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Das Tier im Blick – Pferde DLG-Merkblatt 419

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    DLG-Fachausschuss für Tiergerechtheit - 1. Auflage, Stand: 10/2016

Autoren:

DLG-Fachausschuss für Tiergerechtheit
– Dr. sc. agr. Christiane Müller, ö. b. v. Sachverständige für Pferdehaltung, -zucht und -sport
– Dr. med. vet. Michael Düe, Tierarzt

1. Einleitung

Was ist tiergerecht? Zur Beantwortung der Frage, ob eine Haltung dem Tier gerecht wird, muss von der Biologie der Tiere ausgegangen werden: von ihren Ansprüchen und ihrer Anpassungsfähigkeit gegenüber der Umwelt. Erfüllt die Haltung bestimmte Ansprüche der Tiere nicht, kann ihre Anpassungsfähigkeit überfordert werden. In der Folge kommt es zu Schmerzen, Leiden oder Schäden sowie einer Einschränkung des Wohlergehens der Tiere.

Die Ansprüche von Nutztieren und ihre Reaktionen, wenn die Ansprüche nicht erfüllt werden, sind nicht so deutlich zu erkennen wie beim „Fisch auf dem Trockenen“. Es gibt aber wissenschaftliche Methoden, ihre Ansprüche und eine überforderte Anpassungsfähigkeit zu erkennen. Mit diesen wird untersucht, ob sie ihre biologischen Funktionen aufrechterhalten können oder es etwa zu Erkrankungen oder Stressreaktionen kommt. Geprüft werden kann, ob die Tiere ihr arteigenes Verhalten zeigen können oder es zu starken Verhaltensabweichungen oder -störungen kommt. Oder es wird getestet, ob physiologische oder Verhaltensreaktionen auf negative Empfindungen wie Schmerzen und Frustration hinweisen. Um ein vollständiges Bild der Auswirkungen einer Haltung auf die Tiere zu erhalten, müssen in der Regel mehrere Indikatoren berücksichtigt werden.

Die Auswirkungen einer Haltung lassen sich also direkt anhand von derartigen tierbezogenen Indikatoren erkennen. Wie sich eine Haltung auswirkt, hängt dabei von vielen Faktoren ab. Grundsätzlich kommt es hier einerseits auf die Haltungsbedingungen an, beispielsweise auf die Ausgestaltung von Boxen und Auslaufmöglichkeiten. Andererseits spielt das Management eine entscheidende Rolle. Stimmt beispielsweise das Futter nicht, ist das Stallklima schlecht oder werden Fehler bei der Behandlung der Tiere gemacht, kann selbst eine ansonsten optimale Haltung sich negativ auf die Tiere auswirken. Erkennen lässt sich dies nicht an den Haltungsbedingungen, sondern an den Tieren: An ihrem Verhalten und an ihrer Gesundheit.
Dieses Merkblatt möchte daher Hinweise geben, anhand welcher Indikatoren Sie an den Tieren erkennen können, ob alles in Ordnung ist und wo Haltungsbedingungen besser justiert oder das Management optimiert werden können.

2. Management

Das Management umfasst alle Maßnahmen zur Versorgung und Betreuung von Pferden sowie den Umgang mit Pferden in den alltäglichen Abläufen einer Pferdehaltung. Ein besonderes Merkmal der Pferdehaltung ist die überwiegend anzutreffende Situation, dass der Pferdebesitzer sein Pferd nicht selbst hält, sondern in einen Pensionsstall einstellt.

Daraus ergeben sich besondere Anforderungen an den verantwortlichen Pferdehalter. Er hat die Sachkunde zur guten fachlichen Praxis und auf der anderen Seite begegnen ihm die individuellen Ansprüche der Pferdebesitzer. Er muss diese Ansprüche wahrnehmen und fachlich beurteilen, ob sie umsetzbar sind.

Im Vordergrund steht immer das Wohl des Pferdes, welches der sachkundige qualifizierte Pferdehalter im Blick haben muss.

Grundsätzlich ist die Qualität des Managements von der Qualifikation des Pferdehalters und Pferdebesitzers sowie deren Kenntnissen und Erfahrungen mit Pferden geprägt. All diese Fähigkeiten beruhen auf dem Wissen und dem Verständnis um die Grundbedürfnisse von Pferden und ihres Verhaltens. Die Nutzung von Pferden setzt ihre Gesunderhaltung, physisch und psychisch, voraus. Das Wohlbefinden der Pferde ist auch Ausdruck eines erfolgreichen Managements.

Im § 11 des Tierschutzgesetzes ist die betriebliche Eigenkontrolle eine Forderung, um die „Gute Fachliche Praxis“ der eigenen Tierhaltung zu überprüfen. Dazu kann dieses Merkblatt ebenfalls genutzt werden.

