DLG e.V. - Ab 1892/94: Ausländische Landwirtschaft und Marktinformationen

Ausländische Landwirtschaft und Marktinformationen (ab 1892/94)

Internationale Orientierung, Lernen von den Besten, Marktinformationen über ausländische Landwirtschaft und Märkte

Die deutsche Landwirtschaft war in den 1870er und 1880er Jahren im Vergleich zu England und anderen Nachbarländern kaum wettbewerbsfähig. Um die Perspektiven der Landwirte in Deutschland und auf den Märkten für die Zukunft zu verbessern, sahen führende Praktiker in der DLG die Notwendigkeit der internationalen Orientierung: Erfahrungsaustausch und Studien über die Entwicklung von Landwirtschaften und über die Absatzmärkte wichtiger Produktbereiche im In- und Ausland. Was konnte der Landwirt in Deutschland tun, um seine Perspektiven für die Zukunft zu verbessern? Was machten andere gute Landwirte anders oder sogar besser? Gab es Unterschiede in der Wirtschaftsweise und beim Absatz der landwirtschaftlichen Erzeugnisse? Wie entwickelten sich die Märkte, wie förderten sie den Absatz? Vor allem: Warum waren Landwirte in anderen Ländern Europas an der Spitze, welche Erfahrungen konnte man aus Besichtigungen solcher Betriebe und Studien der Produktionsbedingungen für die Führung des eigenen Betriebs ziehen? Benchmarking, Lernen von den Besten, wird dies heute genannt.

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Lernen von den Besten im In- und Ausland: Der Sonderausschuss für Gesellschafts-(Studien-)reisen (1892)

Landwirtschaftliche Studienreisen sollten beim Erfahrungsaustausch und Studieren von Entwicklungen und Märkten helfen. Der Gesamtausschuss beschloss bei der Winterversammlung 1892, einen Sonderausschuss zu bilden, um im Frühjahr 1893 eine erste Studienreise nach England vorzubereiten und durchzuführen. England deshalb, weil es als führend in Europa eingeschätzt wurde – sowohl in der Tierhaltung als auch im Ackerbau und vor allem in der technischen Ausstattung. Der Sonderausschuss wurde „für landwirtschaftliche Gesellschaftsreisen“ benannt, was heute eher irreführt – zutreffender wäre „für Studienreisen“ gewesen. Die Leitung der Reisen lag in der Hand eines Vorstandes und Hauptgeschäftsführer Berthold Wölbling war in den ersten vier Jahren zugleich auch für die Geschäftsführung dieses Sonderausschusses zuständig. Dies unterstreicht, welches Gewicht diesem Ziel für eine erfolgreiche Zukunftsausrichtung von Beginn an beigemessen wurde. Es weist auch darauf hin, dass die internationale Orientierung für die Verantwortlichen der DLG in Ehrenamt und Hauptamt eine Selbstverständlichkeit darstellte und stets im Blickfeld stand – was allerdings nicht verwundert, wenn man die internationale Erfahrung von Max Eyth berücksichtigt.

Ab 1893 unternahm der Sonderausschuss nahezu jährlich Studienreisen, insgesamt 47, davon 22 ins Ausland und 25 in alle wichtigen Agrarregionen Deutschlands. Neben England und Holland, die insgesamt dreimal Reiseziel waren, wurden nach Belgien, Frankreich, Österreich, Ungarn, Schweden und Finnland (je zweimal) sowie Italien, Dänemark, die USA, die Schweiz, Südrussland und Ostafrika je einmal Reisen unternommen. Dabei bauten die Verantwortlichen des Sonderausschusses und mitreisenden Praktiker auch Verbindungen zu führenden Landwirten und landwirtschaftlichen Institutionen in den besuchten Ländern auf. Diese Kontakte förderten Gegenbesuche. So nutzte beispielsweise im Juli 1905 die Studiengesellschaft französischer Landwirte den Besuch der DLG-Ausstellung in München zu Gesprächen und Besichtigungen verschiedener Institute in Berlin, Elmshorn, Hannover und Celle. Ein Programmpunkt in Berlin war ein Besuch im DLG-Haus und Gespäche mit dem damaligen Vorsitzenden des DLG-Vorstandes, Bernd von Arnim-Criewen.

Der Sonderausschuss bestand bis zur Auflösung der DLG 1933. Nach der Wiederbegründung 1947 wurden die Reisen zum Studium von Entwicklungen in- und ausländische Agrarmärkte auf den neuen Ausschuss für Betriebsführung übertragen, der sich den Fragen landwirtschaftlicher Unternehmensführung und -finanzierung, der Einordnung der Landwirtschaft in den vor- und nachgelagerten Bereich, der Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und der Organisationskonzepte für unterschiedliche Betriebsstrukturen widmet. An den Studienreisen nehmen führende Landwirte aller Produktionsrichtungen aus dem In- und benachbarten Ausland teil.

