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EU-Parlamentswahl

Bernhard Krüsken zu den Ergebnissen und der Rolle der Landwirtschaft

Stadt - Land - Ost: so lässt sich die politische Landkarte der jeweils stärksten Parteien in Deutschland kurz und einfach aufteilen. Das Ergebnis der Europawahl hat in der Deutlichkeit der Trends manchen überrascht, aber in der Richtung setzt sie eine seit langem sichtbare Entwicklung fort. Zuerst ist die Tragweite des Themas Klimawandel in den Köpfen angekommen. Auch wenn das teilweise unter Zuhilfenahme populistischer Aufbereitung, falschen Schuldzuweisungen und groben Vereinfachungen erfolgt sein mag (etwas Panikmache und Doppelmoral war sicherlich auch dabei), ist das Problem unbestreitbar, erfordert Lösungen und bewegt zu Recht die Wähler. Wenn taktische koalitionäre Sachzwänge einer klaren Positionierung im Weg stehen, der Kohleausstieg irgendwann nach 2036 geplant und zudem das Netz nicht als integraler Teil der Kommunikationslandschaft verstanden wird, entsteht schnell das Bild einer begrenzt handlungsfähigen Regierungskoalition, der man die Lösung nicht zutraut und der man die Unterstützung entzieht.

Für die Landwirtschaft gilt daher: Lösungen und Potenziale, die die Landwirtschaft zum Klimaschutz bieten und heben kann, können und müssen noch deutlicher und sichtbarer in die Klimadiskussion gebracht werden. Es gilt: Gibt man selbst keine Antworten, dann wachsen welche, und zwar nicht immer die komplexen oder richtigen. Gerade in Sachen Klima ist die Versuchung groß, aus Bequemlichkeit Selbsttäuschung zu betreiben, etwa nach dem Motto: verzichten wir doch auf die Tierhaltung und reden nicht über Mobilität und Konsum. Erneuerbare Energien und Dekarbonisierung sind ohne Land- und Forstwirtschaft nicht zu machen.

Nicht nur Klimawandel, sondern auch Themen rund um Naturschutz, Biodiversität, Landwirtschaft und Ernährung haben starke emotionale Bindungswirkung und mobilisieren. Auch hier kann die Landwirtschaft Antworten liefern und ist bereit, ihren Teil zur Lösung dieses Problems beizutragen. Artenvielfalt in der Agrarlandschaft wächst nicht von selbst, sondern kann nur von Landwirten selbst organisiert werden. Die GAP biete jetzt schon reichlich Instrumente und Möglichkeiten, solche Maßnahmen zu unterstützen – und zu finanzieren, ohne das geht es nicht; das ist bei offenen Märkten unverzichtbarer Teil der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe.

Last but not least noch ein wichtiges Fazit: Die Spaltung zwischen Stadt und Land drückt sich politisch aus, ist aber auch kognitiver und informatorischer Art, mit anderen Worten: Das Informationsgefälle, das die Agrarbranche seit Jahren beklagt, wächst ungebremst und verfestigt sich. Die kommunikativen Bordmittel landwirtschaftlicher Organisationen und die häufig analog angelegte Graswurzelkommunikation innerhalb der Branche oder innerhalb der ländlichen Räume sind richtig und wichtig, aber definitiv an Grenzen gestoßen. Konzeptionell und finanziell sind neue Lösungen und größere Würfe gefragt, mit denen man wirklich etwas in der Stadt-Land-Kommunikation bewegt.