DLG e.V. - Handel macht Druck

Handel macht Druck Betäubungslose Ferkelkastration

aus DLG-Lebensmittel Ausgabe 1/2017

Das deutsche Tierschutzgesetz sieht ein Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration ab 2019 vor. Darauf hatten sich alle Stufen der Vermarktungskette gemeinsam mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium geeinigt. Der Handel hat das freiwillige Ausstiegsdatum auf den 1. Januar 2017 vorgezogen. Das wird innerhalb der Vermarktungskette kritisch gesehen.

Das Argument, die „Tierwohl“-Diskussion damit voranzubringen, gilt für viele als vorgeschoben. In Wirklichkeit gehe es nur darum, sich im Wettbewerb um Kunden zu differenzieren. „Dies darf aber nicht auf dem Rücken der Landwirte ausgemacht werden“, so Dr. Torsten Staack, Geschäftsführer der ISN
(Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands) im Gespräch mit der Fleischwirtschaft (08/2016).

Denn die Einkaufspolitik der Lebensmitteleinzelhändler steht aus Sicht der Tierhalter allzu oft deren Preispolitik entgegen. „Mehr Tierwohl kann es nicht zum kleinsten Preis geben, denn das ist wirtschaftlich für Tierhalter eindeutig nicht machbar.“

Insgesamt sind jährlich rund 24,2 Mio. männliche Ferkel vom Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration ab 2019 betroffen. Die Wirtschaft geht davon aus, dass künftig etwa für die Hälfte der männlichen Mastschweine die Kas­tration mit Schmerzausschaltung als Alternativverfahren gewählt wird, für 33 Prozent die Jungebermast und für 17 Prozent die Immunokastration. Dabei sind starke regionale Unterschiede in Deutschland zu erwarten. Die verschiedenen Wege sind nicht für jeden Mäster gleichermaßen geeignet. Bei der Neigung in die Jungebermast einzusteigen, zeigt sich beispielsweise ein Nord-Süd-Gefälle. In Bayern setzen die Landwirte nicht zuletzt wegen ihrer Metzgerkunden verstärkt auf die Kastration mit Betäubung und Schmerz­ausschaltung. Nur so glauben sie sicherstellen zu können, dass kein potentiell geruchsauffälliges Eberfleisch in der Fleischtheke landet und möglicherweise ihre Kunden verschreckt. Die Betäubung wird anders als in der Schweiz hierzulande auch künftig den Tierärzten vorbehalten bleiben, bekräftigte die Parlametarische Staatssekretärin Dr. med. vet. Maria Flachsbarth auf der EuroTier in Hannover.

EU-Mitgliedstaaten

Was in Deutschland gesetzlich verankert ist, gilt längst nicht in anderen EU-Mitgliedstaaten. Die Landwirtschaft blickt deshalb auch mit großer Sorge auf die  Ferkelexportländer Niederlande und Dänemark. Nur eine abgestimmte, europäische Vorgehensweise kann Differenzen im Tierschutz und Wettbewerbsnachteile vermeiden. Denn eine Einzelstellung in Europa wird zu erheblichen Strukturveränderungen führen, die einen Nachteil für die deutsche Land- und Ernährungswirtschaft bedeuten. Marktspaltungen müssen künftig vermieden werden. Das gilt für Ferkel und Schlachtschweine ebenso wie für Schweinefleisch, Verarbeitungsware sowie den Im- und Export. Zu diesem Ergebnis kommt die von QS (Qualität und Sicherheit GmbH) moderierte Koordinierungsplattform „Verzicht auf betäubungslose Ferkelkastration“ in ihrer jetzt veröffentlichten Situationsanalyse.