Entwicklungen auf den internationalen Märkten – der Sonderausschuss für Absatz (ab 1894)

Die Förderung des Absatzes war ein vorrangiges Ziel der verschiedenen Maßnahmen. Dies setzte Kenntnisse über die Organisation und Stärke wichtiger Wettbewerbsländer und die Entwicklungen auf den wichtigen Agrarmärkten voraus. Diesen Fragen widmete die DLG daher früh besondere Aufmerksamkeit. 1894 richtete sie dazu einen selbstständigen Sonderausschuss für Absatz ein, der sich ausführlich mit dem Absatz der verschiedenen landwirtschaftlichen Erzeugnisse im In- und Ausland befasste. Wesentliche Bausteine hierbei waren regelmäßige Beiträge mit Daten über Aus- und Einfuhren sowie über Preisbewegungen von Erzeugnissen in wichtigen Ländern. Landwirtschaftliche Sachverständige an den deutschen Vertretungen im Ausland, vor allem London, Washington, St. Petersburg, Kopenhagen, in Österreich-Ungarn und in Bukarest, berichteten über wichtige Trends und Anbau- und Preisentwicklungen in den jeweiligen Ländern. Diese Berichte erschienen ab 1896 regelmäßig in den „Mitteilungen der DLG“.

Ein Schwerpunkt der Arbeiten lag auf dem Gebiet Ausfuhr von deutschen Zuchttieren. Unablässig wurde nach Mitteln und Wegen gesucht, neue Möglichkeiten und Märkte für den Zuchtvieh-Absatz zu schaffen. Zur Ermittlung von Daten und zum Aufzeigen von Entwicklungstrends führte der Sonderausschuss Umfragen bei allen Züchtern und Händlern durch und erstellte daraus Bilanzen des deutschen Zuchtviehexports. Neben der Export-Analyse bildeten statistische Auswertungen über die Einfuhr von Vieh und Fleisch sowie über den Absatz von Schlachtvieh und Fleisch im Inland einen weiteren Schwerpunkt.

Nicht zuletzt die Agrarkrise zu Beginn der 1890er Jahre, die durch eine Halbierung der Getreidepreise eine große Unruhe unter den Landwirten verursachte, ließ den Getreidemarkt bei den Praktikern in den Fokus treten. Der Wunsch, frühzeitig Daten über die Ernteaussichten und -ergebnisse bei den wichtigsten pflanzlichen Erzeugnissen sowie über die Preisbewegungen auf dem Getreidemarkt zu erhalten, manifestierte sich immer stärker. Ab 1895/96 berichtete der landwirtschaftliche Sachverständige an der deutschen Botschaft in Washington regelmäßig in den „Mitteilungen der DLG“ über die Anbau- und Preisverhältnisse in den USA.

Breiten Raum bei den Ausschussarbeiten und den Berichten in den „Mitteilungen der DLG“ nahmen die Arbeiten über die Absatzentwicklung verschiedener landwirtschaftlicher Produkte im In- und Ausland ein: Molkereierzeugnisse, Eier, Kartoffelhandel sowie Obst und Gemüse. Vorrangiges Thema 1896 und in den folgenden Jahren waren die Absatzprobleme für deutsche Butter und die Vorteile des Meiereiwesens, der Milcherzeugung und des Genossenschaftswesens in Dänemark. Die Marktentwicklungen in England sowie in Holland wurden direkt vor Ort in speziellen Studienreisen zusammen mit dem Reiseausschuss nach England (Butterabsatzmarkt) und Holland (Gemüse) begutachtet. Da Albert Schultz-Lupitz von 1896 bis zu kurz vor seinem Tode 1898 auch Vorsitzender dieses Sonderausschusses war, befasste sich der Ausschuss auch mit den die Praktiker interessierenden Fragen beim Kauf von Dünge- und Futtermittel und veröffentlichte eine weit verbreitete Flugschrift „Vorsicht beim Ankauf von Dünge- und Futtermittel“ hierzu, die 26 Auflagen bis 1919 erlebte.

Der Sonderausschuss für Absatz wurde 1925 aufgelöst und seine Arbeiten von der Betriebsabteilung sowie die Fragen des Zuchtviehim- und –exports vom 1920 gegründeten speziellen Sonderausschuss für Ein- und Ausfuhr von Zuchtvieh übernommen und fortgeführt.

Regelmäßige Marktinformationen werden zu einem Schwerpunkt

Entwicklungen in wichtigen ausländischen Landwirtschaften, Marktinformationen und Berichte über die Aus- und Einfuhren gehörten ab Mitte der 1890er Jahre zu festen Rubriken in den „Mitteilungen der DLG“. Damit entwickelten sich die DLG und ihr Organ „Mitteilungen“ innerhalb weniger Jahre zum Informationsforum für vorausschauende Praktiker, Züchter und Händler und wurden bei Fragen zu ausländischer Landwirtschaft und Marktinformationen zu einem Markenzeichen.  

(hgb)

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