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Der Kampf gegen Durchfall bei Saugkälbern

In den ersten Lebenstagen der Kälber gehören Durchfallerkrankungen zu den häufigsten Störungen. Das belegte auch eine 2016 durchgeführte Monitoring-Untersuchung des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG).

60 sächsische Betriebe nahmen nach einem Aufruf freiwillig an dieser Untersuchung teil. Dazu wurden die Betriebe mittels eines Fragebogens zur Versorgung ihrer Kälber befragt und in jedem Betrieb zehn Kälber ausgewählt, welche in der ersten Lebenswoche und an zwei weiteren Terminen jeweils im Abstand von einer Woche untersucht wurden. Zu diesen Untersuchungen wurde auch von jedem der zehn Kälber Kotproben genommen, welche von der LUA in Leipzig und dem Institut für Parasitologie auf potenzielle Durchfallerreger untersucht wurden.

Ergebnis alarmierend, Problem unterschätzt

Nur in vier Betrieben hatte keines der zehn untersuchten Kälber an den drei Untersuchungstagen Durchfall. In 41 Betrieben (67,2 Prozent) lag die Durchfallquote bei den untersuchten Kälbern bei 50 Prozent und darüber. Insgesamt wiesen von den 554 untersuchten Kälbern 313 (55,7 Prozent) zu mindestens an einem der Termine eine suppige oder wässrige Kotkonsistenz auf. Den höchsten Anteil von Durchfallsymptomen zeigten Kälber, deren Untersuchungstermin auf den 7., 8. oder 9. Lebenstag fiel. Aber auch 20 bis 25 Prozent der im Alter von ein bis zwei Tagen untersuchten Kälber zeigten diese Symptome.

Der Entstehung einer Durchfallerkrankung liegt ein multifaktorielles Geschehen, bestehend aus den infektiösen und prädisponierenden Faktoren, zugrunde. Infektiöse Faktoren sind die bekannten potenziellen Durchfallerreger, wie  Rota- und Coronaviren, Cryptosporidien, Salmonellen, Clostridien und darmpathogene E.coli-Bakterien.  

Die Befragung der Betriebsleiter zeigte, dass die Hälfte der teilnehmenden Betriebe die Gesundheit ihres Kälberbestandes deutlich überschätzte und ein Bestandsproblem nicht erkannte. Dies liegt dann vor, wenn mehr als 30 Prozent der Kälber an Durchfall erkranken. Dann ist es zwingend, nach den Ursachen zu suchen. Der Zeitpunkt der ersten Symptome, die Schwere und die Dauer der Erkrankung können wichtige Hinweise darauf geben.

Differenzierte Erregersituation

Während bis zu 80 Prozent der in den ersten drei Lebenstagen untersuchten Kälber vor allem Befunde für potenziell enteropathogene E. coli und Cl. perfringens zeigten, konzentrierten sich die positiven Cryptosporidienbefunde vor allem auf die zweite Lebenswoche. Dabei wies das Labor bei 80 Prozent der Kälber zu mindestens in einer der drei Untersuchungen Cryptosporidien nach. In 23 Betrieben betrafen die positiven Cryptosporidienbefunde alle untersuchten Kälber. Lediglich in einem Betrieb zeigte keines der Kälber diesen Erreger.

Rotaviren waren am stärksten ab der dritten Lebenswoche nachweisbar. Mit positivem Rotavirenbefund war hier zum Beispiel die Durchfallinzidenz 2,7 mal höher als bei Abwesenheit dieses Erregers. Auch der frühe Nachweis von Clostridium perfringens war überdurchschnittlich oft mit einer sehr dünnen Kotkonsistenz verbunden. In der zweiten Lebenswoche scheint die höhere Durchfallhäufigkeit meist an das Vorkommen von Cryptosporidien allein oder in Kombination mit Rotaviren und/oder Cl. perfringens gebunden zu sein.

Zur Erregerdifferenzierung sollten die Proben möglichst von unbehandelten Kälbern mit pastöser bis breiiger Kotkonsistenz stammen. Auch sollten Kälber jeder Alterskategorie beprobt werden. Zum Beispiel werden Cryptosporidien aufgrund ihres Vermehrungszyklus erst sicher in der zweiten Lebenswoche des Kalbes nachzuweisen sein.

