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Frauenpower in der Landwirtschaft

Julia Nissen wurde 1987 in Itzehoe geboren und ist in einem Landhandel in Kellinghusen aufgewachsen. Nach dem Landwirtschaftsstudium arbeitete sie einige Zeit als Redakteurin beim Bauernblatt Schleswig-Holstein. Seit 2016 ist sie für das „Forum Moderne Landwirtschaft" in Berlin tätig, seit 2020 als Leiterin Kommunikation und als Pressesprecherin. Außerdem hat sie am 2020 erschienenen Buch „Bauer trifft Bloggerin: Ehrensache Ehrenamt: Was Gerd Sonnleitner und Julia Nissen umtreibt“ mitgewirkt.

Auf Facebook, Instagram und deichdeern.com betreibt sie den Blog „Deichdeern“ (plattdeutsch für Deichmädchen), in dem sie von ihrem Leben auf dem Land in Nordfriesland berichtet.

Frau Nissen, Sie bringen Stadt- und Landmenschen miteinander ins Gespräch. War das schon immer so?

Julia Nissen:  Nicht ganz, aber fast. Ich möchte, dass sich Stadt- und Landmenschen wieder näherkommen, sich kennenlernen, Vorurteile abbauen und wieder wertschätzen. Ich habe eine bunte lebendige Kindheit zwischen Lkw-Fahrern und Bauern verbracht, später aber auch in Berlin-Kreuzberg gelebt, kenne also beide Seiten.

Eine Kindheit zwischen Lkw-Fahrern und Bauern?

Nissen:  Ja, ich bin sozusagen im Büro im Landhandel meiner Eltern aufgewachsen und war immer mit dabei. Man wächst dann buchstäblich mit Aussaat und Ernte auf, bekommt mit, wie die Waage an der Annahme funktioniert und wie viel Tonnen 18.3er-Milchleistungsfutter in Silo 1 passen. Das gehört alles mit dazu. In den Ferien wurden mein Bruder und ich dann einfach mit auf den Lkw gesetzt und waren damit sowohl beaufsichtigt als auch versorgt. Heute fährt mein Sohn beim Opa mit.

Und dann wollten Sie aber nicht in den elterlichen Landhandel einsteigen?

Nissen:  Sagen wir mal so, ich habe mich intensiv damit auseinandergesetzt. Natürlich gab es eine Phase zwischen zwölf und 18 Jahren, in der ich es eher mittelcool fand, was meine Eltern machen und ich beschloss, nicht genau das zu tun, was die Eltern machen. Ich habe dann ein Jahr die Hauswirtschaftsschule besucht und danach Landwirtschaft in Kiel studiert.

Ein Stück weit hat zu dieser Entscheidung wohl auch beigetragen, dass meinem Gefühl nach meine Mutter und mein Onkel in den elterlichen Betrieb einsteigen mussten, also fremdbestimmt waren. Allerdings, wenn ich heute darüber nachdenke, sind sie in einer Branche aufgewachsen, in der Werte wie Zusammenhalt und Verlässlichkeit, ähnlich wie im Handwerk, noch etwas gelten. Auf der anderen Seite gab es natürlich so etwas wie Elternzeit noch nicht, was für uns inzwischen selbstverständlich ist.

Können Sie denn heute Familie und Beruf gut miteinander vereinbaren?

Nissen: Meine Oma (väterlicherseits) war finanziell abhängig von meinem Opa, meine Eltern waren gleichberechtigt. Das hat mich geprägt. Für mich war immer klar, ich möchte mein eigenes Geld verdienen und für mich selbst die Verantwortung tragen. Es war für mich immer selbstverständlich, dass ich Kinder haben möchte. Genauso selbstverständlich war es aber für mich, dass ich in meinem Beruf arbeiten möchte. Bei meinem Sohn bin ich neun Monate zuhause geblieben, bei meiner Tochter ein Jahr.

In der ersten Elternzeit ist dann mein Blog "Deichdeern" entstanden, in der zweiten Elternzeit habe ich die „App aufs Land“ entwickelt, eine Art Jochen Schweizer fürs Landleben. Hierfür habe ich Fördergelder unter anderem durch Crowdfunding eingeworben und war vom Erfolg selber überrascht, als über 100.000 Euro zusammengekommen waren. So viel hat die App-Entwicklung gekostet.

