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Landwirtschaft und Klimakrise

Peter Breunig über Konsumverzicht contra technologischem Fortschritt

In der aktuellen Diskussion zur Klimakrise scheinen immer wieder zwei Denkansätze aufeinander zu prallen, die seit langem die Frage nach globaler Nachhaltigkeit bestimmen: Müssen wir unseren Konsum einschränken, die Grenzen des Planeten akzeptieren und zurückkehren zu mehr Natürlichkeit oder sollten wir neue Technologien einsetzen, die die Grenzen und aktuellen Herausforderungen überwinden und neues Wachstum ermöglichen?

In der Diskussion über die Land- und Ernährungswirtschaft der Zukunft sind diese beiden Denkansätze in gleicher Weise präsent:

Denkansatz 1: Wir ökologisieren die Landwirtschaft durch Blühstreifen, Ökolandbau und andere Extensivierungsmaßnahmen auf Kosten des Ertrags und passen gleichzeitig unsere Ernährungsweise an, das heißt weniger tierische Lebensmittel und geringere Lebensmittelverschwendung. Bliebe die Nachfrage unverändert, würde eine Extensivierung der Produktion dazu führen, dass an anderer Stelle Flächen neu gewonnen oder die Produktion intensiviert werden müsste, um den Ertragsrückgang auszugleichen (mit entsprechend negativen Umweltfolgen an einem anderen Standort).

Denkansatz 2: Wenn wir unsere Ernährungsweise global nicht drastisch anpassen und beschränken können bzw. wollen, entwickeln wir neue Technologien, um die Zusammenhänge zwischen Nachfrage und Flächenverbrauch sowie Ertragshöhe und ökologische Folgen zu entkoppeln.

Welche neuen Technologien werden aktuell in diesem Zusammenhang diskutiert?

Auf der Nachfrageseite gehören dazu beispielsweise alternative Proteine wie pflanzenbasierte Fleischersatzprodukte (Beyond Meat etc.) oder In-vitro-Fleisch. Diese besitzen das Potenzial, den Flächenbedarf und die Klimagasemissionen bei gleichen oder ähnlichen sensorischen Eigenschaften und Nährstoffgehalten zu reduzieren.

Auf der Produktionsseite können neue Technologien und Anbausysteme dazu führen, dass der Zusammenhang „je höher der Ertrag, desto höher die negativen Auswirkungen für die Umwelt auf der Fläche“ zum Teil ausgehebelt werden kann: Künstliche Intelligenz zur Erkennung von Unkräutern und Kulturpflanzen erlaubt Herbizideinsparungen. Durch Genome Editing veränderte Sorten sind resistent gegen Pflanzenkrankheiten und reduzieren den Fungizidbedarf. Neue autonome Maschinenformen erlauben vielfältige Kulturen auf einem Feld ohne wesentliche Nachteile in den Arbeitserledigungskosten. Neue Anbausysteme integrieren Biodiversitätsleistungen durch Zwischenfrüchte, Untersaaten und Mischkulturen.

Wo Licht ist, ist auch Schatten

Bei Denkmuster 1 besteht immer die Frage, ob Menschen tatsächlich ihr individuelles Konsumverhalten anpassen. Daher wird gerade auch der Ruf aus Teilen der Gesellschaft lauter, die Politik solle doch einschreiten und mit staatlichen Eingriffen unseren Konsum lenken.

Verfechter von Denkmuster 2 müssen sich mit dem „Rebound-Effekt“ auseinandersetzen. Das bekannteste Beispiel für diesen Effekt kommt aus der Automobilbranche: Automotoren sind in den letzten Jahren immer effizienter geworden, was aber nicht dazu geführt hat, dass wir in Summe weniger Kraftstoff verbrauchen, da sich Menschen in den letzten Jahren für immer größere Autos entschieden haben.

Wenn man diesen Effekt auf die diskutierten neuen Technologien in der Landwirtschaft überträgt, wären vielleicht folgende Szenarien vorstellbar: Resistente Sorten führen nicht zu Fungizideinsparungen, da Fruchtfolgen dann wieder enger werden. Oder die Herstellungskosten von In-vitro-Fleisch werden soweit fallen, dass die Nachfrage nach Fleisch wächst und der Flächenbedarf für die gesamte Fleischproduktion sich nicht verändert.

Fazit

Beide Denkansätze brauchen gezielte staatliche Eingriffe (positive/negative Anreize oder Verbote), um Nachteile zu minimieren und Chancen zu nutzen. Zu allererst müssten wir hierfür aber die Diskussion wegbringen von der Frage, wie wir Landwirtschaft betreiben und uns hin zu der Frage bewegen, welche messbaren Ziele wir eigentlich erreichen wollen. Diese messbaren Ziele sollten der Maßstab für agrarpolitisches Handeln und den sinnvollen Einsatz neuer Technologien sein.

Weitere Informationen und Quellen im Blogbeitrag