Wichtig fanden wir den Hinweis des Labors auf das Vorhandensein der „normalen“ fäkalen gramnegativen Darmflora. Ist diese beeinträchtigt, nutzen Durchfallerreger die Situation brutal aus. Die Ursache dafür liegt mitunter in einer früheren antibiotischen Behandlung des Kalbes zum Beispiel aufgrund von Nabelentzündungen.

Evolution lässt sich nicht ignorieren

Die Evolution hat in Millionen von Jahren ein geniales System entwickelt. Noch im Mutterleib bereitet die Kuh das Kalb auch immunologisch auf die Umwelt vor. Das gelingt der Kuh am besten, wenn es ihr gut geht und sie ihren Bedarf an essentiellen Faktoren wie zum Beispiel Nährstoffen, Vitaminen, Spurenelementen aber auch Sozialkontakt und Bewegung decken kann. Nach der Kalbung schließt das Erstkolostrum hier nahtlos an.

Der Fakt, dass die Kuh sich zur Kalbung aus dem Herdenverband zurückzieht und das Kalb seine ersten Lebenstage getrennt von der Herde bestreitet, schafft Zeit, um einen ausreichenden immunologischen Schutz aufzubauen, bevor sich das Kalb mit den Keimen der Herde auseinandersetzen muss. Hier sind passende Haltungs- und Fütterungssysteme gefragt, die in der Lage sind, das von der Natur Gegebene zu beachten und zu nutzen.

Die Monitoring-Untersuchung hat auf die empfindlichsten Baustellen hingewiesen. Unzureichende hygienische Bedingungen zur Kalbung führen offensichtlich häufig zur Fehlbesiedlung des Verdauungstraktes der Kälber. Positiv ist zu bemerken, dass 75 Prozent der Betriebe versuchten, mithilfe einer Muttertierschutzimpfung, die natürliche Kolostrumbildung für die Anreicherung spezieller Wirkstoffe auszunutzen.

Doch in nahezu der Hälfte der Betriebe wurde das Kolostrum zu spät gemolken. Der zum Schutz des Kalbes in den letzten Trächtigkeitswochen gebildete Wirkstoffcocktail wird so mit neu gebildeter Milch verdünnt und verliert damit an Wirksamkeit. Somit stellt sich dann auch der Sinn der Muttertierschutzimpfung infrage. Nur in sehr wenigen Betrieben wird das Erstkolostrum untersucht. Mit dieser Information wäre auch sehr gut einzuschätzen, wie der Kuh in der Trächtigkeit die immunologische Vorbereitung ihres Kalbes gelungen ist.

Mit Gründlichkeit und Konsequenz zum Erfolg

In einem zweiten Teil der Untersuchung sind in einzelnen Betrieben konkrete Maßnahmen zur Eindämmung des Durchfallgeschehens festgelegt und erprobt worden.

In einem Betrieb betrafen die Maßnahmen die Abkalbebox (jede Kuh kalbt auf einem frisch eingestreuten Platz), die Kolostralmilchgabe sowie strikte Hygienemaßnahmen für die neu geborenen Kälber (Tragen von Handschuhen und Schürze bei der Geburtshilfe und zum Antränken der Kälber, nur sauberstes Tränkgeschirr, neuer leicht zu reinigender Wagen für den Transport der Kälber von der Abkalbebox zum Einzeliglu, Bearbeitungsreihenfolge vom jüngsten zum ältesten Kalb, Standplatz jedes Einzeliglus wurde heiß gereinigt, desinfiziert und stand mindestens sieben Tage nach der Reinigung leer, Verwendung von Schaumreiniger und Wechsel der Desinfektionsmittel für Iglus und Standplätze, kein Abstellen der Tränkeimer auf dem Boden und zwei Mal tägliche gründliche Reinigung der Tränkeimer in Seifenlauge mit heißer Klarspülung).

Mit der strengen Einhaltung der Hygienemaßnahmen ist es gelungen, die Durchfallquote in diesem Betrieb von 56 Prozent auf 30 Prozent zu senken. Der Anteil von Befunden mit starkem Erregerbefall sind deutlich zurückgegangen, vor allem der hohe Anteil starker Gehalte an enteropathogenen E. coli und Cl. perfringens bei Kälbern der ersten Lebenswoche. Es ist gelungen, ohne Medikamenteinsatz die Cryptosporidien-Infektionen vollständig zu eliminieren. Das zeigt, dass mit Gründlichkeit und Konsequenz die Gesundheit der Kälber positiv beeinflusst werden kann.

Autorin: Dr. Ilka Steinhöfel, Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG).