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Zucker: Globale Produktion, Weltmarkt und EU-Markt

Henning Koch zur Konkurrenzfähigkeit der Zuckerproduktion

Durch anhaltendes Bevölkerungswachstum und ansteigenden Wohlstand in Schwellenländern nimmt der globale Zuckerverbrauch weiter stetig zu – in den letzten Jahren vielleicht etwas langsamer als zuvor. Die weltweite Produktion unterliegt dagegen immer wieder auch heftigen Schwankungen nach oben oder nach unten, hauptsächlich aufgrund unerwartet günstiger oder ungünstiger Wetterbedingungen oder politischer Einflüsse. Meist übersteigt aber die Erzeugung den Verbrauch, so beispielsweise in zehn der letzten 14 Jahre. Aktuelle Zahlen für 2018/19 liegen bei knapp 188 Mio. t Produktion und guten 183 Mio. t Konsum, in 2019/20 wird mit nicht ganz 183 Mio. t Erzeugung und 185 Mio. t Verbrauch mit einem kleinen Defizit gerechnet – aber das kann sich noch ändern.

Auf dem “Weltmarkt“ werden aber nur etwa 50 Mio. t gehandelt, der überwiegende Teil der globalen Mengen verbleibt innerhalb von auf verschiedene Art und Weise geschützten Binnenmärkten. Regelmäßige, sozusagen “strategische“ Anbieter auf dem Weltmarkt sind relativ wenige – Brasilien, Thailand, Australien und Mittelamerika. Andere Länder bzw. Ländergruppen (wie die EU) exportieren nur dann auf den Weltmarkt, wenn sie Überschüsse produziert haben und einen Weg gefunden haben, um die – oft – erheblichen Mindererlöse im Vergleich zum eigenen Markt und den Produktionskosten zu kompensieren. Konkurrenzfähigkeit dieser “opportunistischen“ Exporteure ist also weniger eine Frage der Produktionskosten, sondern von stabilen Verhältnissen auf dem heimischen Markt, die es ermöglichen, Verluste auf dem Weltmarkt wegzustecken.

Für stabile Verhältnisse auf dem EU-Binnenmarkt, mit rund. 19 Mio. t (inkl. Ethanol, chemische Industrie und Export in Fertigprodukten) einer der größten, ist eigentlich gesorgt. Exporte sind nach dem Auslaufen der WHO-Restriktionen unbegrenzt möglich, Importe sind aber, wie vorher, nur aus Präferenz- und Freihandelsabkommen (mehr oder weniger) wirtschaftlich sinnvoll. Die hier verfügbaren Mengen sind begrenzt, einerseits durch die Kapazitäten bei den Exporteuren, andererseits durch jährliche Kontingente. Darüber hinaus sind sie nicht billig, und sollen es auch nicht sein. Importe vom freien “Weltmarkt“ sind durch prohibitive Einfuhrzolle praktisch unmöglich, abgesehen von den kleinen Einfuhren von Spezialitäten, die es woanders nicht gibt.

Eine ungehinderte Verbindung zwischen EU-Markt und Weltmarkt besteht lediglich und einseitig im Export, letztes Jahr waren das immerhin 3,3 Mio. t. Diese Exporte trafen aber auf einen sehr gedrückten Weltmarkt. Die globale Produktion war 2017/18 gewaltig angestiegen, die Notierungen waren im Spätsommer 2018 so niedrig wie seit etwa zehn Jahren nicht mehr. Zucker aus der EU muss mit anderen Ursprüngen konkurrieren und kann bestenfalls einen Aufpreis erzielen. Hier hat der Weltmarkt Auswirkungen auf die Erlöse der EU-Produzenten – für die 3,3 Mio. t, die exportiert wurden. Das ist, im Verhältnis zum geschützten EU-Binnenmarkt, keine große Menge. Soll dies dennoch eine der wesentlichen Ursachen für den Verfall der EU-Zuckerpreise gewesen sein? “Strategische“ Exporteure verkaufen bis zu 60 bis 80 Prozent ihrer Erzeugung auf dem Weltmarkt, bewahren aber in ihren eigenen Märkten auskömmliche Verhältnisse. Soll dies in der EU nicht möglich sein?

Von verschiedenen Seiten hört man jetzt von Fabrikschließungen und Produktionseinschränkungen. Das eine muss nicht zwangsläufig das andere bedeuten. Wie bei der Rekordernte 2017/18 geschehen, können die vorhandenen und zukünftig verbleibenden Kapazitäten ausgebaut sowie länger und effizienter genutzt, und die Produktionskosten niedrig gehalten werden. Nicht geringe Erzeugung sollte die Lösung sein, sondern Nutzung des von der EU weiterhin gewährleisteten Außenschutzes vor unkontrollierter Konkurrenz aus dem Ausland, und dezidierte Ausfuhr der jeweiligen individuellen Überschüsse.