DLG e.V. - Paradigmenwechsel ohne Bauernopfer

Paradigmenwechsel ohne Bauernopfer

Prof. Dr. sc. agr. Hans W. Griepentrog ist Vorsitzender des DLG-Ausschuss „Digitalisierung, Arbeitswirtschaft und Prozesstechnik" und Leiter des Fachgebiets Verfahrenstechnik in der Pflanzenproduktion an der Universität Hohenheim. Foto: privat

Prof. Hans W. Griepentrog zur Digitalisierung der Landwirtschaft

Trends für die Zukunft zu beschreiben ist beliebt. Richtig ist wohl, dass wir heute am Anfang eines Paradigmenwechsels in der Landwirtschaft stehen. Allerdings sind Prognosen über die Zukunft rückblickend betrachtet im Allgemeinen meist ernüchternd. Bei der Einschätzung der digitalen Landwirtschaft herrscht überwiegend Optimismus, der hauptsächlich auf den unbegrenzten Möglichkeiten bei der Nutzung von Daten aus Sensor- und Prozesserfassung, Vernetzung von Komponenten und Datenanalysen mit Big-Data-Algorithmen basiert.

Die digital unterstützte Landtechnik ist im Heute bereits angekommen mit selbstlenkenden Traktoren und Melkrobotern. Die Digitalisierung geht allerdings darüber hinaus und steht für die durchgängige interne und externe informationstechnische Vernetzung bisher isolierter Einzelsysteme des landwirtschaftlichen Betriebes. Dadurch entstehen insgesamt sehr komplexe Produktionssysteme. Vielversprechend sind solche Systeme tatsächlich, da sie verschiedene Optimierungen im Landbau voranbringen könnten wie beispielsweise die signifikante Einsparung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln. Das waren allerdings auch schon Versprechungen des Precision Farming seit nun bald 20 Jahren.

Der Landwirt wird mit Sicherheit nicht überflüssig werden, da die Landwirtschaft sich erheblich von den vollständig kontrollierbaren Produktionsbedingungen der Industrie unterscheidet. Der Landwirt ist nicht ersetzbar, aber ihn zu entlasten und zu unterstützen, das könnte wohl diese digitale Technik.

Von Risiken wird auch gesprochen, jedoch deutlich weniger. Dabei erleben wir doch im privaten Bereich, dass wir beim heute üblichen weitgehend offenen Umgang mit Daten Getriebene im Netz sind: Mit unseren Profil- und Nutzerdaten werden Millionen verdient, ohne dass wir selber davon profitieren. Die Inhalte, die uns präsentiert werden, unterliegen bestimmten Algorithmen, die weitgehend verdeckte kommerzielle Interessen bedienen.

Deshalb sollte als oberste Priorität bei der Nutzung von digital vernetzten Systemen in der Landwirtschaft der Datenschutz stehen. Die standortspezifischen Betriebs- und Geschäftsdaten dürfen nur genutzt werden, wenn sie vom Landwirt autorisiert werden, da die Daten aus der Landwirtschaft mittlerweile handelbare Wirtschaftsgüter geworden sind, die einen erheblichen kommerziellen Wert besitzen. Wenn Geschäftsmodelle genutzt werden, muss der Landwirt als Dateneigner ökonomisch beteiligt und die Geschäftsvorgänge müssen transparent dokumentiert werden. Das wäre nur gerecht.

Übrigens stellt die Digitalisierung keine neue Stufe von Mechanisierung dar. Das heißt, die Kosten sind beispielsweise weniger abhängig von der Auslastung einer Maschine, sondern sie sind prozessorientiert. Es ist zu erwarten, dass auch kleine und mittlere Betriebe sich diese Technik leisten können, da sie mit vorhandener Hardware funktioniert und somit eher Struktur erhaltend wirkt.

Wir sollten aktiv die digitale Zukunft gestalten mit dem Nutzen für die Gesellschaft, die Natur und für eine unabhängige Landwirtschaft.

Thema Digitalisierung im DLG-Mitgliedernewsletter

Mit diesem Beitrag von Prof. Griepentrog starten wir im DLG-Newsletter die neue Reihe „Digitalisierung“. Das Thema wird immer wieder über das Jahr aufgegriffen und von verschiedenen Seiten beleuchtet. Dies kann sowohl als Kommentar als auch als Beitrag in der Rubrik „Aus der DLG“ erfolgen.
Autoren sind Wissenschaftler, Berater und Praktiker. Sie gehen Fragen nach, wie zum Beispiel:

  • Wo liegen die Chancen der Digitalisierung für die Landwirtschaft?
  • Welche Risiken hat die Digitalisierung für den landwirtschaftlichen Betrieb?
  • Wo kann die Technik noch besser werden?
  • Gehören landwirtschaftliche Produktionsdaten in eine externe Cloud? Wer kann deren Sicherheit gewährleisten?
  • An welchen Stellen werden Software und digitale Lösungen zur Führung des Betriebes eingesetzt?
  • Wie zufrieden sind Sie mit den Versprechungen der Software-/System-Hersteller?