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„Stöcke zwischen die Beine geworfen“

Seit dem 1. Januar 2017 gilt das Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG), welches die Vergütung des erneuerbaren Stroms über Ausschreibungen regelt, in geänderter Fassung. Bis einschließlich 2019 sind pro Jahr Ausschreibungsvolumina von 150 Megawatt für neue Bioenergieanlagen vorgesehen, die ab 2020 bis 2022 auf 200 Megawatt ansteigen.

Die Ausschreibungen gelten nicht nur für neue Anlagen. Auch Bestandsanlagen können sich unter bestimmten Voraussetzungen für eine zehn Jahre dauernde Anschlussförderung bewerben. Gülle-Kleinanlagen bis 75 Kilowatt sind vom Ausschreibungsverfahren ausgenommen.

Weitere Änderungen in der Gesetzesnovelle begrenzen den Einsatz bestimmter Substrate zur Energieerzeugung: Waren im EEG 2014 noch 60 Prozent erlaubt, ist der Anteil von Getreide oder Mais auf derzeit 50 Prozent pro Jahr beschränkt. Ab 2019 sinkt er auf 47 Prozent und ab 2021 auf 44 Prozent.

Wir sprachen im Vorfeld der diesjährigen EnergyDecentral mit Dr. Claudius da Costa Gomez, Geschäftsführer des „Fachverband Biogas“, über Szenarien, die sich Energiewirten bieten.


Herr da Costa Gomez, über das EEG geförderte Bestandsanlagen erreichen langsam das Ende ihrer Laufzeit. Aktuell werden kaum noch neue Anlagen errichtet. Was raten Sie Landwirten, die jetzt einsteigen wollen?


Dr. Claudius da Costa Gomez: Derzeit lohnt sich der Neubau von Biogasanlagen insbesondere im Bereich der Güllekleinanlagen. Landwirte, die entweder selbst genügend Gülle für eine 75 Kilowatt-Anlage besitzen oder in der nahen Umgebung weitere Güllelieferanten haben, können sich mit einer solchen Anlage eine zusätzliche Einnahmequelle schaffen.

Wie sieht die Zukunft für Großanlagen im Bioenergiebereich aus?


da Costa Gomez: Für andere Anlagenkonzepte muss man am Standort die Voraussetzungen prüfen und kann je nach Anfall von Einsatzstoffen sowie Absatzmöglichkeiten für Strom, Wärme oder Biomethan als Kraftstoff individuelle Konzepte entwickeln. Insgesamt sind die Rahmenbedingungen durch Genehmigungsauflagen und die geringere EEG-Förderung eher schwieriger geworden.

Womit Sie ein wichtiges Stichwort liefern, denn bis zum 3. September können sich Betreiber von Biogasanlagen wieder um eine Anschlussförderung bewerben. Wie lautet Ihr Fazit zur ersten Ausschreibungsrunde aus dem vergangenen Jahr?

da Costa Gomez: An der ersten Runde haben sich etwa 30 Anlagen beteiligt. Das hatte sicherlich verschiedene Gründe. Es zeigt aber auf jeden Fall, dass die Bedingungen nicht optimal sind – hier muss nachgebessert werden!

Den Zuschlag erteilte die Regulierungsbehörde für 24 Gebote mit einem Volumen von rund 28 Megawatt, bei einem Ausschreibungsvolumen von mehr als 122 Megawatt…

da Costa Gomez: Insbesondere die Vergütungshöhe, die Betreiber maximal bieten dürfen, ist zu niedrig und sollte erhöht werden. Wir arbeiten daran, die Bedingungen zu verbessern, damit möglichst viele der Bestandsanlagenbetreiber mit dem Ausschreibungssystem zurecht kommen werden.

Sollen Landwirte noch einmal in ihre Anlage investieren, um diese für die Ausschreibung zu rüsten? Oder gibt es andere Möglichkeiten, zu reagieren?

da Costa Gomez: Wer eine gut laufende Biogasanlage hat, sollte auf jeden Fall überlegen, ob sich eine Beteiligung an der Ausschreibung und damit eine Verlängerung der EEG-Vergütung um weitere zehn Jahre lohnt. Der Betreiber sollte zudem prüfen, ob er zusätzliche Einnahmequellen durch Flexibilisierung, Wärmeverkauf oder die Errichtung einer Tankstelle generieren kann und dann schon jetzt investieren, um seine Anlage zukunftssicher zu machen.

Ist es sinnvoll, eine bestehende Anlage in eine Güllekleinanlage umzuwandeln?

da Costa Gomez: Ob und wann sich eine Anlage allein zur Selbstversorgung lohnt, ist schwer zu sagen. Es kommt sehr auf die genauen Bedingungen vor Ort an. Allerdings hat der Gesetzgeber der Eigenversorgung, aber auch der Versorgung von zum Beispiel Nachbarn, Stöcke zwischen die Beine geworfen: Bei solchen Konzepten muss auf den selbst verbrauchten Strom nun ganz oder anteilig die EEG-Umlage gezahlt werden – das wollen wir zwar ändern, muss aber derzeit noch in den Überlegungen berücksichtigt werden.

Sechs Jahre ist sie alt, die Flexibilitätsprämie. Mit dem EEG 2014 wurde ein Deckel von 1.350 Megawatt verankert. Ist der Zubau von zusätzlicher BHKW-Leistung noch sinnvoll?


da Costa Gomez: Die Aufgabe von Biogasanlagen im zukünftigen Energiesystem muss es sein, Strom dann zu erzeugen, wenn er gebraucht wird, um die schwankende Stromerzeugung aus Wind- und Solarenergie auszugleichen. Insofern muss die Flexibilisierung des Anlagenparks weitergehen, schon alleine deshalb, weil nur flexibilisierte Anlagen nach dem Ausschreibungsverfahren in einen zweiten Vergütungszeitraum wechseln dürfen.

Was sollten Landwirte, die über die Flexibilisierung nachdenken oder sie konkret planen, beachten?

da Costa Gomez:
Der Flexdeckel ist heute in etwa zur Hälfte ausgeschöpft. Wenn die Flexibilisierung des Anlagenbestands im jetzigen Tempo voran schreitet, ist der Deckel Mitte oder Ende 2019 vollständig erreicht. Anlagenbetreiber, die jetzt flexibilisieren möchten, riskieren, dass sie Investitionen in Millionenhöhe tätigen, aber nicht refinanzieren können, da sie möglicherweise keine Prämie erhalten.

Viel Zeit bleibt da nicht…

da Costa Gomez: Das Problem könnte man am besten dadurch lösen, dass man den Flexdeckel abschafft oder erhöht. Zumindest aber sollte wieder Investitionssicherheit geschaffen werden. Im letzten Entwurf des EEG/KWKG-Änderungsgesetzes, das zwischen den Regierungsfraktionen im Frühling ohne Einigung verhandelt wurde, war dazu eine Regelung enthalten. Wir sind zuversichtlich, dass die Bundesregierung das Thema nach der Sommerpause wieder aufgreift und die bereits vorgesehene Regelung für Investitionsschutz bei der Flexibilisierung auch beschließt.