Alternativverfahren

Grundsätzlich stehen derzeit drei Alternativmethoden zur Verfügung. Der Einzelhandel setzt beim freiwilligen Vorziehen des Ausstiegsdatums auf unterschiedliche Wege, was Wirtschaftspartner kritisieren. Auf welche Richtlinie sollen Tierhalter und Verarbeiter ihre Produktion ausrichten? Laut Lebensmittelzeitung (vom 21.10.2016) will Aldi die Ebermast fördern, Kaufland lehnt die Immunokastration ab und Rewe akzeptiert alle drei Alternativverfahren. Dr. Ludger Breloh, Bereichsleiter der Rewe Group, machte im Rahmen einer Fachveranstaltung auf der EuroTier allerdings deutlich, dass für ihn die Immunokastration mit Improvac® derzeit die einzige kurzfristig verfügbare Methode sei, um Tier- und Verbraucherschutz sicherzustellen. Damit schließt er sich der Meinung der tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) an. Eine von QS veröffentlichte tiefenpsychologische Verbraucherstudie zur Folgenabschätzung des Ausstiegs aus der betäubungslosen Ferkelkastration kommt allerdings zu dem Ergebnis, dass genau diese Methode das größte Skandalisierungspotenzial besitzt. Denn bei der Immunokastration gebe es eine mehrfach „Buhmann-Konstellation“ durch die Beteiligung von Agrar-, Fleisch- und Pharmaindustrie. Zudem könnten Rückstandsproblematiken und „Hormonfleisch“ in die Diskussion gebracht werden. Die Biobranche macht sich seit 2010 für die Immunokastration stark. Die Begründung erfolgt aus tier­ethischer Sicht mit der Unversehrtheit der Tiere.

Ebergeruch

Vorbehalte gegenüber Eberfleisch gibt es auch seitens der Fleischverarbeiter. Aufgrund der veränderten Fleisch- und Fettqualität können sie Jungeberfleisch technologisch nicht uneingeschränkt verarbeiten. Höchste Priorität hat der Ausschluss von „Stinkern“ – geruchs­auffälligen Tieren, die circa 5 % der geschlachteten Eber ausmachen. Momentan gilt noch die humansensorische Methode als das Mittel der Wahl bei der Identifikation geruchsauffälliger Tiere. Doch die Entwicklung einer elektronischen Nase zur Erkennung wird intensiv vorangetrieben. Deutschlands größter Fleischkonzern Tönnies ist nach eigenen Angaben inzwischen Marktführer bei der Schlachtung und Vermarktung von Eberfleisch. Etwa 35.000 Eber werden dort zurzeit wöchentlich geschlachtet. Bislang ist die Menge geruchsauffälliger Ware im Verhältnis zur insgesamt verarbeiteten Menge Schweinefleisch gering. Verkraftet der Markt aber 25 oder 30 Mio. Eber pro Jahr?  Die Unsicherheit bei der Identifikation geruchsauffälliger Tiere bleibt, und laut topagrar (11/2016) sehen Kritiker genau das als Spiel mit dem Feuer. Für sie setzen einzelne Unternehmen den hervorragenden Ruf des deutschen Schweinefleischs aufs Spiel. Auf die Frage, in welche Kanäle größere Mengen geruchsauffälliger Ware künftig wandern sollen, gibt es ebenso wenig eine Antwort wie etwa darauf, ob geruchsauffällige Tiere künftig seitens der Schlachtkonzerne genauso honoriert werden wie weibliche Tiere oder Kastraten? Kritiker befürchten eine Marktspaltung.  

Skandalisierungspotenzial

Verbraucher sind aufgrund ihres latenten Gewissenskonfliktes für Skandalisierungen empfänglich: Ihrer Lust auf Fleisch steht das Töten von Mitgeschöpfen entgegen. Wie hoch die Auswirkungen der zur Verfügung stehenden Alternativverfahren in der Praxis tatsächlich wären, hängt laut tiefenpsychologischer QS-Verbraucherstudie entscheidend davon ab, wie sich ein möglicher Skandal entwickelt. Dies wiederum wird zentral von der Medienberichterstattung gesteuert, einer unvorhersehbaren Variablen. Aller Voraussicht nach wird laut Studie ein solcher Skandal keine nachhaltigen Auswirkungen auf den Fleischkonsum haben, denn bisherige Erkenntnisse zeigen, dass Verbraucher nach kurzer Zeit wieder zum normalen Fleischkonsum zurückkehren. (hü)

Das Problem

Fleisch unkastrierter männlicher Schweine kann infolge der Ausschüttung eines Sexualhormons unangenehm riechen (sogenannte „Stinker“) und unverkäuflich werden. Die Lösung: Als gleichberechtige Alternativverfahren gelten die Jungebermast (geruchsauffällige Tier müssen nach der Schlachtung aussortiert werden), Kastration unter Betäubung/Schmerzausschaltung und die Immunokastration (zweimalige Impfung gegen Eintritt der Geschlechtsreife). Ausführliche Informationen zu den einzelnen Alternativverfahren sowie deren Vor- und Nachteilen geben die beiden neuen DLG-Expertenwissen zum Thema Eberfleisch Teil 1 Basiswissen und Teil 2 Spezielle Sensorik, die als Download zur Verfügung stehen



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