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Ausschuss Milchproduktion und Rinderhaltung tagte

Dieser Tage kam der DLG-Ausschuss Milchproduktion und Rinderhaltung zu seiner 25. Ausschusssitzung in den Räumlichkeiten der Masterrind GmbH Meißen zusammen.

Fachlich standen drei Hauptpunkte auf der Tagesordnung: ein aktueller Statusbericht der Milchviehhaltung in Deutschland, eine Betriebsbesichtigung und die Beleuchtung des Themas „Bewusst verlängerte Zwischenkalbezeit“.

Statusberichtsbericht aus den Regionen durch die Ausschussmitglieder

Auch 2020 ist wieder ein Jahr, in dem viele Milchviehhalter mit Trockenheit und damit einhergehender Grundfutterknappheit zu kämpfen haben. In Schleswig-Holstein und südlich der Donau ist die Grundfutterversorgung vergleichsweise gut. Aus Niedersachsen, dem westlichen Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Brandenburg wird von angespannter Grundfutterversorgung berichtet. Da auch dieses Jahr die Niederschläge wieder punktuell gefallen sind, gibt es natürlich regional Unterschiede.

Zur angespannten Grundfuttersituation kommt der in weiten Teilen geringe Milchauszahlungspreis von 27 bis 31 Cent/kg Milch. In Bayern liegt er regional zwischen 33 und 34 Cent/kg.

Auf Milchviehbetrieben werden vermehrt Vorortkontrollen im Rahmen der Anlagenverordnung AwSV durchgeführt. Betriebe sehen sich bundesweit vor der Herausforderung, insbesondere Fahrsilos mit immensem Kostenaufwand zu modernisieren. In der Summe zeigte der Blick in die Regionen, dass die Milchviehbetriebe seit drei Jahren in vielen Bereichen Herausforderungen zu meistern haben, die die Stimmung trüben und die voraussichtlich zu einem deutlich verschärften Strukturwandel führen.

Betriebsbesichtigung

Im Rahmend der Sitzung wurde der Betrieb Milch-Center „Dorfheimat“ Prausitz eG besichtigt. Der Betrieb mit rund 1.500 Kühen verfügt über eine beachtliche Milchleistung von über 12.000 kg pro Kuh und Jahr (LKV-Daten). Die Tiere werden in einem 60er-Außenmelker gemolken, der mit einem automatischen Dipproboter ausgestattet ist.

In den Jahren 2010 bis 2017 wurde in neue Milchviehstallungen investiert. Hierbei wurde auf Tiergerechtheit besonderer Wert gelegt, wie zum Beispiel trittsichere Laufflächen, beschichtete Futtertische und ein gutes Stallklima. Weiter zur Verbesserung des Stallklimas tragen bei: Dachüberstände zur Vermeidung direkter Sonneneinstrahlung, Dachbedeckung mit Sandwichplatten, offene Stirnseiten und Ventilatoren.

Der Trockensteherbereich in einem umgebauten Altgebäude bietet mit seinem hohen Platzangebot, großzügiger Stroheinstreu und einer Kühlmöglichkeit durch Tropfbewässerung am Futtergang einen guten Tierkomfort. Angeschlossen sind die mit Gummispalten ausgestatten und eingestreuten „Just-in-Time-Abkalbeboxen“. Sie bieten der Kuh einen guten Komfort und dem Personal einen einfachen Zugang und Tierbeobachtung. Sie können sehr gut gereinigt werden. Durch eine eigens entwickelte Kuhtreppe können die Tiere von nur einer Person in den Melkstand getrieben werden. Die geringen Niederschläge der letzten drei Jahre sorgen auch auf diesem Betrieb für eine knappe Grundfutterversorgung.

