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Zum Erntedank

Anerkennung an nur einem Tag reicht nicht, findet Ursula Ott

Das schreiben uns immer wieder besorgte Leserinnen und Leser:  Diesen Sommer kleben viel weniger Insekten an der Windschutzscheibe als früher. Und schuld daran sei die Landwirtschaft. Messungen ergeben tatsächlich, dass die Biodiversität und Artenvielfalt seit Jahren leiden. Sicher hat auch die Art, wie wir unsere Böden und Felder behandeln, damit zu tun. Der Anteil der Tiermast an der menschgemachten Erderwärmung lässt sich ebenfalls nicht wegdiskutieren.

Aber wer ist das, „die“ Landwirtschaft? Es sind Landwirtinnen und Landwirte und deren Familien. Kurzum: Menschen. Auch die lesen chrismon. Wie geht es ihnen? Wie lässt sich ihre Lage verbessern? Wer hat Verantwortung?

Diese Fragen stellen wir in unserem evangelischen Magazin, das gerade seinen 20. Geburtstag feiert, immer wieder. Und nehmen dabei auch unsere Kirche in den Blick. Hand aufs Herz, hätten Sie gewusst, dass die evangelische Kirche zu den größten Landbesitzern gehört? Die etwa 15.000 evangelischen Kirchengemeinden in Deutschland besitzen 325.000 ha Land, es wird verpachtet – an Landwirte. Für die Gemeinden sind die Pachterlöse wichtig, erst recht in einer Zeit, in der viele Menschen ihre Kirche verlassen. Für die Landwirte ist das Land wichtig, weil mit den Boden- auch die Pachtpreise gestiegen sind.

Ist das also einfach eine Geschäftsbeziehung, Angebot hier, Nachfrage da? Nein! Ein Pfarrer aus Schleswig-Holstein hat auf Zwischentöne geachtet. Auch Pfarrer Runge hörte immer wieder von pauschalen Vorwürfen in Richtung Agrarbetriebe: „Die fahren mit ihren dicken Treckern die Wege kaputt und ständig stinkt’s!“

Er war der Meinung: Anerkennung für die Landwirtschaft an nur einem Tag, dem Erntedankfest – das reicht nicht. Und Teile seiner Gemeinde waren der Meinung: Das Kirchenland in Berkenthin einfach so weiterverpachten – das reicht auch nicht. Am Ende fanden alle das, was uns in unserer lauten Zeit zunehmend schwer fällt: einen Kompromiss. Alle Pächter behielten ihr Land. Es ihnen zu entziehen, hätte sie tief gekränkt. Im Gegenzug verpflichteten sich die Landwirte, Blühstreifen anzulegen. Die gibt es auch hier bei uns in Hessen zunehmend, und unser Reporter Nils Husmann war überrascht, wie sehr es dort kreucht und fleucht!

Am Ende hat es in Berkenthin nur Gewinner gegeben, zumal die Gemeindeglieder dort nun ein viel größeres Bewusstsein für „ihr“ Kirchenland haben – und damit auch für die Sorgen der Landwirte.

Probleme benennen, zuhören, verhandeln, empathisch sein, die eigene Verantwortung erkennen – das wünsche ich uns allen zum Erntedankfest! „Was der Mensch sät, das wird er ernten“, heißt es in der Bibel. Landwirtschaft soll enkeltauglich werden. Und die Verantwortung fängt bei uns allen an, den Verbraucherinnen und Verbrauchern. Wer sich über weniger tote Fliegen an der Windschutzscheibe wundert, könnte sich ja auch fragen: Warum bin ich überhaupt mit dem Auto gefahren?

Ich wünsche Ihnen ein schönes Erntedankfest!

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