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Strategie zwischen Markt, Pandemie und Green Deal

Hubertus Paetow zu den DLG-Unternehmertagen digital 2020

Anders als im Frühjahr vermutet und gehofft, befinden wir uns immer noch mitten in einer der größten Krisen weltweit. Die Corona-Pandemie ist und bleibt das bestimmende Thema, sowohl im Alltag der ganzen Gesellschaft als auch in unserem betrieblichen und wirtschaftlichen Umfeld. Das Rennen um einen Impfstoff dauert an und nimmt mit ersten Testphasen und positiven Aussichten zunehmend an Fahrt auf. Solange es aber noch keinen flächendeckend verfügbaren Impfstoff gibt, müssen wir auch ein Stück Normalität inmitten der Pandemie leben und das heißt nun mal: Abstand halten, Menschenmassen meiden und Hygieneregeln beachten!

Eine Erkenntnis lässt sich für uns Landwirte aber bereits aus der Krise ziehen: Die internationalen Agrarmärkte sind nicht den drastisch negativen Erwartungen gefolgt und haben sich nach anfänglichen Störungen in den internationalen Lieferketten wieder stabilisiert. Mehr zu kämpfen hatten bisher Sonderkulturbetriebe, die einen hohen Anteil an Saisonarbeitskräfte benötigen, sowie die Verarbeitung, wie zuletzt in den Schlachthöfen zu sehen war. Steht ein Schlachthof mit einer Kapazität, wie in Rheda-Wiedenbrück, erstmal still, so hat das nicht nur Auswirkungen auf die Schweinemäster in der Region. Auch wenn die Situation dort vorerst gelöst ist, müssen wir weiterhin mit plötzlich auftretenden Ausbrüchen innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette rechnen – egal ob Schwein, Rind, Hähnchen, Gemüse,...

Die Getreideernte 2020 ist soweit abgeschlossen und zeigt auch in diesem Jahr wieder ein durchwachsenes Bild. Nach einer erneut starken Frühjahrstrockenheit im März und April konnte durch den kühlen Mai und die Niederschläge im Juni zwar in weiten Teilen Deutschland eine fast durchschnittliche Ernte eingefahren werden, die regionalen Unterschiede sind aber auch dieses Jahr enorm. Während im nördlichen Bayern die Wintergerste mitten in der Blüte erfroren ist, war es vor allem im Osten Deutschlands erneut deutlich zu trocken. Die momentan anhaltende Hitze trübt zugleich die Aussichten für die bisher guten Zuckerrüben- und Maisbestände.

Die nationale Erntesituation ist wie alle landwirtschaftlichen Themen seit Beginn der Pandemie derzeit nur eine Randerscheinung in den Medien. Dies sollten wir aber nicht damit abtun, dass Themen wie Tierwohl, Artenvielfalt, Biodiversität oder Nachhaltigkeit vergessen sind.

Wir Landwirte sollten diese „mediale Atempause“ nutzen! Die Krise hat bereits zu Beginn gezeigt, dass Landwirtschaft systemrelevant ist. Darauf sollten wir uns aber nicht ausruhen, denn die Entscheidung des Bundesrates zum Kastenstand hat beispielweise gezeigt, dass die Themen weiter vorangetrieben werden. Unvermeidliche Prozesse, wie ein fortschreitender Strukturwandel in allen Bereichen, werden durch Systemrelevanz nicht aufgehoben, ganz im Gegenteil: Die Pandemie beschleunigt Veränderungen. Zu nennen ist hier u.a. die Digitalisierung, die durch die Pandemie über die Produktionsprozesse auch flächendeckend Einzug in unsere geschäftlichen und privaten Beziehungen hält. Die Krise eröffnet aber auch neue Chancen: Noch nie war der Ansturm auf Hofläden und Direktvermarkter so groß wie heute. Attribute wie „direkt vom Bauern“ und „aus der Region“ haben durch die Erfahrung des Lockdowns neu an Wertigkeit hinzugewonnen.

Deutschland hat am 1. Juli die Europäische Ratspräsidentschaft übernommen mit dem Ziel, die GAP weiterzuentwickeln. Auch hier sollten wir die mediale Atempause nutzen! Der mehrjährige Finanzrahmen steht und damit auch das Budget der GAP. Der Green Deal, die Farm-To-Fork-Strategie und auch die Biodiversitätsstrategie der EU werden übergeordnete Richtlinien für die Ausgestaltung der GAP sein. Das bedeutet für uns Landwirte: mehr Umwelt-, mehr Klima- und mehr Tierschutz und damit letztendlich mehr Nachhaltigkeit! Und das bedeutet für uns Landwirte aber auch: weniger Pflanzenschutz, weniger Düngemittel und weniger Antibiotika. Neben allen vordergründigen Einschränkungen gilt es auch hier, Chancen zu suchen und Potenziale zu heben. Die Nutzung digitaler Möglichkeiten auf dem Feld, im Stall und auch innerhalb der Wertschöpfungsketten, die über die EU-Strategien gewünscht und weiterentwickelt werden, ist hier nur als ein Beispiel zu nennen. Daneben sind es aber ganze Produktionsverfahren, die neu gedacht und diskutiert werden müssen. Neue Stallkonzepte bzw. innovative Fruchtfolgekonzepte gilt es zu nutzen, um Effizienz nicht nur über Technik, sondern auch über die gesamte Produktionsausrichtung hinweg zu erreichen.

Dabei gilt es für jeden einzelnen Landwirt, sich immer wieder seiner unternehmerischen Verantwortung bewusst zu werden, denn im Zuge aller Chancen wird eine effiziente Ertrags- und Kostenstruktur zunehmend zum Erfolgsfaktor. Grundsätzlich gilt es als Unternehmer jeden Tag sein Handeln zu hinterfragen: Was kann morgen besser laufen als heute? Dies ist pauschal nicht zu beantworten. Dafür muss der moderne Landwirt Strategie, Controlling und Betriebsführung in sich vereinen, um den zukünftigen Zielen einer anspruchsvollen Agrarwirtschaft gerecht zu werden. Dafür sollte jeder die regionalen Gegebenheiten vor Ort analysieren, um individuelle Betriebslösungen zu identifizieren und umzusetzen. Dafür zählt insbesondere, welche Märkte er zukünftig bedienen kann und will, ob Tierwohl-, Umwelt- und Klimaschutz Geschäftsfelder für ihn eröffnen oder auch wie der Betrieb ganz grundsätzlich stabilisiert werden kann, um überhaupt Kraft und Kapazitäten für neue Innovationen zu finden.

„Social distancing“ ist das Gebot der Stunde. Und auch wenn es uns als DLG, der Netzwerkplattform in der Branche, nicht leichtfällt, müssen gerade wir die Regeln beachten, um schnellstmöglich die Pandemie überwinden zu können. Um aber dennoch Orientierung für aktuelle unternehmerische Entscheidungen geben zu können, finden die Unternehmertage 2020 vom 2. bis 4. September 2020 in einer digitalen Ausgabe statt. Sie sind herzlich eingeladen!

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