Bewusst verlängerte Zwischenkalbezeit

Seit einigen Jahren wird die bewusst verlängerte Zwischenkalbezeit in der Milchviehbranche intensiv und teilweise kontrovers diskutiert. Grund für den Ausschuss, sich mit diesem Thema intensiv zu befassen. Dazu wurden von den beiden Ausschussmitgliedern Esther Achler (Masterrind GmbH) und Dr. Ilka Steinhöfel (LfLUFG Köllitsch) diverse Versuche und Studien vorgestellt sowie von Erfahrungen aus der Beratung berichtet. Cord Lilie, Milchviehhalter und Vorsitzender des Ausschusses, stellte ein Online-Tool der Universität Wisconsin-Madison vor, das die ökonomische Seite betrachtet. 

Lange Zwischentragezeiten wurden viele Jahre sehr kritisch gesehen. Jeder ungewollt zusätzliche Tag wurde mit steigenden Kosten je Liter Milch verbunden. Aber es wurde immer schwerer, die hochleistenden Tiere gerade in der Phase der Laktationsspitze tragend zu bekommen. Eine erste mutige Studie (G. Niozas et. al., 2018) verglich in einem Betrieb drei Gruppen mit 42, 120 und 180 Tagen freiwilliger Wartezeit. Die positiven Effekte auf die Fruchtbarkeit stimmten hoffnungsvoll. Die Trächtigkeitsrate der Erstbesamung zum Beispiel konnte mit 48,9 Prozent und 49,6 Prozent in den beiden Gruppen mit verlängerter Wartezeit deutlich gegenüber den 36,6 Prozent in der Gruppe mit 42 Tagen Wartezeit verbessert werden.  

Allerdings zeigten weiterführende Auswertungen im Rahmen von Graduierungsarbeiten, dass eine pauschale Verlängerung der freiwilligen Wartezeit auch unerwünschte Effekte für die Folgelaktation geben kann. In dieser ersten Untersuchung war vor allem in der Gruppe mit 180 Tagen Wartezeit die Abgangsrate in der Folgelaktation deutlich höher, als in den anderen beiden Gruppen. Die Gruppe mit 120 Tagen Wartezeit zeigte hier diesen Effekt nicht.

Das erklärte sich Dr. Steinhöfel mit der extrem guten Persistenz der Laktationskurve in dieser Herde. Daraus entstand auch die Überlegung, dass vor allem eine gute Persistenz den Spielraum für eine längere Wartezeit bietet, ohne das Risiko für eine zu starke Verfettung zu erhöhen. Das schließt auch die „gesundheitliche Persistenz“ ein. Allerdings zeigt sie auch die Grenzen für eine „letzte Besamung“ auf. Diese sollte in einer Herde mit ca. 10.000 kg Jahresleistung nach Meinung von Dr. Steinhöfel spätestens erfolgen, wenn die tägl. Leistung unter 30 Kilogramm pro Tag Milch gefallen ist.

Der Einfluss der Leistung auf die mögliche Wartezeit bis zur ersten Besamung war auch Gegenstand in späteren Untersuchungen des Sächsischen LfULG. Hier zeigte sich aber auch, dass der erwartete positive Effekt eines besseren Besamungserfolges durch längeres Warten nicht in jeder Herde möglich war. Grundlegender Optimierungsbedarf in Haltung, Fütterung und im Fruchtbarkeitsmanagement kann nicht durch die Verlängerung der Rastzeit kompensiert werden. Nach dieser Untersuchung wurden auch Nachteile des längeren Wartens diskutiert. Es fiel den Herdenmanagern schwer, gut rindernde Kühe nicht besamen zu dürfen. Diese Tiere bringen Unruhe für die Gruppe mit. Für nach Leistung differenzierte Wartezeiten ist auch der höhere Managementaufwand zu berücksichtigen. In diesen Untersuchungen stehen die Auswertungen der Folgelaktation noch aus.

