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Sicher auch in Grenzsituationen

Traktoren werden immer größer und leistungsstärker und die Kabinen der Maschinen für den Fahrer immer komfortabler. Eigentlich könnte man davon ausgehen, dass das Fahren von landwirtschaftlichen Zugfahrzeugen und Gespannen nur ein geringes Unfallpotenzial birgt. Durch die hohe Sitzposition der größeren Maschinen könnte man doch meinen, einen besseren Überblick zu haben, und die vielfältigen störenden Einflüsse vergangener Tage, wie z. B. der ohrenbetäubende und nur mit Gehörschutz zu ertragende Lärm in früheren Kabinen, sind auch weggefallen. Doch leider ist das Gegenteil der Fall. Gerade die Unfallauswertungen von Verkehrsunfällen mit Traktorbeteiligung zeichnen ein trauriges Bild, denn Traktorfahrer haben bei Crashs während schneller Straßenfahrt oft nur geringe Überlebenschancen.

Einfache Ursache, tödliche Wirkung

Die Ursache für den hohen Anteil schwerer oder tödlicher Unfallausgänge ist denkbar einfach zu finden: Viele, insbesondere ältere Traktoren besitzen aufgrund der zum Teil noch sehr alten Sicherheitsrichtlinien keinen Sicherheitsgurt oder der Traktorfahrer hat diesen, wenn vorhanden, nicht angelegt. Gerade wegen der häufigen Auf- und Absteige-Vorgänge findet der teilweise vorhandene Beckengurt nämlich bei den Praktikern nur geringe Akzeptanz. Und wenn das Nicht-Anschnallen zur Gewohnheit geworden ist, wird ein vorhandener Gurt auch im Straßenverkehr nicht angelegt. So kommt es verhältnismäßig häufig vor, dass der Schlepperfahrer bei Kollisionen mit anderen Fahrzeugen aus der Kabine geschleudert wird und beim Aufprall auf die Fahrbahn oder beim Auftreffen auf einen anderen harten Gegenstand stirbt. Aber auch bei Umsturzunfällen in unwegsamem Gelände könnte bereits ein einfacher Beckengurt Leben retten. Jede Schlepperkabine ist nicht nur ein Wind- und Wetterschutz, sondern gleichzeitig auch eine strukturelle Überrollschutzeinrichtung, die im Falle eines Umsturzes einen Überlebensfreiraum sichert. Dazu muss der Fahrer aber – gehalten durch einen Gurt – bei einem Unfall zwingend in der Kabine verbleiben.

Weitere Unfallrisiken

Überproportional häufig tauchen in der Unfallstatistik große Schlepper ab 200 PS auf. Eine zulässige Gesamtmasse des Zuges von 40 t und Geschwindigkeiten von 40 bis 60 km/h entsprechen dem Bereich von Lastwagen über 7,5 t, die ebenfalls auf Landstraßen auf 60 km/h beschränkt sind. Jedoch haben landwirtschaftliche Gespanne oder Zugfahrzeuge mit Anbaugerät oft einen höheren Schwerpunkt als vergleichbar schwere Lkw. Außerdem unterscheiden sie sich in Abhängigkeit vom Anbaugerät deutlich im Fahr- oder Bremsverhalten. Man denke nur an einen Solo-Traktor mit Frontlader im Vergleich zu einem Güllefass mit 18.000 l. Hinzu kommt, dass im landwirtschaftlichen Bereich  überdurchschnittlich viele junge und unerfahrene Fahrzeugführer im Einsatz sind. Der zunehmende Anteil großer Traktoren mit Stufenlosgetrieben hat ebenfalls zu höheren Unfallrisiken geführt. Denn durch das Zurücknehmen der Fahrgeschwindigkeit am Joystick kann es zu einer starken Bremswirkung am Traktor ohne Beteiligung der Anhängerbremse kommen. Neben Getriebeschäden durch einen schlagartigen Anstieg des Öldrucks führt dies insbesondere zu einem schlagartigen Einknicken und Umstürzen des Gespanns, da – ähnlich wie bei nicht gesperrten Bremspedalen – die Bremse des Anhängers nicht mitaktiviert wird und dieser den Traktor förmlich umschiebt.

ADAC- und DLG-Fahrsicherheitstraining Landwirtschaft

In Kooperation mit den landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften bieten der ADAC Hessen-Thüringen und die DLG seit 2012 gemeinsam Fahrsicherheitstrainings für Traktoren an. Diese werden an den ADAC-Fahrsicherheitszentren in Gründau im Rhein-Main-Gebiet sowie Nohra (Thüringen) durchgeführt und gehen zum Herbst in eine neue Runde mit Traktoren von Fendt, Case IH und John Deere sowie Anbaugeräten von Amazone, Fliegl und Kverneland. Bis zu zehn Personen erarbeiten und trainieren an einem ereignisreichen Tag in Theorie und Praxis das richtige Verhalten in Notlagen im Straßenverkehr. Vom Bewusstmachen der o. g. Gefahren im Rahmen eines Vortrags durch die SVLFG, über das praktische Üben des richtigen Auf- und Absteigens, der richtigen Sitzeinstellung und des Anschnallens bis hin zum Fahren und Anhalten in den Grenzbereichen der Physik.

Bremsen und Ausweichen will gelernt sein

Die Erfahrung aus den bisherigen Fahrsicherheitstrainings zeigt, dass bereits bei Bremsübungen auf glattem Untergrund ein großer Unterschied zwischen Traktoren mit druckluftgebremsten Anhängern oder solo bzw. mit Anbaugerät erkennbar ist. Dieser verstärkt sich bei Bremsungen auf halb glattem und halb griffigem Untergrund eklatant. Die Teilnehmer üben das Setzen des Bremsschlags wie auch das kontrollierte Lösen und wieder Bremsen bei sich drehendem Traktor oder Gespann und lernen so, kontrolliert anzuhalten. Übungen zum Ausweichen oder Ausweichen und Anhalten bei plötzlich auftauchenden Hindernissen, simuliert durch Wasserfontänen, runden das Programm ab. Hier zeigt sich immer wieder Erstaunen auf den Gesichtern der Teilnehmer, wenn sie in der komfortablen Kabine erst viel zu spät mitbekommen, dass der Anhänger beim konsequenten, harten Ausweichmanöver gerade „ein Beinchen gehoben“ hat.

Fazit

Die Teilnahme an einem ADAC- und DLG-Fahrsicherheitstraining lohnt sich in mehrfacher Hinsicht. Man lernt Grenzsituationen kennen und übt so das richtige Verhalten im Notfall ein. Und man macht sich die vielen kleinen Fehler des Alltags bewusst, die ebenfalls zu Unfällen führen können. Da die Teilnahme auch von der SVLFG sowie einigen Versicherern gefördert wird, fallen die Kosten von 299 Euro pro Teilnahme langfristig kaum ins Gewicht. Termine in Gründau und Nohra können über https://www.dlg-akademie.de/fahrsicherheitstraining/ eingesehen und gebucht werden.