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Risikomanagement in Agrarunternehmen

Prof. Dr. Mußhoff und Prof. Dr. Hirschauer können einem Eingreifen des Staates wenig abgewinnen

Im diesjährigen „Dürrejahr“ werden vielfach Forderungen nach staatlichen Maßnahmen zur Risikoabsicherung in der Landwirtschaft erhoben. Eine transparente Darlegung der damit verfolgten politischen Ziele fehlt dagegen. Dies gilt sowohl für die beschlossenen (1) Ad-hoc-Hilfen als auch für weitergehende Forderungen nach Steuererleichterungen und Subventionen.

Zu nennen sind insbesondere die Rufe der Versicherungswirtschaft nach einer (2) Subventionierung von Agrarversicherungen sowie die Forderung des Deutschen Bauernverbands (DBV) nach einer (3) zweckungebundenen „Risikoausgleichsrücklage“. Wie sind diese Maßnahmen zu bewerten?

  1. Die Gewährung der Ad-hoc-Hilfen lässt eine Reihe unerwünschter Nebenwirkungen erwarten. So werden letztlich gerade erfolgsschwache und/oder unvorsichtig geführte und finanzierte Unternehmen durch Einkommenstransfers am Leben erhalten.

    In diesem Zusammenhang ist auch die Gerechtigkeitsfrage zu stellen. Man stelle sich zwei Landwirte vor, die denselben Dürreschaden haben. Soll der vorsichtige Unternehmer, der eigene Rücklagen gebildet hat und geringe Kapitaldienstverpflichtungen hat, keine Zuwendung erhalten, während der unvorsichtige Unternehmer, der zum Beispiel aufgrund unvorsichtig finanzierter Landkäufe Liquiditätsprobleme hat, eine Zuwendung bekommt?

    Außerdem besteht die Gefahr, dass die Aussicht auf kostenlose außerbetriebliche Risikoabsicherung in Form wiederkehrender staatlicher Krisenhilfen ein aktives betriebliches Risikomanagement substituiert, zu riskanteren innerbetrieblichen (Produktions-) Entscheidungen führt und eine Anpassung an sich ändernde Rahmenbedingungen (wie zum Beispiel den Klimawandel) behindert.

  2. Die Versicherungswirtschaft argumentiert, dass auch in Deutschland Agrarversicherungen subventioniert werden sollten, um Wettbewerbsnachteile gegenüber anderen EU-Mitgliedsländern zu vermeiden. Dieses auf einen Subventionswettlauf hinauslaufende Argument erscheint im Lichte der insgesamt begrenzten Agrarbudgets für die Landwirtschaft fragwürdig.

    Ein weiteres zentrales Argument der Versicherungswirtschaft für die Subventionierung von Prämien ist, dass insbesondere Dürreversicherungen nicht zu Kosten bereitgestellt werden können, die für die Landwirte „wirtschaftlich tragbar“ sind.

    Trotz der vordergründigen Plausibilität dieses Arguments, ist es aus ökonomischer Sicht zu hinterfragen. Warum sollte der Staat dagegen ansubventionieren, wenn Unternehmen ein Input (hier: ein Versicherungsprodukt) nicht einsetzen, das wirtschaftlich nicht tragfähige Kosten verursacht?

  3. Die konkrete Ausgestaltung der als „steuerliche Risikoausgleichsrücklage“ bezeichneten Maßnahme wird in der aktuellen politischen Diskussion in der Regel nicht präzisiert. Deshalb bleibt möglicherweise vielen Beteiligten verborgen, dass mit diesem Begriff zwei vollkommen unterschiedliche Instrumente bezeichnet werden:

    (a) Unter dem Begriff „steuerliche Risiko(ausgleichs)rücklage“ fordert der DBV eine zweckungebundene Steuererleichterung für die Landwirtschaft. Ganz entgegen der Bedeutung des Begriffs – und entgegen der Ausgestaltung des gleichnamigen Instruments im Forstbereich (vgl. § 3 FoSchAusglG, 1969) – sollen Landwirte einen Teil des Gewinns steuermindernd als Rücklage deklarieren können, ohne ihn als Reserve zurücklegen zu müssen.

    (b) Eine echte steuerliche Risikoausgleichsrücklage wäre dagegen begriffsentsprechend an die Bildung einer Rücklage gebunden (zweckgebunden). Eine solche steuerliche Risikoausgleichsrücklage könnten Landwirte gegenüber dem Finanzamt nur dann geltend machen, wenn sie den unversteuerten Gewinn auf einem getrennten „Risikovorsorgekonto“ als Liquiditätsreserve zurücklegen.

Mit Variante (a) wäre keine Anreizwirkung zur eigenverantwortlichen Risikovorsorge verbunden, da die Landwirte den formal als Rücklage deklarierten Gewinn frei verwenden dürften. Das heißt: Landwirtschaftliche Unternehmer, die keine Liquiditätsreserven bilden wollen, würden dies weiterhin nicht tun. Und Landwirte, die ohnehin einen Liquiditätspuffer für schlechte Jahre bilden, werden dies weiterhin tun, aber die sog. „Rücklage“ natürlich ebenfalls zur Minderung der Steuerlast nutzen.

Variante (b) würde dagegen einen steuerlichen Anreiz zur vorsorgenden Bildung von Liquiditätsreserven schaffen. Ob dies ausreichen würde, Landwirte in der breiten Masse zur Bildung von Reserven zu motivieren, ist nicht zuletzt im Lichte der geringen Akzeptanz des Instruments im Forstbereich fraglich. Dazu muss unter anderen gewährleistet werden, dass die Unternehmen tatsächlich Reserven bilden.

Eine Möglichkeit wäre die Festlegung, dass bei Überschreitung eines definierten Rentabilitäts- oder Liquiditätsniveaus ein fester Anteil (zum Beispiel 25 Prozent) der ohnehin an die Landwirtschaft fließenden Transferzahlungen (Direktzahlungen) oder der über dem definierten Niveau liegende Betrag bindend in die Rücklage eingezahlt werden muss. Auf diese betriebliche Liquiditätsreserve hätten die Landwirte dann in schlechten Jahren Zugriff.

Und davon hätten alle etwas: Die Landwirte können die eigene Krisenreserve in schlechten Jahren nutzen, um Zahlungsschwierigkeiten zu vermeiden. Die Gesellschaft bekäme für die Direktzahlungen einen weniger risikoanfälligen Landwirtschaftssektor, der nicht alle paar Jahre nach zusätzlichen Hilfen rufen muss.

Dies ist ein Ausblick auf den Vortrag von Prof. Mußhoff auf dem DLG-Kolloquium 2018 am 4. Dezember in Berlin.