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Umstellungswelle zum Ökolandbau – ist der Bio-Bogen bereits überspannt?

Achim Schaffner zu den Entwicklungen im Biogetreidemarkt

Die jüngsten Daten des BMEL zum Ökolandbau zeigen dessen ungebrochen dynamische Entwicklung: Im Jahr 2019 hat die Ökofläche 1,6 Mio. ha erreicht. Das hebt auch die erzeugten Mengen auf ein neues Level: Ökolandwirte ernteten im Jahr 2019 erstmals knapp 1 Mio. t Biogetreide. Zudem sinken die Importe von Biogetreide in die EU, der Importanteil ist in den letzten vier Jahren von 26 auf 17 Prozent gesunken. 

Doch führt die Umstellungswelle nicht zu einer Öko-Getreideschwemme? In der Tat hat die Ausweitung der Ökoflächen und die Umstellungswelle zu einem umfangreichen Angebot und zu Preisdruck geführt. Während der Markt für Umstellungsware „übergelaufen“ war und die Erzeuger teils zu konventionellen Preisen vermarkten mussten, war Verbandsware dennoch gesucht und hat seine Käufer gefunden, wenn auch auf einem niedrigeren Preisniveau. 

Doch im Frühjahr 2020 änderten sich die Verhältnisse am Ökomarkt grundlegend: Corona sorgte für eine stark steigende Nachfrage nach Bioprodukten aller Produktkategorien. So haben die Ökobauern die Rekordernte an Ökogetreide aus dem Jahr 2019 von rund 1 Mio. t im Markt untergebracht, die Lager sind weitgehend geräumt. Und auch bei der Umstellungsware hat sich die Lage deutlich entspannt. 

Doch ist diese Nachfrageentwicklung nicht ein Strohfeuer, das im Zuge des Wirtschaftsabschwungs und sinkender Kaufkraft schnell vorüber ist? Das ist nicht zu erwarten: Zum einen zeigt sich nach der Hochphase im März/April, dass die Verkäufe an Bioprodukten stabil auf einem höheren hohen Niveau verbleiben. Händler rechnen mit einer anhaltend überdurchschnittlichen Nachfrage. Infolgedessen weiten sie ihr Öko-Angebot in allen Produktgruppen aus und listen insbesondere Verbandsware. Zum anderen steigt nach der jüngsten Auswertung des GfK Haushaltspanels die Kauflaune der Bundesbürger. Davon wird auch der Ökomarkt profitieren, denn die Haushalte geben deutlich weniger Geld für Urlaubsreisen und Restaurantbesuche aus. Das bedeutet einen verhalten-optimistischen Ausblick auf die weitere Marktentwicklung, ist jedoch kein Anlass für blinde Euphorie.

Diese positive Marktentwicklung ist kein Selbstläufer. Denn größere Umstellungswellen sorgen für Ungleichgewichte im Markt, die zu Preisdruck führen. Deshalb gilt es, die etwaige Umstellung ebenso sorgfältig vorzubereiten wie die Vermarktung. 

Umstellungsinteressierte Landwirte sollten mit ihrem Berater neben allen betrieblichen Themen auch die allgemeine Umstellungsbereitschaft diskutieren. Denn die Information über die Zahl der Umsteller ermöglicht, die zu erwarteten Mengen an Umstellungsware zumindest grob einzuschätzen. Mit dieser Information können Landwirt und Berater eine Entscheidung über den Umstellungszeitpunkt treffen.  

Zudem ist eine klare Positionierung im Markt notwendig: Profilierung über Verbandszugehörigkeit, Qualität und Herkunft, Bündelung des Angebots in Gemeinschaft mit anderen Erzeugern, Vermarktung an partnerschaftliche Abnehmer als Teil der Wertschöpfungskette und eine enge, langfristige Kundenbindung sind die Voraussetzungen für die erfolgreiche Vermarktung von Biogetreide. Das bedeutet auch, sich seinen eigenen Markt zu entwickeln, Abnehmer zu finden und zu binden.  
Für Umsteller bedeutet das: Vor der Umstellung muss die Vermarktung „stehen“. Sonst bleibt die Rolle als austauschbarer Rohstofflieferant, der Ware zu Tagespreisen anbietet,  getrieben vom Preiswettbewerb. Und jedem Umsteller muss klar sein: Aktive Vermarktung, ausgeklügelte, auf den Standort passende Fruchtfolgen und eine wirksame Bestandsführung stellen hohe Anforderungen an die Produktion und sind die Voraussetzung für erfolgreichen Öko-Ackerbau. Als rettender Strohhalm in prekärer Lage taugt die Umstellung auf den Ökolandbau nicht. 

Zurück zur Ausgangsfrage: Der Bio-Bogen ist nicht überspannt. Handel und Verbraucher setzen zunehmend auf Bio, Verarbeiter suchen Ware. Die kontinuierlich steigende Nachfrage und die Gewinnung von Marktanteilen von Importeuren lassen ein organisches Wachstum des Ökomarktes erwarten. Eine klare Marktpositionierung und Lust, aktiv zu vermarkten sind die Schlüssel, die Chancen des Ökomarktes zu nutzen.