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…es ist zum Mäusemelken…!

Bis in die 1950er Jahre waren Hamsterfänger unter anderem in Sachsen-Anhalt keine Seltenheit. Bis zu dieser Zeit waren Ertragseinbußen in der Landwirtschaft auf Grund der massenhaften Vermehrung des Feldhamsters nicht unüblich und Grund für seine Bekämpfung. Die Produktion von Nahrungsmitteln hatte höhere Priorität.

Heute sieht das Bild anders aus: Der Feldhamster ist von der Bildfläche nahezu verschwunden und braucht Schutz. Die Feldmaus profitiert davon und vermehrt sich ihrerseits rasant mit fatalen Folgen für Raps-, Weizen- und Zuckerrübenbestände. Doch die Eindämmung ihrer Fressorgien ist regional massiv reglementiert – die Nahrungsmittelproduktion fällt in den Hintergrund. Dem Landwirt bleibt teils kaum mehr als dem großen Fressen tatenlos zuzusehen oder fassungslos das Behörden-Hin-und-Her zu beobachten.

In den vergangenen Jahrhunderten – sogar bis in die 1950er Jahre hinein – war die Bekämpfung des Feldhamsters in vielen Regionen Deutschlands eine Schutzmaßnahme vor Ernteverlusten. In regelmäßigen Abständen vermehrten sich die heimischen Nagetiere explosionsartig und im Frühjahr sowie Herbst wurden sie zum Feind der Ackerbauern. Zu Hunderten überfielen sie Getreidefelder auf der Suche nach Nahrung und lagerten gar größere Mengen Getreide in ihren unterirdischen Bauen für den Winter ein. Der Hamsterjäger war daher ein nicht seltener und gerngesehener Gast, um die Ernte zu retten.

Mit den sich ändernden Anbaubedingungen und der verlustarmen Erntetechnik nahmen die Hamsterpopulationen ab und die Beschäftigung des Hamsterjägers wurde überflüssig. Mittlerweile sind Feldhamster so selten, dass sie zu den streng geschützten Arten gehören. Sie brauchen Schutz und den sollen sie auch haben.

Im November 2019 konkretisierte dafür auch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) die Anwendung von Rodentiziden, welche zur Bekämpfung der Feldmaus auf stark befallenen Flächen genutzt werden. Auf der Suche nach Nahrung könnte auch der Feldhamster das Gift aufnehmen. Das ist nicht das Ziel.

Die neuen Regelungen untersagen demnach eine Anwendung von Rodentiziden in festgelegten Feldhamster-Vorkommensgebieten in weiten Teilen Sachsen-Anhalts und Thüringens im Zeitraum zwischen 1. März und 31. Oktober – also der hamsteraktiven Zeit.

Soviel zum Feldhamster

Eine ähnliche Geschichte – nur andersherum – kann über die Feldmaus erzählt werden. Seit der Hamster als Nahrungs- und Behausungskonkurrent ausfällt, übernimmt die Feldmaus die Stellung. In regelmäßigen Abständen von drei bis vier Jahren vermehrt sich der Nager explosionsartig und vergeht sich an frisch keimenden Raps- oder Weizenbeständen. Trotz aller Technik, Digitalisierung und Forschung: Gegen die Feldmaus ist kaum ein Kraut gewachsen.

Vorbeugende Maßnahmen zur Einwanderung von Mäusen auf die Flächen, wie das Kurzhalten von Ackerrandstreifen, sind umstritten, widersprechen sie doch der Förderung der Artenvielfalt in der Feldflur. Greifvögel und deren Unterstützung durch zum Beispiel Sitzstangen helfen nur bedingt. Der Vermehrungsdrang und die Fruchtbarkeit der Feldmäuse übersteigen den Appetit jeglichen Greifers. Die empfohlene tiefe, wendende und gegebenenfalls mehrfache Bodenbearbeitung zur Störung der Feldmausbaue steht zudem im Widerspruch zur vielfach geförderten konservierenden und schonenden Bodenbearbeitung im Sinne des Erosionsschutzes und Steigerung der Bodenfruchtbarkeit.

Rodentizide, also gegen Nager wirkende Gifte, helfen die Population zu kontrollieren, um größere Ernteschäden zu verhindern. Der Landwirt nutzt sie, sobald die Bekämpfungsschwelle überschritten ist, und weiß sie auch richtig anzuwenden.

