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Schlepperprüfungen damals, Teil II

Um dem Landwirt eine Vergleichsmöglichkeit von verschiedenen Schleppern zu bieten, wurde nach einer Vorbesprechung im Oktober 1954 in Völkenrode im Jahr 1955 zusammen mit der DLG eine Kleinschlepper-Vergleichsprüfung ausgeschrieben. Die Leistung wurde auf 17 Motor-PS nach Herstellerangabe beschränkt, da diese Schlepperklasse als der Alleinschlepper für die Mechanisierung der „normalen“ Betriebe angesehen wurde. Die Schlepper sollten mit einer passenden Geräteausstattung geliefert werden.

Eingeladen wurden dazu 36 auf dem deutschen Markt vertretene Hersteller, von Allgaier bis Wesseler. Geplant wurde eine Prüfung mit Praxisbezug, das bedeutet, dass nicht nur das Schlepperprüffeld die technische Prüfung durchführen würde, sondern auch Messversuche bei der 1955 eröffneten DLG-Prüfstelle in Braunschweig-Völkenrode gemacht werden sollten. Einen wesentlichen Teil dabei spielte die Ermittlung der Hangeinsatzgrenze in Reihenkulturen wie Kartoffeln. Dazu war ein besonderes Prüfverfahren an unterschiedlichen Hangneigungen ausgetüftelt worden. Die Datenerfassung sollte, ganz modern, auf 16 mm-Schmalfilm erfolgen.

Wie bei der DLG üblich, wurde zur Beurteilung der Schlepper ein Richterausschuss eingesetzt. Dem gehörten die Koryphäen der deutschen Landtechnik an, wie Oberlandwirtschaftsrat Paul Wesselhoeft (Vorsitzender des KTL und Landwirt in Schlüchtern) oder Professor Dipl.-Ing. Meyer vom Institut für Schlepperforschung in Völkenrode. Auch bei den Sachverständigen fanden sich klangvolle Namen aus der Branche, wie Dipl.-Ing. Skalweit, Dr. Czeratzki (beide Völkenrode) und Dr. Dupuis aus Bad Kreuznach.

Die zu erwartenden Prüfungskosten wurden vor Beginn der Prüfung kontrovers diskutiert, Dr. Franke schätzte sie auf 100.000 DM im Gegensatz zu den 50.000 DM, die Oberingenieur Walter Metzenthin von der DLG angesetzt hatte. Natürlich sollten die Prüfgebühren unter DLG und KTL aufgeteilt werden. Über 3.600 DM an Prüfgebühren wollte man aber auch nicht gehen, um die Hersteller nicht über Gebühr zu belasten.

Vielleicht war es dann ganz gut, dass nur sieben Hersteller sich bereitfanden, an der Prüfung teilzunehmen. Wären es viel mehr gewesen, wäre das umfangreiche Prüfprogramm trotz des großen persönlichen Einsatzes aller Beteiligten wohl nicht zu schaffen gewesen.

Vom 1. bis 3. September 1955 fand die erste Zusammenkunft der Richter und Sachverständigen in Rauischholzhausen statt. Hier hatten die Hersteller die Gelegenheit, ihre Maschinen vorzustellen und deren Vorzüge zu demonstrieren. Besonderes Augenmerk legte man auf den An- und Umbau der Geräte.  Bild 1

Die zweite Zusammenkunft und Diskussion der bisher gemachten Erfahrungen fand dann Anfang Februar 1956 in Kranichstein statt. Bei der ganzen Belastung mit den technischen Prüfungen war das Schlepperprüffeld mit seinem Umzug in die neu errichtete Heimat beschäftigt. Bei dieser Zusammenkunft ging es vor allem um die Erfahrungen, die die Einsatzbetriebe im westlichen Odenwald mit den ihnen zur Verfügung gestellten Maschinen gemacht hatten. Leider mussten diverse Betriebe schriftlich angemahnt werden, die Arbeitstagebücher ordentlich zu führen und genau Arbeitsstunden und Dieselverbrauch aufzuschreiben. Bild 2

Im Gasthof „Zum weißen Schwan“ in Darmstadt-Arheilgen ging vom 4. bis 6. Juni 1956 die abschließende Sitzung des Richterausschusses über die Bühne, im Schlepperprüffeld selbst war noch keine Möglichkeit gegeben, Sitzungen abzuhalten.

In den Akten ist zu lesen, dass heftig diskutiert und argumentiert wurde. Am Ende wurden Lanz Alldog, Güldner ALD, Stihl 144, Eicher EKL 15/II als „geeignet für die deutsche Landwirtschaft“ anerkannt.

Der Hanomag R 12 und der Fendt Geräteträger F 12 GT wurden mit der „Großen bronzenen Preismünze der DLG“ ausgezeichnet. Dazu muss man wissen, dass die DLG nur bronzene und silberne Preismünzen verlieh, goldene waren gar nicht vorgesehen. Die „große“ Preismünze gab es für besondere Leistungen bei Gruppenprüfungen, bei Einzelprüfungen nur die normale Preismünze.

Auf der Strecke geblieben war der Allgaier A 111. Den hatte die Firma aus der Prüfung zurückgezogen, weil der Bau des Schleppers eingestellt wurde, die hießen ja jetzt Porsche. So ganz reibungslos, wie es hier klingt, verlief die Sache nicht. An fast allen Schleppern hatte es im Verlauf der Prüfung Schäden gegeben, von verbogenen Teilen über verkokte Einspritzdüsen bis zu gerissenen Zylinderköpfen und gebrochenen Kolbenringen.

Stihl wollte man deshalb nahelegen, in letzter Sekunde den Schlepper aus der Prüfung zurückzuziehen. Herr Fabrikant Andreas Stihl beklagte sich ausdrücklich über die lückenhaften Informationen, die ihm seine eigenen Mitarbeiter über den Fortgang der Prüfung gegeben hatten, etliche Schäden wären bei besserem Kenntnisstand vermeidbar gewesen. Die Richter folgten der Argumentation und verliehen dem Stihl auch die DLG-Anerkennung.

Werner Kiene vom Schlepperprüffeld musste den Verdacht entkräften, den Hanomag zu positiv beurteilt zu haben, er kam ja schließlich von Hanomag. Auch von Fendt gab es eine vielseitige Stellungnahme zu den Prüfergebnissen. Die aufgetretenen Schäden am Schlepper seien durch Reparaturen am Motor durch MWM ohne Absprache mit Fendt verursacht worden und überhaupt handelte es sich ja um ein Vorserienfahrzeug.

Nach der Veröffentlichung der Prüfberichte packte Fabrikant Fendt die Gelegenheit beim Schopf und ließ seine Werbeabteilung (Marketing gab es da noch nicht) eine Anzeige veröffentlichen, in der der F 12 GT als „mit der großen DLG-Preismünze“ ausgezeichnet beworben wurde. „Als einziger Geräteträger..(es waren nur zwei in der Prüfung) wurde der Fendt-Geräteträger F 12 GT …..mit der großen DLG-Preismünze ausgezeichnet“. Mit einem hochoffiziellen Schreiben von Dr. Franke an den sehr geehrten Herrn Fendt wurde darauf hingewiesen, dass der Schlepper die große bronzene Preismünze bekommen habe und das in Zukunft auch korrekt dargestellt werden müsse. Da war die Anzeige aber längst gedruckt. Bild 3

Die Schlepperprüfer bekamen auch Gelder für Forschungsaufträge, das Bundesland Nordrhein-Westfalen bezahlte die Untersuchung zu Vorteilen von Triebachsanhängern. Bei schwierigen Fahrbahnbedingungen, also zum Beispiel bei der Rübenabfuhr, waren die gängigen Schlepper mit 17 PS Motorleistung und natürlich ohne Allradantrieb schnell an ihren Grenzen. Mit anderen Worten, sie blieben mit dem Rübenanhänger stecken. Speziell für die Messungen wurde ein Teil der Erdbahn mit viel Wasser und einem Raupenschlepper zu einer Schlammbahn hergerichtet, welche die Verhältnisse auf einem nassen Rübenacker darstellen sollte.  Bild 4

Mit Anhängern von Allgaier, Georg und Nothnagel und Schleppern von Allgaier, Güldner, Linke-Hofmann-Busch, MAN, Ursus, Unimog und Ferguson wurden zahlreiche Versuche gefahren. Dabei wurde an den Triebachsanhänger ein weiterer Schlepper angehängt, mit dem die Restzugkraft ermittelt wurde. Bild 5 und  Bild 6

Das Fazit war: „Der Triebachsanhänger bietet eine betriebswirtschaftlich zweckmäßige Lösung für bäuerliche Betriebe, weil mit seiner Hilfe auch der leichte Tragschlepper oder Geräteträger unter schwierigen Verhältnissen große Nutzlasten sicher befördern kann, was über die Abschaffung einer unrentablen Spannviehhaltung eine betriebssichere Vollmotorisierung ermöglicht."

Der Haken bei der Sache war, dass die allermeisten Schlepper nicht mit einer gangabhängigen Zapfwelle ausgerüstet waren. Es wurde konstatiert, dass der Antrieb der Achse im Anhänger über eine motorabhängige Zapfwelle schon zu gefährlichen Fahrzuständen führen konnte. Es blieb die Hoffnung, dass in der Zukunft an den Schleppern beide Zapfwellen vorhanden sein würden. Der Antrieb von zapfwellengetriebenen Geräten im Schlepperanbau wäre so gleichzeitig möglich. Es kam anders als erwartet, zwei Zapfwellen blieben immer eine Ausnahme.

Währenddessen machte der Neubau des Schlepperprüffelds in Darmstadt-Kranichstein Fortschritte. Am 9. Mai 1955 war das Richtfest, bis zur feierlichen Einweihung am 30. Oktober 1958 dauerte es aber noch. Zu der Feierlichkeit wurde mit gedruckten Karten eingeladen, das Mittagessen im Jagdschloss Kranichstein kostete 4,- DM und musste separat bezahlt werden. Bild 7

Ein Neuanfang, auch für die Mitarbeiter

Mit den modernsten Prüfständen (Bild 8 und Bild 9) ausgerüstet, konnten die Mitarbeiter frohen Mutes an ihrer neuen Arbeitsstelle mit der Arbeit beginnen. Etliche bauten sich in Kranichstein ihre Häuser und planten für eine lange Zeit in Darmstadts Nähe.