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„Nur wenn das Ganze einen Wert hat, wird es auch wertgeschätzt“

Der renommierte Anders Wall Award der European Landowner's Organization (ELO) geht im Jahr 2020 an die Stiftung Fürst Liechtenstein, Guts- und Forstbetrieb Wilfersdorf, in Österreich. Anfang Juni wurde die Stiftung für ihr umfangreiches Engagement in ländlichen Gebieten mit diesem Preis ausgezeichnet. Die offizielle Übergabe erfolgt aufgrund der Corona-Pandemie erst im Juni 2021 in Cordoba. Wir haben uns mit dem DLG-Mitglied Hans Jörg Damm, Betriebsleiter des Guts- und Forstbetriebs Wilfersdorf, darüber unterhalten, was die Auszeichnung für die Stiftung und für ihn persönlich bedeutet.

Herr Damm, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu dieser Auszeichnung

Hans Jörg Damm:  Vielen Dank! Die Auszeichnung hat einen hohen Stellenwert für den Betrieb und auch für mich persönlich. Sie unterstreicht unsere vielfältigen Aktivitäten im ländlichen Raum. Wir haben insgesamt 35 Aktivitäten dargestellt, viele davon haben Pioniercharakter, wie zum Beispiel Kooperationen mit BirdLife und dem WWF. Für mich persönlich ist es eine Freude, dass die Ideen und Projekte, die ich verfolgt und umgesetzt habe, am Ende Früchte getragen haben. Es ist das erste Mal, dass ein Betrieb in Österreich diese Auszeichnung bekommen hat.

Wie sind Sie denn dazu gekommen, sich zu bewerben?

Damm:  Nun, der Nachhaltigkeitsgedanke ist uns schon seit Langem wichtig. 2008 haben wir beispielsweise das DLG-Zertifikat für nachhaltige Landwirtschaft vom damaligen DLG-Präsidenten Carl Albrecht Bartmer auf den DLG-Feldtagen entgegennehmen dürfen. Auch da waren wir der erste Betrieb in Österreich, der dieses Zertifikat bekommen hat. Alle drei Jahre erfolgt eine Re-Zertifizierung und man erhält unter anderem als angenehmen Zusatznutzen gleich eine Rückmeldung zum Nährstoffhaushalt und Humusaufbau im Betrieb.

Hervorheben möchte ich auch das Engagement der Familie Liechtenstein. Das natürliche und kulturelle Erbe zu bewahren, liegt ihr sehr am Herzen und sie zeigt auch Bereitschaft, hierin zu investieren. Die Fürstenfamilie hat eine hohe Verbundenheit mit ihrem Grundbesitz und ist bereit, bei diversen Projekten eine Vorreiterrolle einzunehmen. Ihr gehört seit dem 12. Jahrhundert der Besitz im Weinviertel.

Ein Sohn der Fürstenfamilie, Prinz Constantin, ist CEO für alle Betriebe der Stiftung Fürst Liechtenstein. Mit ihm arbeite ich sehr vertrauensvoll zusammen, er hat auch die Teilnahme am Wettbewerb sofort unterstützt. Prinz Constantin ist außerdem Mitglied des Österreichischen Rates für nachhaltige Entwicklung (UN-Agenda 2030) in Wien.

Stellen Sie uns bitte kurz Ihren Betrieb vor!

Damm: Gerne. Der Guts- und Forstbetrieb Wilfersdorf bewirtschaftet die land- und forstwirtschaftlichen Flächen der Stiftung Fürst Liechtenstein in Niederösterreich. Wir betreiben auf 3.000 ha Ackerbau und bewirtschaften 3.600 ha Forstwirtschaft. Weitere Standbeine sind Tourismus, Jagd, Fischerei, Naturschutz sowie Vermietung und Verpachtung.

Der Betrieb befindet sich im niederösterreichischen Weinviertel, rund 50 km nördlich von Wien. Ein Forstrevier liegt in Sparbach bei Mödling (Wienerwald). Je nach Saison arbeiten wir im Gesamtbetrieb mit 25 bis 35 Mitarbeitern. Auf unseren Ackerflächen erzeugen wir Winterweizen, Durumweizen, Winter- und Sommergerste, Raps, Sonnenblumen, Mais und Zuckerrüben.

Ein sehr großer Teil der Ackerflächen, 15 Prozent, sind in Biodiversitätsmaßnahmen dem Naturschutz vorbehalten. In Österreich gibt es parallel zu den EU-Maßnahmen das ÖPUL-Programm, Österreichisches Programm für umweltgerechte Landwirtschaft. Das Programm sieht vielfältige ökologische Maßnahmen vor, zum Beispiel können Flächen mit einer Ausgleichszahlung für zehn oder 20 Jahre stillgelegt werden. Die Programme werden von Ökologen wissenschaftlich begleitet.

Zusätzlich verwirklichen wir noch viele freiwillige Maßnahmen ohne Zahlungen wie Wildäcker, Biotope mit Wasserstellen oder Heckenanpflanzungen. Besonders hervorheben möchte ich die Verpachtung von 38 ha an den Verein Auring Hohenau als Vogelschutzparadies, den Rundwanderweg "Vogelhochzeit" auf Flächen des Betriebes, die Umwandlung von Acker- auf Wiesenflächen in den March-Thaya-Auen oder das Wachtelkönig-Schutzprogramm, bei dem die Wiesen erst sehr spät gemäht werden. Vor Kurzem sind wir eine Kooperation mit einem Bio-Imker eingegangen, seither stehen bis zu 1.000 Bienenstöcke in der Rapsblüte auf unseren Flächen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich an der Ausschreibung zu beteiligen?

