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Bioland im Discount

Jan Niessen sieht mehr Erfolgsfaktoren als Risiken

Vor einem knappen Jahr wurde die Zusammenarbeit von Bioland und Lidl bekannt. Dieser Schritt sorgte für Aufsehen und hitzige Debatten, weit über die Biobranche hinaus.

Diskutiert wurden Fragen wie „passt Verbandsbio mit höherem Qualitätsanspruch zu einem Discounter? Ist das der Ausverkauf der Biolandwirte, ihrer Marke und Werte?“. Neben kritischen Tönen gab es auch viel Verständnis und Applaus für den Schritt – von bioaffinen Verbrauchern über Erzeuger aus verschiedensten Produktionsbereichen bis hin zu Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, höchst persönlich. Nicht zu vergessen, seit dem Jahr 2002 werden Biolebensmittel systematisch über Bio-Handelsmarken in Discountern vermarktet, auch von Verbandsbetrieben.

Angesichts stark gestiegener Umstellerzahlen auf Bio ist ein weitgehend ausgeglichener Markt Voraussetzung für eine erfolgreiche Ökologisierung der Landwirtschaft durch Biolandbau. Das trifft insbesondere auf den Molkereibereich zu. Deshalb gilt es neben den Landwirten auch die Verbraucher auf Bio umzustellen. In diesem Fall durch Marketing. Und genau hier kann eine deutlich positive erste Bilanz gezogen werden: Die Umsätze mit Biolebensmitteln bei Lidl sind stark gestiegen, insbesondere eigene Kunden haben zu Bio gegriffen oder ihren Bioeinkauf intensiviert. Das Biosortiment hat, wo möglich, ein „upgrade“ auf Bioland erfahren und ist insgesamt erweitert worden. Es sind also mehr Biolebensmittel von heimischen Biolanderzeugern an Kunden vermarktet worden – genau was notwendig ist, um Bio in der Landwirtschaft stabil über den Markt weiter zu entwickeln.

Die Auszahlungspreise an Erzeuger haben sich nicht nennenswert verändert, allerdings hat sich die Absatz- und damit Planungssicherheit, gerade bei organisierten Erzeugern, verbessert. Bleibt für Kritiker auch die Frage, ob die Marke Bioland, die zu den glaubwürdigsten Nachhaltigkeitslabeln im deutschen Lebensmittelmarkt zählt, an positivem Image und Glaubwürdigkeit verloren hat. Dafür gibt es aus meiner Sicht keine Anzeichen. Im Gegenteil: Die Lidl-Bioland-Kampagne war gut gemacht und die Reichweite dürfte im dreistelligen Millionenbereich an Kontakten liegen. Gemessene, nicht gefühlte Realität ist auch, dass sich die Biolandumsätze um viele Millionen Euro bei Erzeugern und dem Händler gesteigert haben. Damit verknüpft sind auch gesellschaftliche Leistungen durch Ökolandbau wie Arten-, Boden- oder Tierschutz.

Ein Klassiker unter Kritikern: Die strengeren Bioland-Standards werden zu Gunsten von Vermarktungsmöglichkeiten aufgeweicht. An der Vernichtung der größten Werte des Verbands und der Marke Bioland hat mit Sicherheit keiner der Beteiligten Interesse. Gerade der hohe Organisationsgrad und das Markenprogramm von Bioland sind die Erfolgsfaktoren – einschließlich sozialer Kontrolle. Lidl wird weiter nach vorne gehen und mit organisierten, auch neu umgestellten Bioerzeugern das heimische Premium-Bioangebot ausbauen.

Diese Kommentierung und Bewertung der Entwicklungen ist früh. Aber klar ist, Angebots- und Nachfragewachstum bei Bio können parallel entwickelt werden. Dabei ist gemeinsames Handeln über die Wertschöpfungskette hinweg Gebot der Stunde. Für Bio ist das Klima zum Wandel im Markt günstig. Bio lohnt sich. Für alle Beteiligten.