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Mehr Nachhaltigkeit wagen!

Carl-Christian von Plate zum Selbstzweck nachhaltiger Produktionssysteme

Der Begriff Nachhaltigkeit begegnet uns als eine ebenso leere Worthülse, wie auch als Grundsatz eines sehr anspruchsvollen Konzepts an die Wirtschaftsführung, bei der sich die Säulen Ökonomie und Ökologie sowie soziale Aspekte idealer Weise in einem ausgewogenen Gleichgewicht befinden.

Im Ackerbau mehren sich Anzeichen und Erscheinungen, wo bewährte Verfahrensweisen an Grenzen stoßen. Mehr und mehr versagen in ausgereizten Betriebskonzepten bewährte Pflanzenschutzmittel. Zugleich werden die gesellschaftlich und politisch gewollten Spielräume für die Zulassung und Anwendung auch neuer Mittel kleiner.

Tierhalter sehen sich – ob in der Pauschalität berechtigt oder nicht – Vorwürfen bezüglich praktizierter Haltungsformen oder umweltrelevanter Nährstofffrachten ausgesetzt. Die münden in ordnungspolitischen Restriktionen, deren Ausflüsse und Begleitmusik nicht immer fachlich überzeugen, gleichwohl aber neue Rahmenbedingungen setzen.  

Dabei ist gewiss nicht grundsätzlich falsch, was Landwirte im Stall und auf den Feldern tun. Aber es gilt sich der Frage zu stellen, ob wir da und dort noch das richtige Maß praktizieren, den Bogen womöglich auch überspannt haben? Daher ist die nachhaltige Weiterentwicklung der Produktionssysteme Aufgabe und Herausforderung der Gegenwart.

 „Mehr Nachhaltigkeit wagen!“ ist Ansporn und Chance für jeden Unternehmer, ehe es unter Umständen zu spät ist. Unternehmerischer Mut ist gefragt, ehe nur noch der Mut der Verzweiflung bleibt.

Konkret werden Lösungen zum Beispiel darin zu suchen sein, Fruchtfolgen wieder auszuweiten, sich mit neuen Kulturen, mehr Vielfalt, aber leider zunächst auch auf einen Rückgang von Deckungsbeiträgen einzulassen, wenn sich abzeichnet, dass andernfalls bis dato praktizierte Betriebskonzepte auf absehbare Zeit vor die Wand laufen.

So lassen sich zum Beispiel mit Investition in mehr Drillkapazität Aussaatzeitpunkte von Raps auf den Punkt bringen oder die Aussaat von Getreide auf zur Vergrasung neigenden Standorten weiter nach hinten schieben. Wenn sich damit „Reparaturstickstoff“ im Raps oder immer gleiche Herbizideinsätze reduzieren lassen, wäre auf Dauer eine Menge gewonnen.

„Mehr Nachhaltigkeit wagen!“ könnte aber auch bei der auf langen Korridoren wandelnden Agrar-Bürokratie und manchem „ökologischen Pharisäer“ Einzug halten. So hat es bei uns in Niedersachsen  qualvoll lange Jahre gedauert, bis sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Feinsämereien in Blühmischungen nicht bis Ende März, sondern dann zur Aussaat gebracht werden sollten, wenn sie auf gedeihliche Bedingungen treffen. In der Praxis erweisen sich bürokratische Vorgaben oft als Feind der grundsätzlichen Bereitschaft, Maßnahmen mit ökologischem Zusatznutzen umzusetzen.

Denn was ist gewonnen, wenn einer im Greening Kontext erfolgten Ausweitung des Anbaus von Ackerbohnen sogleich wieder der Garaus gemacht wird, weil eine unerlässliche Pflanzenschutzmaßnahme gegen Roste und Läuse als ökologischer Sündenfall erachtet wird?

Heilende Medizin muss nicht notwendigerweise bitter schmecken. Insbesondere die mit viel Geld ausgestatteten Agrarumweltmaßnahmen könnten mehr Ansatzpunkte bieten, die Lust und Begeisterung wecken, anstatt oftmals - nach genauerem Hinsehen - in Entgeisterung angesichts deren Vorgaben im Detail zu münden.