Zum Hauptinhalt springen

Auf den "Tag X" vorbereiten

Dr. Albert Hortmann-Scholten zum Schweinefleischmarkt

Die Schweinefleischexporte Deutschlands und der Europäischen Union kommen in den vergangenen Monaten immer mehr in Schwung. China hat in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres 291.000 Tonnen Schweinefleisch inklusive Nebenprodukte in Deutschland eingekauft. Das nach China exportierte Volumen legte gegenüber dem Vorjahr um 43 Prozent zu. Nach dem rasanten Anstieg ist der chinesische Markt momentan deutlich vor Italien der wichtigste Absatzmarkt aus Sicht der deutschen Fleischindustrie.

Vor dem Hintergrund des schwächelnden innerdeutschen Fleischmarktes bleibt die Bundesrepublik elementar und längerfristig auf Drittlandexporte angewiesen. Der steigende Schweinepreis des Jahres 2019 ist im Wesentlichen auf die durch Handelskonflikte und Afrikanische Schweinepest (ASP) geänderte Weltmarktsituation zurückzuführen. Anfang Oktober 2019 bewegte sich der deutsche Schweinepreis mit 1,85 Euro rund 32 Prozent über dem Vorjahresniveau. Die Ferkelpreise konnten sich im Vergleich zum Vorjahr sogar verdoppeln. 

Lukrative Absatzmöglichkeiten 

Gegenwärtig verfügen nur zwölf deutsche Schlachthofstandorte über eine Exportzulassung für den chinesischen Markt, darunter leider nur vier Standorte für eine Erlaubnis zur Ausfuhr von Schweinepfoten. Schweinepfoten nach Asien vermarkten zu können, bietet den Unternehmen erhebliche Zusatzerlöse und entscheidet über die Wettbewerbsfähigkeit. Spanische und französische Unternehmen sind in dieser Frage wesentlich bessergestellt. Dort sind derzeit wesentlich mehr Schlachthöfe in der Lage, von den lukrativen chinesischen Absatzmöglichkeiten zu profitieren. Allerdings läuft aktuell die dritte Antragsrunde für die Zulassung neuer deutscher Schlachtbetriebe. Die Erzeuger hoffen in dieser wichtigen Angelegenheit auf positive Nachrichten. So könnte sich die aktuell gute ökonomische Situation der deutschen Schweinehaltung weiterhin positiv entwickeln, vorausgesetzt Deutschland bleibt ASP frei: Das ist die entscheidende Voraussetzung für den Export in den asiatischen Markt. Nachfragebedingt ist die Ausgangslage sehr gut.  

Bedrohungslage in Europa brisant 

Die ASP hat sich in Asien mittlerweile zu einem Flächenbrand entwickelt. In mindestens zehn für die Schweineproduktion maßgeblichen asiatischen Ländern hat sich die ASP zu einem Flächenbrand entwickelt. Mehr oder weniger alle Staaten haben mit der Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest Probleme. Darunter bedeutende Länder wie Vietnam, Korea, die Philippinen, Laos und Kambodscha. Auch Japan hat aufgrund der Probleme mit der Bekämpfung der klassischen Schweinepest einen zunehmenden Einfuhrbedarf.

In Europa ist die Bedrohungslage nicht minder brisant. Bis Anfang Oktober wurden primär in Osteuropa über 6.100 offizielle Schweinepestausbrüche gemeldet. Damit übersteigt die Zahl der ASP-Ausbrüche in den ersten drei Quartalen bereits die Gesamtzahl des Jahres 2018. Während in Polen überwiegend Wildschweinbestände betroffen waren, sind in Bulgarien und vor allen Dingen in Rumänien mittlerweile große Teile der Hausschweinepopulation durchseucht. Zudem beobachten wir in Europa eine weitere Ausbreitung Richtung Zentral- und Westeuropa. Die Bedrohungslage für Deutschland, mit den fatalen Folgen für den Asienexport, ist sehr groß. Hierzulande ist es wesentlich wahrscheinlicher, dass ASP bei Wild- statt Hausschweinen ausbricht. 

Entwicklung ASP-Impfstoff benötigt Zeit 

Die globalen Auswirkungen der ASP-Ausbrüche in China werden überschattet durch die anhaltenden Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China. Selten zuvor war eine Spreizung des Preisgeschehens an den Weltmärkten so groß wie augenblicklich. Während für China momentan Preise von über 4,50 Euro aufgerufen werden, bewegen sie sich in den USA, nicht zuletzt aufgrund eines Rekordschweinebestandes, bei Preisen von weniger als 90 Cent je Kilogramm Schlachtgewicht. Die meisten europäischen Notierungen pendeln aufgrund dieser Spreizung in einem moderaten Mittelfeld zwischen 1,80 Euro und 1,90 Euro. Prognosen namhafter Institute gehen davon aus, dass sich in Asien die Situation in den kommenden Jahren nicht bessern wird. Für China wird, ausgehend von den Schweinebeständen 2017, mittelfristig eine Halbierung der Population und damit der Fleischerzeugung prognostiziert. Die Entwicklung eines wirksamen ASP-Impfstoffs ist höchst komplex und zeitaufwendig. In den kommenden fünf bis zehn Jahren dürfte ein wirksamer Lebendimpfstoff, der sich von Wildstämmen unterscheidet, kaum entwickelt werden.

Politischer Handlungsbedarf

Da in der Bundesrepublik jederzeit mit einem ASP-Ausbruch bei Wild- oder Hausschweinen zu rechnen ist, sollte man die „Friedenszeiten“ nutzen, um jetzt ohne Zeitdruck entsprechende Vereinbarungen mit den für den Schweinefleischexport wichtigen Drittländern auszuhandeln.  Die bereits ausgestellten Veterinärzertifikate sollten so angepasst werden, dass im Falle eines ASP-Ausbruchs bei Wildschweinen die Hausschweinefleischexporte weiterhin möglich sind.

In der von der Wirtschaft geforderten Regionalisierung der Exportbeschränkungen im Falle eines Seuchenausbruches ist man nicht weitergekommen. Trotz intensiver Bemühungen der Bundesregierung hat sich in dieser entscheidenden Frage konkret wenig bewegt.

Der ASP-Ausbruch in Belgien hat zu erheblichen Marktverwerfungen geführt. Die belgische Regierung wollte China mit einem Regionalisierungskonzept von Erleichterungen beim Export von Schweinefleischprodukten überzeugen: Anfang August kam die Absage der chinesischen Regierung mit dem Hinweis, das vorgelegte Seuchenbekämpfungskonzept sei nicht plausibel nachzuvollziehen. Die Entscheidung ist umso bedauerlicher, da in Belgien nur Wildschweine von ASP betroffen sind und sich seit geraumer Zeit eine Entspannung der Seuchenlage abzeichnet.

Von diesen Rückschlägen sollte man sich auf deutscher Seite allerdings nicht entmutigen lassen und alle Bemühungen darauf konzentrieren, sich auf den Tag X vorzubereiten.