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Staatliche Tierwohlkennzeichnung

Philipp Schulze Esking fragt: Warum hat die Politik nicht den Mut zum großen Wurf?

Tierwohl ist in aller Munde und prägt seit nunmehr einigen Jahren die gesellschaftliche Debatte über unsere moderne Landwirtschaft. Endlich wollen die meisten Fleischesser auch mehr Geld für bessere Haltungsbedingungen ausgeben. Doch dürfte auch dem letzten Wortführer dieser Debatte mittlerweile klar geworden sein, dass es bislang nicht gelungen ist, die oft geäußerte Zahlungsbereitschaft auch in höhere Verkaufserlöse an der Ladentheke umzusetzen.

Der Verbraucher – wenn es ihn denn gibt – verhält sich dabei nicht einmal irrational, denn auf der einen Seite haben wir ihm über Jahrzehnte beigebracht, dass er höchste Qualität, Made in Germany, trotzdem zu einem günstigen Preis haben kann und auf der anderen Seite ist das „Standard-Schnitzel“ in seiner Produktqualität und seinen Produkteigenschaften nicht unbedingt von einem „Tierwohl-Schnitzel“ unterscheidbar.

Von daher war der Ansatz der Initiative Tierwohl (ITW) schlüssig, jeden Verbraucher, der Fleischwaren in einem, die ITW-unterstützenden Supermarkt (und das waren leider längst nicht alle) kauft, in einen Topf einzahlen zu lassen, aus dem dann Tierhalter gefördert werden, die freiwillig mehr Tierwohl in ihren Ställen umsetzen. Ein Umlagesystem hat aber den Makel, dass derjenige Verbraucher, der beim Verzehr seines Schnitzels auch sichergehen will, dass genau dieses Tier unter entsprechend gewünschten Bedingungen gemästet, aufgezogen und geboren wurde, hierfür keine Garantie bekommt.

Folgerichtig muss dieses System weiterentwickelt werden. Frau Klöckners jetzt vorgestellte Tierwohlkennzeichnung geht dabei in die richtige Richtung. Es sieht vor, dass zukünftig Fleischwaren, die über dem gesetzlichen Standard erzeugt werden, mit ein, zwei oder drei Sternen für ein höheres Tierwohlniveau gekennzeichnet werden können. Damit ihr Ansatz nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwindet, wie der ihres Vorgängers Schmidt, müssen zwingend folgende Bedingungen erfüllt sein:

Erstens: Wir brauchen eine verpflichtende Tierwohlkennzeichnung!
Das neue System kann sich nur dann am Markt etablieren, wenn es gelingt, den „Tierwohlmehraufwand“ möglichst breit auf dem deutschen Markt zu verteilen, also nicht nur im LEH, der nur ca. ein Drittel des Fleisches in Deutschland vermarktet, sondern auch im gesamten Catering bzw. Außer-Haus-Verzehr, also nicht nur im Frischfleischsegment, sondern auch in der gesamten Verarbeitungsware.

Nur wenn jeder, der in Deutschland Fleisch verkauft, verpflichtet wird, dieses transparent, einfach und einheitlich zu kennzeichnen, kann sich das Nachfrageverhalten der Verbrauer auch in ein Nachfrageverhalten in die vorgelagerten Stufen bis zum Landwirt fortsetzen.

Nur dann kann Markt funktionieren, nur dann wird Ware mit Geld gesucht und nur dann brauchen wir weder Umlagetöpfe noch staatliche Fördermillionen. Wir Landwirte sind als Unternehmer überzeugt davon, dass nur ein solches marktwirtschaftliches System zu effizienten Strukturen und Prozessen führt, welches sowohl das Tierwohl fördert als auch das Portemonnaie des Verbrauchers schont.

Zweitens: Entscheidend für den Erfolg des gesamten Systems ist die Ausgestaltung der Einstiegsstufe!
Die Einstiegsstufe muss sich deutlich vom gesetzlichen Standard abheben, aber die aktuell im Raum stehende, sehr ambitionierte Ausgestaltung wird dazu führen, dass die damit verbundenen Mehrkosten die Endprodukte bereits in der Einstiegsstufe so sehr belasten, dass selbst dieses Segment ein Nischendasein kaum überwinden dürfte. Damit ist dann weder dem Tier noch dem Landwirt gedient und schon gar nicht werden wir so die gesellschaftliche Diskussion wieder einfangen.

Drittens: Die Tierwohlkennzeichnung muss sich als wichtiger Baustein sinnvoll in eine umfassende Nutztierhaltungsstrategie einfügen!
Momentan wird auf Bundes- und auf Länderebene an vielen Baustellen gearbeitet. Über alle Tierarten hinweg steht hier insbesondere die Ferkelerzeugung vor zukunftsweisenden Weichenstellungen. Nur wenn unsere Volksvertreter Antworten auf die wichtigen Fragen liefern (zum Beispiel die K- Fragen in der Ferkelerzeugung), kann die Tierwohlkennzeichnung ein sinnvolles Instrument einer abgestimmten Nutztierhaltungsstrategie sein. Von daher gilt auch hier –  trotz aller Sympathie für den Umsetzungswillen der neuen Ministerin – Gründlichkeit vor Schnelligkeit.