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Ist der Fortschritt am Ende?

Gedanken von Thomas Preuße zwei Tage nach der DLG-Wintertagung

Landwirte sind „von Natur aus“ Optimisten. Anders hielten sie die Unsicherheit, das Risiko, das im Wirtschaften in der Natur und mit Lebewesen liegt, gar nicht aus. Die meisten Landwirte sind sogar Fortschrittsoptimisten. Diesen sehr alten Begriff hat uns jetzt der Philosoph und Kommunikationswissenschafler Christian Dürnberger auf der DLG-Wintertagung erklärt. Ursprünglich ist damit zum Beispiel Technik gemeint, die dabei hilft, die Natur zu beherrschen. Nichts anderes tut der Landwirt Tag für Tag.

Dumm ist nur, dass ihm der Rest der Welt dabei immer weniger folgen will. Fortschritt ist in Verruf geraten. Heute ist es in den Augen der meisten Menschen nicht mehr die Natur, die den Menschen bedroht, sondern umgekehrt der Mensch, der der Natur den Garaus macht. Aber zurück zu den Jägern und Sammlern will natürlich auch niemand. Dies ist der Grundkonflikt, der sich auch auf der Wintertagung durch viele Diskussionen zog. Fortschritt ist seit 1885 ein Bestandteil der DLG-Genetik. Was aber, wenn aus Fortschritt Rückschritt wird? Wird dann aus Optimismus Pessimismus? Weit verbreitet unter Landwirten sind in der Tat Orientierungslosigkeit bis hin zur Frustration. Worüber wurde in Hannover diskutiert? Welche Gedanken helfen vielleicht, die eigene Situation besser einzuordnen?

  1. Fortschritt ist nicht eindimensional. Wir erleben eine bisher nie gekannte Vielfalt der Anforderungen – aber auch der möglichen Antworten und individuellen Möglichkeiten (DLG-Präsident Paetow). Übertragen auf die Landwirtschaft: Was für den einen Betrieb gut ist, dient noch lange nicht dessen Nachbarn. Bisher war das Verhalten vieler Landwirte ja eher vom „Herdentrieb“ geprägt: Baute einer einen neuen Stall, wollten die anderen auch, um „im Wettbewerb nicht zurückzufallen“. Über diesen Mechanismus haben sich auch Pachtpreise in irrationale Höhen geschwungen: Fläche ist knapp, und man musste ja mithalten. Kam einer mit einer neuen Idee um die Ecke, hieß das bei Berufskollegen gern abschätzig „Nischenlösung“. Mit dem Unterton: Lass ihn mal spielen, das richtige Geld wird mit dem Mainstream verdient. Diese Zeiten sind vorbei.
  2. Fortschritt muss auch Rückschritt zulassen. Handeln wird unsicherer. Man probiert etwas aus und stellt fest, dass der Weg doch nicht der Richtige ist. Abwarten ist allerdings keine Alternative. Wir empfehlen seit Längerem, in Erwartung von Unsicherheiten einen „Plan B“ nicht nur im Kopf, sondern schon mal ausprobiert zu haben, damit man im Fall des Falles nicht ganz nackt dasteht. Zum Beispiel bei der Frage „ohne Glyphosat“. Wir treffen auch zunehmend auf Landwirte, die sich überlegen, einen (kleineren) Teil des Betriebes auf „Bio“ umzustellen – auch um Erfahrungen im Hinblick auf kommende Anforderungen im „Konventionellen“ zu gewinnen.
  3. Fortschritt stößt auf subjektive „moralische Schizophrenie“ und objektive Zielkonflikte. Eine Moral fürs Gemüt, eine fürs Portemonnaie – dieses Verbraucherverhalten beklagen wir seit Jahren und können es nicht auflösen. Daneben gibt es Probleme, die sich nicht einfach wegdiskutieren lassen – die Insekten sind ein aktuelles Beispiel. Hier kann es nur Kompromisse geben, die aber je nach Gewichtung der einen und anderen Seite (Produktivität versus Biodiversität) unterschiedlich aussehen können. Damit müssen wir rechnen, das müssen wir zugeben.
  4. Fortschritt verlangt den reflektierenden und kommunizierenden Landwirt. Über Kommunikation und deren beste Wege reden wir seit Jahren – bislang allerdings ohne großen Erfolg, wenn wir ehrlich sind. Liegt das auch daran, dass wir die Vorstufe der Kommunikation – nämlich das Nachdenken über das eigene Tun – gern vergessen? Anders ausgedrückt: Wir sind hervorragend darin, unsere Produktivität – gleichsam nach innen – zu analysieren und zu verbessern. Die großen Fragen, mit denen wir es heute zu tun haben – Tierwohl, Biodiversität, Nitrat... – wurden und werden aber samt und sonders von außen an uns herangetragen und erzeugen erstmal Widerstand. Ist es zu viel verlangt, dass sich Landwirte selbst rechtzeitig Gedanken darüber machen, ob ihr Tun noch dem „ethischen Kompass“ der Gesellschaft entspricht? Vielleicht muss man den verschiedenen Dimensionen des Risikomanagements – Wetter, Märkte, Liquidität – noch eine weitere hinzufügen, die des „gesellschaftlichen“ oder auch „umweltpolitischen“ Risikomanagements?


Wenn der Fortschrittsgedanke solcherart erweitert wird, hat er eine Zukunft!