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Sorge für das gemeinsame Haus

Erzbischof Dr. Nikola Eterović, Apostolischer Nuntius, zum Erntedankfest 2018

Wenn wir in diesem Jahr auf die Ernteerträge schauen, werden viele von Ihnen um die Existenz bangen, denn allein beim Weizen wurden rund 20 Prozent weniger als im Vorjahr geerntet. Doch auch ansonsten hat dieser heiße Sommer die Böden ausgedörrt und die Früchte der Erde verdorren lassen. Deswegen brauchen die Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten und von ihr leben, solidarische Unterstützung und Hilfe.

Als Vertreter von Papst Franziskus in der Bundesrepublik Deutschland übermittle ich Ihnen seine herzlichen Grüße und seine Anteilnahme in dieser schwierigen Zeit. Seine Enzyklika Laudato si‘, die mit dem obigen Vers aus dem Sonnengesang beginnt, führt dramatisch vor Augen, dass wir in „Sorge für das gemeinsame Haus“, nämlich unsere Erde, noch heute den Dialog über die Gestaltung der Zukunft beginnen müssen. „Wir brauchen ein Gespräch, das uns alle zusammenführt, denn die Herausforderung der Umweltsituation, die wir erleben, und ihre menschlichen Wurzeln interessieren und betreffen uns alle“. Der Papst erinnert daran, dass wir von dieser Erde leben, die wir meinen, durch Kreativität und Technologie beherrschen zu können, doch sie ist uns anvertraut und gehört uns nicht. Das Erntedankfest könnte gerade in diesem Jahr vor Augen führen, wie sehr wir zu danken haben und wem wir es verdanken, dass wir sind und leben: dem Schöpfer der Welt, der uns das Brot schenkt und den Wein, der uns das Wasser gibt, ohne den nichts, was ist, leben kann. Auf diese Weise ist die Natur nicht ein Objekt, das wir nach Belieben ausbeuten können, sondern sie ist dem Menschen von Gott anvertraut, das gemeinsame Haus, für das wir Sorge zu tragen haben.

Am Erntedankfest danken wir dem Herrn für die Erträge der Erde. Aber die Früchte der Erde sind auch Früchte der menschlichen Arbeit. Daher gilt es, denen Danke zu sagen, die mit ihrer Arbeit dafür sorgen, dass wir Brot und Wein und vieles andere haben und genießen dürfen. In jeder Heiligen Messe denken wir daran und preisen Gott für die eucharistischen Gaben von Brot und Wein, die „Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit“ sind. Jesus Christus hat ganz bewußt diese grundlegenden Nahrungsmittel gewählt, die zu Mitteln des Heils werden sollten: zu seinem Leib und Blut, zu Zeichen seiner bleibenden Gegenwart inmitten unserer Welt, weil sie unseren Körper nähren und unsere Seele im Glauben wachsen lassen.

Mit dem Erntedankfest schließt sich ein natürlicher Kreislauf, der nach der Phase des Säens die Zeit des Wachsens kennt, bevor man sich daranmacht, die Ernte einzubringen. All dies ist mit viel Mühe und Sorge verbunden, so dass jetzt eine Zeit des Ausruhens kommen darf, auch wenn das dem Rhythmus eines modernen Lebens zu widersprechen scheint, das durch ständige Bewegung und dem Druck von Produktivität ebenso ausgebeutet wird wie „unsere Schwester Mutter Erde“. Gönnen wir ihr und uns in dieser Zeit des Dankens einen Moment der Ruhe, der dazu führen möge, für das kommende Jahr aufzubrechen und Segen zu erbitten.

Den Segen des guten und barmherzigen Gottes erbitte ich für Sie, Ihre Familien und alle, die mit Ihnen leben und arbeiten.