Gemeinsame Untersuchungen des LfULG mit dem IfN Schönow (Jung et al., 2020) wiesen eine bessere Stoffwechselsituation und eine bessere Uterusgesundheit für die Kühe nach, welche auf ihre erste Besamung bis nach dem 120. Laktationstag warten mussten. Mit diesen Kühen konnte ebenfalls ein besserer Besamungserfolg erzielt werden und im Gegensatz zur Gruppe der früh erzielten Trächtigkeiten traten hier keine embryonalen Fruchtabgänge auf. Leider war die Zahl der Probanden mit Wartezeit bis 120 Tage hier auf 30 Kühe begrenzt. Der erste, noch nicht statistisch ausgewertete Blick auf die Folgelaktation zeigt aber auch bei diesen Kühen mit längerer Wartezeit eine höhere Abgangsrate in der Folgelaktation.

In einer Auswertung mehrerer Herden, welche Esther Achler vorstellte, wurden diese Tendenzen ebenfalls deutlich. Differenzierte Vorteile für den Besamungserfolg standen teilweise steigenden Abgangszahlen und keiner signifikanten Erhöhung des Milchleistungsniveaus gegenüber.

Es bleibt also nach wie vor spannend. Eine freiwilligen Wartezeit von 42 Tagen ist definitiv für hochleistende Kühe „zu früh“ für einen befriedigenden Besamungserfolg. Wo das Optimum liegt, bleibt noch offen und wird Gegenstand weiterer Untersuchungen sein müssen, um nicht mit einem „zu spät“ den Kühen den Start in die Folgelaktation zu erschweren und höhere Abgangsrate zu provozieren. 

Das LfULG bereitet zurzeit eine auf fünf Jahre angelegte Untersuchung mit einer Herde von 750 Kühen vor. Hier sollen in zwei aufeinander folgende Laktationen gezielt Parameter aus Blut und Milch, Leistungs- und Konditionskennzahlen erfasst werden. Die Untersuchung hat zum Ziel, den aus Sicht der Fruchtbarkeit und der Langlebigkeit unserer Kühe optimalen Besamungszeitpunkt besser zu erkennen und effektiv für eine Trächtigkeit zu nutzen. 

Es könnte ein Ansatz sein, dass Herdenmanagementprogramme über den Einbezug vielfältiger Daten eine Entscheidungsempfehlung für den optimalen Besamungszeitpunkt bieten. Neben den möglicherweise positiven Effekten auf die Tiergesundheit und Tierwohl muss ein ökonomisch positives Ergebnis aus der Verlängerung der Rastzeit resultieren. Für die Frage, wann der ökonomisch sinnvolle Zeitpunkt der Besamung ist, sind Entscheidungshilfen erforderlich.

In diesem Zusammenhang stellt Cord Lilie ein Online-Tool Milk Curve Fitter & Pregnancy Timing der Fakultät Animal and Dairy Sciences der Universität Wisconsin-Madison vor, mithilfe dessen man für seinen eigenen Betrieb den optimalen Besamungszeitpunkt anhand des maximalen Income Over Feed Cost ermitteln kann. Es ist also eine rein ökonomische Betrachtung. Voraussetzung ist, dass alle Kuhplätze besetzt sind. Ziel ist es, jeden Stallplatz mit dem profitabelsten Tier zu besetzen.

Anhand der betriebsindividuellen Laktationskurve errechnet das Programm, wann die Kühe spätestens tragend sein sollten, um den maximalen Income Over Feed Cost zu erreichen. Das Programm ermöglicht es, auch diesen Wert für Einzelgruppen zu errechnen. Hier kann zum Beispiel eine Betrachtung nach Laktationen erfolgen. Nach dieser Betrachtung ist der Zeitpunkt, wann die Tiere tragend sein sollten, von der Persistenz abhängig und nicht vom Milchleistung-Peak.

Der Arbeitskreis zieht das Resümee, dass eine bewusst verlängerte Zwischenkalbezeit nicht pauschal empfohlen werden kann, sondern noch weitere Untersuchungen betrachtet und  abgewartet werden sollten, um ein vollständiges Bild zu erhalten. Das Thema wird zukünftig in der DLG an passender Stelle noch einmal beleuchtet.