Es braucht natürlich Struktur, feste Arbeitszeiten und Abläufe. Genau wie Männer darf man als Frau auch Hilfe annehmen und Arbeiten auslagern, indem man beispielsweise die Opportunitätskosten ausrechnet.

Nicht zuletzt hilft eine gleichberechtigte Partnerschaft: Auch mein Mann weiß, wie die Waschmaschine funktioniert. Wir können unseren Kindern nur ein Vorbild sein, wenn wir es vormachen und vorleben. Ich denke, jede*r muss selber entscheiden, wie man sich in der Elternrolle am besten fühlt. Einige Freundinnen sahen zum Beispiel nicht ein, warum ich meine Kinder in die Kita bringe – „du bist doch sowieso zuhause“ – aber ich habe gesagt, ich lasse sie lieber von einer pädagogischen Fachkraft gut betreuen und verwende meine Zeit für meinen Job. Unsere Kinder wissen, dass Erfolg auch mit Arbeit zusammenhängt. 

Und dann haben Sie die Öffentlichkeitsarbeit zum Beruf gemacht …

Nissen: Es hat sich so ergeben. Ich hatte schon immer einige Ehrenämter, war beispielsweise im Agrarausschuss der Landjugend und da war Öffentlichkeitsarbeit immer ein Riesenthema. In der Fachschule für Hauswirtschaft durfte ich dann ein paar Mal Vertretungsstunden übernehmen und stand plötzlich meinen eigenen Mitschülerinnen gegenüber, denen ich etwas beibringen sollte. So ist der Wunsch nach Kommunikation entstanden.

Ich hatte Spaß daran, aber es fehlte mir eindeutig beim landwirtschaftlichen Studium an der Uni. Deswegen habe ich hinterher noch ein Fernstudium Public Relations in Berlin an der Freien Journalistenschule angeschlossen. Das habe ich übrigens vom DLG-Preis 2014 bezahlt.

Wie sind Sie denn zur DLG gekommen?

Nissen: Im Grunde genommen war das längst überfällig. Den DLG-Preis habe ich damals für mein Engagement in der Landjugend und für die Hauswirtschaft bekommen. Als ich mich für den DLG-Preis beworben habe, musste ich auch meine Ziele und Visionen beschreiben, wo ich hinwill und wo ich konkreten Handlungsbedarf sehe, wie zum Beispiel in der Kommunikation. 2017 bin ich dann auf einer Wintertagung in die DLG eingetreten. Zuvor hatte ich mich schon an der Uni mit der Jungen DLG beschäftigt. Stark fand ich beispielsweise die zehn Zukunftsthesen der DLG, die in der Zeit unter Herrn Bartmer formuliert wurden. Die DLG imponierte mir insbesondere durch ihre Bereitschaft zur Selbstkritik. Sie war stark genug, Fehler einzugestehen, zeigte aber immer Dialogbereitschaft rund um die Landwirtschaft.

Wo sehen Sie denn heute bei der Landwirtschaft Handlungsbedarf?

Nissen: Ein Riesen-Handlungsbedarf besteht für mich zum Beispiel beim Thema Frauen. Schauen Sie sich die zumeist rein männliche Besetzung von Vorständen und Gremien an. Hier nehme ich kaum Bemühungen wahr, daran etwas zu ändern. Und dabei tragen Frauen so viel zum Erfolg der Kommunikation in der Landwirtschaft und im ländlichen Raum bei. Über meinen Blog habe ich zum Beispiel viele Kontakte aufgebaut. Als dann „Bild der Frau“ anfragte, dass sie vier Bäuerinnen portraitieren wollen, konnte ich sofort vier tolle Landfrauen vorschlagen.

Das ist dann sozusagen Graswurzel-Öffentlichkeitsarbeit in der Verbraucherkommunikation und nicht mittelbar von einer Agentur gesteuert. Eine solche Beziehungspflege ist authentisch: Wer beispielsweise über die „App aufs Land“ mit einem Landwirt*in melkt, auf dem Trecker mitfährt, ein Staudenbeet anlegt oder leckere Rindsrouladen kocht, der hat sozusagen ein Erlebnis und Erfahrung aus erster Hand, von dem er noch lange profitiert.