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Tatkraft statt Romantik

Prof. Dr. Hans-Günter Henneke zur Zukunft des ländlichen Raumes

Mehr als die Hälfte der Deutschen leben in ländlichen Gebieten. Und Umfragen zeigen, dass die meisten ziemlich zufrieden sind; im ländlichen Schleswig-Holstein ist der Zufriedenheitsfaktor deutschlandweit seit Jahren am höchsten. Teilweise gibt es eine regelrechte Sehnsucht nach dem Leben außerhalb der großen Städte. Es sind heute ja vor allem die Städter, die im Landlust-Magazin blättern und einer nostalgischen Vorstellung vom Landleben nachhängen. Dabei hat sich dieses über die letzten 50 bis 60 Jahre aber natürlich auch verändert. Das gute alte Dorf, so wie ich es in meiner Kindheit noch kennengelernt habe, gibt es so nicht mehr.

Die Landwirtschaft war früher das Rückgrat des ländlichen Raums, woraus sich für die Bauern ein natürliches Selbstbewusstsein ergab. Das ist mit dem dramatischen Strukturwandel jedenfalls von der Zahl her verloren gegangen. Die Anzahl der Höfe und die Zahl der Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, sind drastisch zurückgegangen. Das ist natürlich für sich genommen eine Tatsache, die man bedauern kann. Andererseits zeigt das auch, dass gerade der Bereich der Landwirtschaft der ständigen technologischen Veränderung unterliegt. In einigen Jahren werden womöglich die Traktoren autonom über die Felder fahren – gesteuert über eine 5G-Datenverbindung. Selbstverständlich verändert sich damit ein Stützpfeiler gemeinschaftlichen Engagements auf dem Lande, denn Kümmerer waren und sind sehr oft die Landwirte.

Diese Entwicklung muss man aber gar nicht negativ sehen, sondern sollte den Kreis der Kümmerer weiter ziehen. Es ist auch heute schon so, dass es sehr vielfältiges Engagement der Menschen in ländlichen Räumen gibt, unabhängig von Profession oder Herkunft. Ich bin mir sicher, dass sich das Leben auf dem Land in diesem Sinne weiterentwickeln wird und die Ansätze und Wege vielfältiger werden. Das muss nicht schlecht sein. Diese Entwicklung müssen tatkräftige Einwohner, handlungsfähige Kreise und Gemeinden und verantwortungsvolle Unternehmen annehmen und gemeinsam gestalten.

Die ländlichen Räume sind stark und haben trotz verschiedentlicher Unkenrufe viel zu bieten: In ihnen wird mehr als die Hälfte der deutschen Wirtschaftsleistung erbracht, das Handwerk ist dabei besonders stark. Wir sollten die ländlichen Räume nicht schlechter reden als sie sind. Natürlich gibt es starke regionale Unterschiede, aber die sollten politisch differenziert wahrgenommen und an ihnen gearbeitet werden. Gerade strukturschwache Landkreise brauchen mehr Unterstützung, vor allem die finanziellen Möglichkeiten, selbst an ihrer Zukunft zu arbeiten.

Auf Dauer wenig erfolgversprechend ist es, Kommunen im Rahmen von Programmen zu alimentieren. Landkreise und Gemeinden sollten stattdessen einen höheren Steueranteil erhalten, wobei sich eine erhöhte Umsatzsteuerbeteiligung anbietet. Das würde die Kommunen politisch wieder handlungsfähiger machen und dem Gefühl einiger Menschen vor Ort entgegenwirken, abgehängt zu sein. Das ist das beste Mittel für eine Zukunft auf dem Lande, die vor Ort gestaltet werden muss.