanzen unterscheiden sich dann nicht von solchen, die natürlicherweise oder durch herkömmliche Züchtung entstehen können.

Die Politik tut sich schwer, die aufgrund der technischen Weiterentwicklung sinnvolle Anpassung des europäischen Gentechnikrechts, unter dessen Geltungsbereich die neuen Züchtungsmethoden fallen, anzugehen und eine differenzierte Bewertung der Anwendungsfälle vorzunehmen.

Fast 60 Pflanzenzüchtungsunternehmen haben kürzlich gemeinsam das Projekt PILTON gestartet und wollen den Nutzen neuer Züchtungsmethoden untersuchen. Unser Ziel ist es, Weizenpflanzen mit verbesserter, multipler und dauerhafter Pilztoleranz durch CRISPR/Cas zu entwickeln. Konkret geht es in diesem Beispiel aus der züchterischen Praxis darum, das Potenzial zur Einsparung von Pflanzenschutzmitteln zu evaluieren.

Darüber hinaus prüfen wir, ob und wie derzeit angebotene CRISPR/Cas-Methoden von Unternehmen der Pflanzenzüchtung, auch vor dem Hintergrund bestehender Patente, genutzt werden können.

Pflanzenzüchter in die Lage versetzen, Methoden nutzen zu können

Im Zuge des Wegfalls vieler Pflanzenschutzwirkstoffe und geänderter Düngeregularien müssen leistungsfähige Sorten noch stärker als bisher zur Lösung der vielfältigen Aufgabenstellungen in der Landwirtschaft beitragen. Neue Züchtungsmethoden könnten dabei maßgeblich unterstützen. Wir Züchter müssen aber, selbstverständlich unter Beachtung der Risiko- und Ressourcenvorsorge, in die Lage versetzt werden, die Methoden nutzen zu können. Fehlende Innovationen aus der Züchtung blockieren Reformen in der gesamten Landwirtschaft.