Und hier beginnt  das Übel

Wie bereits erwähnt, wirken Rodentizide sowohl auf die Feldmaus als auch auf den Feldhamster. Zum Schutz vor seiner Ausrottung nimmt das Ausbringverbot dem Landwirt also die letzte Möglichkeit, gegen Feldmausplagen einzuschreiten. Vor allem im September, wenn Raps und Weizen als zarte Keimlinge wie frisches Gemüse auf dem Feld stehen, sind die Flächen durch Feldmäuse stark gefährdet. Kaum eine Pflanze steht noch auf befallenen Teilflächen von zig Quadratmetern. Auf extrem befallenen Flächen müssen die angesäten Kulturen sogar umgebrochen werden. Der ganze Aufwand von Bodenbearbeitung und Aussaat ist umsonst oder eben doppelt. Und ein Umbruch schützt den Hamster ebenso wenig.

Doch das Ausbringverbot gilt bis 31. Oktober – auch auf Flächen, die eine Heimat für Feldhamster sein könnten. Ein Hamster muss nicht unbedingt zugegen sein. Tatenlos zuzusehen, wie die eigene Arbeit und das Einkommen für das nächste Jahr im wahrsten Sinne des Wortes „aufgefressen“ werden, ist eine Zumutung für jedermann, nicht nur für Landwirte. Ein Aufschrei in der Branche und die Frage nach Verhältnismäßigkeit zwischen Nager und Nahrungsmittel, und ein Teilerfolg.

Seit 17. September besteht die Möglichkeit einer Sondergenehmigung zur Bekämpfung von Feldmäusen auf stark befallenen Flächen in Sachsen-Anhalt. Seit 21. September gibt es ein konkretes Vorgehen zur Beantragung. Klingt gut. Wird gemacht. Mindestens fünf Tage vor der Ausbringung von Rodentiziden auf einer bestimmten Fläche muss ein schriftlicher Antrag bei einer Behörde gestellt werden.

Zum Schutz von Zugvögeln wie Gänse oder Kraniche ist zudem zu klären, ob das anvisierte Feld ein Rastplatz für diese Tiere darstellt. Warum, ist nicht ganz klar. Wird doch das Gift mit einer Legeflinte direkt tief ins Mauseloch eingebracht und das Loch anschließend verschlossen. Der Vogel, der diese wieder aufgräbt und das Gift aus der Tiefe aufnimmt, ist noch nicht bekannt.

Dennoch, wird gemacht. Die Vogel-Rastplatz-Information ist bei einer anderen Behörde zu erfragen. Diese Behörde hat dazu aber keine detaillierten Informationen und bittet um eigene Beobachtungen seitens des Landwirts. Zudem besteht nach Ausbringung der Rodentizide die Auflage zur dokumentierten Vogelbeobachtung über sieben Tage und bei Bedarf Verscheuchen der Zugvögel zu ihrem eigenen Schutze. Fünf Stunden später wird diese Aussage revidiert. Bloß nicht ausbringen und schon gar nicht verscheuchen mit der Bitte um Kontaktaufnahme zur erstgenannten Behörde, welche eigentlich auf die andere verwies.

Tage mit teilweise widersprüchliche Aussagen verschiedener Behörden vergehen bis zu der Entscheidung, dass eine Ausbringung nach zweimaliger Kontrolle auf Zugvögel-Anwesenheit möglich ist. Aber bitte noch die Fünf-Tage-Frist für den schriftlichen Antrag abwarten. Mittlerweile ist es Anfang Oktober. Noch keine Fläche hat ein Rodentizid gesehen, aber jede Menge Mäuse sowie kopfschüttelnde Landwirte.

Dass gefährdete Arten zu schützen sind, steht außer Frage. Im speziellen Fall bedeutet dieser Schutz ein Schlupfloch für teils massiv auftretende und äußerst schwer kontrollierbare Schädlinge in der Lebensmittelproduktion. Nach drei bereits existenzbedrohenden Trockenjahren in der Landwirtschaft und den alles andere als ressourcenschonenden Umbruch von Anbauflächen wegen massivem Feldmausbefall muss die Frage der Verhältnismäßigkeit zwischen Schutz von Arten und Schutz von Lebensmitteln und Existenzen in den betroffenen Regionen jedoch neu gestellt werden.

Autor: Dr. Klaus Erdle