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Landwirtschaft im Wasser

Dr. Birgit Schmidt-Puckhaber lädt ein zu einem Blick auf die Produktion von Algen

Die kontrollierte Erzeugung von Nahrungsmitteln aus dem Wasser hat in den letzten Jahren weltweit stark zugenommen. Seit 1990 stieg allein die Fischerzeugung von 8 Mio. auf 55 Mio. t, die Erzeugung von Wasserpflanzen sogar von 3 auf 30 Mio. t, veröffentlicht die FAO in ihrem SOFIA Report 2018 – Tendenz steigend.

Zugegeben ein internationaler Trend, der an unseren Teichwirten, Fischzüchtern und den wenigen Algenfarmern vorbei zu ziehen scheint. Das sollte uns insbesondere bei den Algen nicht davon abhalten, den Blick auf diese innovativen Kandidaten in grün zu wenden.

Immerhin gibt es von den grünen Helden der Mikro- und Makroalgen rund. 1 Mio. Arten, 100.000 davon sind charakterisiert, einige 1.000 sind in Stammsammlungen vertreten, in Kultur sind allerdings bislang (!) nicht mehr als 30 Arten.

„Es grünt so grün“  …. und das, weil es den grünen Alleskönnern gelingt, ihre organischen Moleküle aus Kohlendioxyd,  Wasser und Mineralien herzustellen. Licht ist der Energielieferant. Richtig  - Photosynthese im Wasser und nicht an Land. Sie binden damit Kohlendioxyd und verbrauchen nur wenig Stickstoff und Phosphor bei rasanten Wachstumsraten. Das glauben wir gerne und haben die drastischen Algenblüten vor Augen, die sogar auf Satellitenbildern zu sehen sind oder beobachten, wie die Wasserlinsen in kürzester Zeit eine Teichoberfläche bewachsen hat.

Algen haben als Nahrungsmittel eine lange Tradition in asiatischen Ländern, finden aber auch in Europa Verwendung. So werden in der Bretagne und in der Normandie seit jeher Tange, also Makroalgen, aus dem Wasser geerntet und als Viehfutter oder Dünger verwertet.

Schauen wir auf die Mikroalgen, jene Photosynthese betreibenden kleinen „Grünlinge“, deren Spezies, Eigenschaften, Inhaltsstoffe und Lebensräume in ihrer Vielfalt nicht zu überbieten sind. Sie sind im Salz- und im Süßwasser, im Schnee, in Schwefelquellen, bei minus 40 bis plus 50 °C anzutreffen und jede Spezies kann etwas anderes gut. Dann machen sie sich auch noch selbstständig und sind überall, weiß der, der einmal ein Glas Wasser auf der Fensterbank stehen ließ und aus dem Urlaub kam und …. genau, grün!

Sie werden kontrolliert produziert in sogenannten „Open-Pond Systemen“, besondere Teichanlagen für die Algenproduktion in tropischen Gebieten, und in „Photobioreaktoren“, spezielle, beleuchtete und mit Kohlendioxyd begaste, geschlossene Röhren- oder Schlauchsysteme für die kontrollierte Produktion von ausgewählten Mikroalgen, die etwas können, das diese teure Produktionsform rechtfertigt.

Die Anwendungen sind vielfältig, Mikroalgen finden Verwendung im Nahrungsmittel- und Futtermittelbereich, als Zusatzstoff für Kosmetik und Pharmazie, zur Herstellung von Tinte, Farbstoffen und Bioplastik. Sie können in Futtermitteln helfen, den Antibiotikaeinsatz zu reduzieren, erhöhen die Vitalität und Legeleistung in der Eierproduktion und können besondere limitierende Aminosäuren, Fettsäuren oder Vitamine erzeugen. Warum erzählt sie uns dies alles nur, fragen Sie sich? Das will ich Ihnen sagen:

Ich durfte, wie jedes Jahr unseren Algen Kongress begleiten, der letzte Woche in Amsterdam stattfand und 300 Algenexperten aus 35 Ländern zusammenbrachte, um über landwirtschaftliche Möglichkeiten, Produktionstechniken, Produktneuheiten, Genetik und  Anwendungen zu diskutierten, die keine Grenzen zu haben scheinen. Gefeiert wurde natürlich in der Algen-Bar mit Algenbier und grünem Smoothie!

Ich möchte mit Ihnen meine Begeisterung teilen über diesen innovativen Zweig von „Landwirtschaft im Wasser“.

Die Algenproduktion wird mit Sicherheit nicht die Lösung für das Bevölkerungswachstum sein, wird den Ackerbau nicht ersetzen und auch kein neuer „landwirtschaftlicher“ Produktionszweig werden. Die Möglichkeiten allerdings, Biomasse, Nahrungsmittel und Wertstoffe im Wasser zu erzeugen, werden zukünftig eine immer größere Rolle spielen.

Seien Sie neugierig!