Damm: Der Ausgangspunkt war die Gestaltung einer Broschüre, die wir im Frühjahr 2019 herausgebracht und an unsere Stakeholder und Kunden verteilt haben. Das Thema lautete „BIODIVERSITÄT sichern.managen.vermitteln“. Ich beobachtete die Verleihung des Anders Wall Award schon länger, hatte mich aber bis dahin nicht für eine Teilnahme entscheiden können. Mit der Broschüre in der Hand dachte ich mir, das ist die perfekte Basis für eine Bewerbung. Das war sie dann auch, doch ein weiterer großer Teil der Unterlagen musste noch zusammengestellt werden. Für die Einreichung im Spätherbst 2019 haben wir schließlich eine umfangreiche Bewerbung mit über 20 Seiten Material abgeschickt.

Gibt es ein bestimmtes Projekt, für das Sie den Preis bekommen haben oder wurde die gesamte Ausrichtung der Stiftung ausgezeichnet?

Damm: Ich glaube, es ist die Summe aller Maßnahmen und dass wir den Nachhaltigkeitsgedanken so konsequent verfolgen. Wir sind beispielsweise auch für den Naturpark Sparbach im Wienerwald verantwortlich. Das ist der erste und älteste Naturpark von insgesamt 40 Naturparks in Österreich. Dort bieten wir den 80.000 bis 90.000 Besuchern pro Jahr ein vielfältiges Bildungsangebot zu Natur- und Kulturthemen an.

Das Projekt wurde im Frühjahr 2019 auf der Landwirtschaftsmesse in Wels mit dem Umweltzeichen für außerschulische Bildungseinrichtungen durch die österreichische Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger ausgezeichnet. Unser Forstbetrieb hat zudem 2017 vom Landwirtschaftsministerium den Staatspreis für beispielhafte Waldwirtschaft erhalten.

Das zeigt und freut uns, dass unser Engagement gewürdigt wird. Und wir erhalten in meinem Verantwortungsbereich laufend verschiedene historische Gebäude wie das Schloss Wilfersdorf oder die Burg Liechtenstein bei Wien.

Werden Sie sich auch in Zukunft für solche Auszeichnungen bewerben?

Damm: Wenn es passt, bestimmt. Natürlich gehört es auch zu unserer Strategie, dass wir die Öffentlichkeit informieren, wenn wir solche Projekte umsetzen. Wir sind ein sehr großer Betrieb und wollen der Öffentlichkeit auch zeigen, was wir machen. Wir haben zum Beispiel mit dem WWF zusammen schon ein EU-Life-Projekt umgesetzt. Konkret wurden 30 ha Auwald aus der Nutzung genommen und in ein Horstschutzgebiet überführt. In einem Naturwaldreservat in Kooperation mit der Republik Österreich wird dokumentiert, wie sich Wälder ohne menschliche Nutzung entwickeln. Für den jeweiligen Nutzungsverlust bekommen wir entsprechende Entschädigungen.

Mein Leitsatz lautet: „Nur wenn das Ganze einen Wert hat, wird es auch wertgeschätzt.“ Man muss für solche Projekte aufgeschlossen sein sowie Zeit und Arbeit investieren. Eine Kooperation macht nur Sinn, wenn beide Seiten aufeinander zugehen. Dann gelingen auch gute Kompromisse zwischen Naturschützern und Naturbewirtschaftern. Wir sind beides!

Herr Damm, Sie sind jetzt seit 25 Jahren Mitglied der DLG. Wie sind Sie zur DLG gekommen?

Damm: Ich komme ja aus der Forstwirtschaft und habe mich danach mit großem Interesse mit der Landwirtschaft beschäftigt. Auf diversen Tagungen und Seminaren habe ich schnell gemerkt, wie hochprofessionell organisiert die DLG ist und dass sie eine wichtige Institution mit hohem landwirtschaftlichem Know-how darstellt. Die DLG-Mitteilungen sind ein wichtiges Medium für mich und gehören zur Pflichtlektüre für das Führen des Betriebes. Den Newsletter schätze ich ebenfalls sehr.

Seit circa 25 Jahren gehöre ich auch zur Gruppe der European Arable Farmers, die eine tolle Plattform von rund 120 europäischen Landwirtinnen und Landwirten ist. Wir haben zum Beispiel eine WhatsApp-Gruppe, die mir regelmäßig das Wetter oder Ernteergebnisse von vielen Betrieben in Europa meldet. Auf den jährlichen Exkursionen in Europa, aber auch USA und Türkei habe ich viele neue Erkenntnisse gewinnen können. Vor Kurzem konnte ich selbst eine mehrtägige Exkursion der EAF nach Österreich organisieren. Man bringt sich ein und bekommt zurück. Durch dieses Netzwerk erhalte ich zum Beispiel Informationen für den Kauf eines Mähdreschers oder einer Spezialmaschine, die ein Berufskollege in Deutschland oder Polen schon fährt.