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Corona-Folgen, ASP, Unsicherheiten im internationalen Handel

Michaela Helbing-Kuhl zu den Bedingungen, die die Agrarmärkte prägen

Die Corona-Krise hat auch für den Agrarsektor die Rahmenbedingungen massiv verändert. Doch er hat sich bisher gegenüber negativen Einflüssen widerstandsfähiger gezeigt als viele andere Bereiche der Wirtschaft. Die Lieferketten haben insgesamt gut gehalten. Auch sind nicht alle Märkte in gleicher Weise betroffen.

So dürfte der Einfluss auf den Getreidemarkt eher gering sein. Kurzfristig treten vor allem dort Probleme auf, wo ein hoher Bedarf an (oft ausländischen) Saisonarbeitskräften besteht. In Industrieländern mit ihrem hohen Grad an Mechanisierung ist dies weniger der Fall. Die Wirtschaftskrise dämpft die verfügbaren Einkommen, doch werden Grundnahrungsmittel relativ stärker nachgefragt. Bei Ölsaaten wirkt die Krise vor allem über niedrigere Öl- und Biodieselpreise nachfragedämpfend. 

Der geringere Außer-Haus-Verzehr drückt zudem die Speiseölnachfrage. Der Effekt ist abhängig von der Dauer der Krise, denn eigentlich steigt die Nachfrage recht stark mit dem Einkommen (Speiseöl, aber auch Eiweißfutter für erhöhten Fleischkonsum). Auch die Zuckernachfrage leidet unter dem reduzierten Außer-Haus-Verzehr. 

Global betroffen sind weitere Produkte, deren Konsum stark mit dem Einkommen schwankt wie frische Milchprodukte, Fleisch und Käse. Dies legt das Covid-19-Szenario von FAO und OECD nahe. 

Auch die EU-Kommission hat ihre Nachfrageprognosen reduziert, vor allem für den EU-Fleischkonsum. Gerade die Fleischmärkte waren aber wegen der Afrikanischen Schweinepest (ASP) schon vor Corona in einer ungewöhnlichen Lage. In China war zwischen Mitte 2018 und September 2019 der Schweinebestand um 40 Prozent eingebrochen. Erst im Juli gab es den ersten Anstieg gegenüber Vorjahresmonat seit über zwei Jahren. Die EU profitiert davon in Form hoher Schweinefleischexporte. Fast die Hälfte des Exportwerts von 6 Mrd. Euro im Zeitraum Januar-Mai ging nach China. 

Auch in den nächsten Jahren rechnet die EU-Kommission wegen der ASP mit gegenüber ihrem Basisszenario um über 30 Prozent erhöhten EU-Erzeugerpreisen für Schweinefleisch. Profitieren kann die EU aber nur, wenn sie selbst die ASP in Schach hält. Denn betroffen sind auch einige östliche EU-Länder. Auch für Deutschland, wo der Produktionsbereich Schwein nach Milch den zweitgrößten Anteil am landwirtschaftlichen Produktionswert aufweist, ist dies eine Schlüsselaufgabe.

Dauerhafte Handelszuwächse erhofft sich die EU denn auch eher von Handelsabkommen. Zwischen 2002 und 2019 hat sich der EU-Agrarhandel mehr als verdoppelt. Die Exporte an Nahrungsmitteln und Getränken konnten im ersten Halbjahr 2020 sogar trotz der Krise um 3,6 Prozent gegenüber Vorjahr zulegen, während die Exporte des verarbeitenden Gewerbes deutlich sanken.

Inzwischen umfassen Handelsabkommen ein Drittel des Gesamtwarenhandels der EU (2018), auch im Agrarhandel. Ganz oben auf der Agenda steht nun ein Abkommen mit dem Vereinigten Königreich. Noch besteht die Hoffnung, dass es nicht zu Verwerfungen im eng verflochtenen Handel kommt. Relevant ist auch, wann und in welcher Form das im Juni 2019 unterzeichnete Abkommen mit dem Mercosur in Kraft tritt. Und natürlich hält auch der noch immer schwelende Konflikt der Riesen USA und China die Agrarmärkte in Atem. 

Neben diesen Rahmenbedingungen ist für die Entwicklung an den einzelnen Märkten die spezifische Situation wichtig und ein kritischer Blick hinter die großen Zahlen. So sollten auch global auf einen neuen Rekord steigende Weizenbestände 2020/21 nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie bei den großen Exporteuren allenfalls stagnieren dürften.