3. Das Pferd in seiner Umwelt verstehen (Verhalten von Pferden) – Tierbeobachtung

Das Pferd hat sich im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte (Evolution) zu einem in Herden lebenden Fluchttier entwickelt, welches vornehmlich steppenartige Biotope besiedelte. Die Domestikation des Pferdes hat keinen maßgeblichen Einfluss auf die entwicklungsgeschichtlich genetisch verankerten physiologischen und verhaltenstypischen Anforderungen, die das Pferd an seine Umwelt stellt.

So verbringen Pferde unter naturnahen Bedingungen einen Großteil des Tages mit Fressen, indem sie wandern, sich im Schritt vorwärts bewegen auf der Suche nach geeignetem Futter. Die Futteraufnahme erfolgt zeitaufwändig, kontinuierlich und selektiv, das Pferd frisst strukturreiche und energiearme Pflanzen. Darauf ist der Verdauungsapparat des Pferdes spezialisiert. Wenn er über mehrere Stunden keine Zufuhr an rohfaserreichem Futter erhält, gerät er aus der Balance. Es treten Störungen und Beeinträchtigungen auf, bis hin zu Koliken.

Pferde leben im Herdenverband, wenn man ihnen die Möglichkeit bietet. Ihr Sozialverhalten ist ausgeprägt und vielfältig abgestimmt unter ihren Artgenossen. Sie bilden eine Rangordnung und bieten sich gegenseitig Schutz und soziale Sicherheit. Deshalb ist es für Pferde wichtig, Kontakt zu Artgenossen haben zu können.

Pferde müssen andere Pferde sehen, hören, riechen und berühren können. Synchrones Verhalten, d. h. zeitgleiches Fressen, Dösen, Ruhen und zu mehreren zusammen Stehen ist ein Zeichen von Wohlbefinden.
Die Kommunikation unter Artgenossen erfolgt durch das Ausdrucksverhalten:

Das Pferd hat eine Vielzahl von Ausdrucksmöglichkeiten, sieht man einmal von der Unfähigkeit, spezifische Schmerzlaute zu äußern, ab. Charakteristisch ist, dass in der Gruppe, bei der Begegnung mit anderen Artgenossen oder im Umgang mit dem Menschen aggressives Verhalten, i. S. von Schlagen, Beißen, weitestgehend unterbleibt. Es genügen dem Pferd Gesichtsausdruck, Ohrenspiel und Körperhaltung als Kommunikationsmöglichkeit – selbst bei stressgeladenen Situationen, wie bei der Futterzuteilung – um sich untereinander zu verständigen.

Unabhängig von Haltungsform oder -verfahren ist es daher angebracht, das Ausdrucksverhalten (Mimik, Körperhaltung, Teilnahme an der Umwelt, Interaktion) regelmäßig zu beobachten, um die individuellen und artspezifischen Verhaltensweisen zu erkennen und entsprechend einordnen zu können.

Schwachstellen

Pferde verbringen einen großen Teil ihres Tages weitestgehend unbeobachtet vom Menschen oder erfahren nur zu bestimmten Zeiten (z. B. Fütterung, Misten, Nutzung) Aufmerksamkeit.

Um Erkrankungen oder Verletzungen rechtzeitig zu erkennen, bedarf es eines regelmäßigen, allein auf die Tierbeobachtung ausgerichteten, Zeitaufwandes.

Die verschiedenen Haltungsverfahren schränken das Pferd unterschiedlich im Ausüben seiner artspezifischen Verhaltensweisen ein. Verhaltensauffälligkeiten oder Verhaltensstörungen sind häufig in Verbindung mit bestimmten Ereignissen zu beobachten, z. B. der Futtervorlage. Sie können durch regelmäßige tägliche Abläufe verstärkt werden, auch wenn die jeweilige Haltungsform nicht ursächlich Auslöser der jeweiligen Verhaltensstörung ist.

Das Verhalten und die Bedürfnisse von Pferden sind unabhängig von der Haltungsform genetisch festgelegt und anhand der verschiedenen Funktionskreise zu beschreiben:

  1. Futter- und Wasseraufnahme
    Individuelle und ungestörte Fress- und Wasseraufnahmezeiten, Fressdauer, Fresspausen, Körperhaltung
  2. Bewegungsverhalten
    Freie Bewegung in allen Grundgangarten
  3. Ruheverhalten
    Individuelle Ruhezeiten, ungestörtes Abliegen und Aufstehen, artgerechte Liegepositionen, gleichzeitiges Ruhen
  4. Sozialverhalten
    Kontaktmöglichkeiten, Kommunikation, soziale Fellpflege, Auseinandersetzungen
  5. Komfort- und Erkundungsverhalten
    Möglichkeiten und Häufigkeiten der Ausübung: Fellpflege, Wälzen, Beobachten der Umgebung
  6. Ausscheidungsverhalten

Demgegenüber kann man in den verschiedenen Funktionsbereichen bei dem jeweiligen Haltungsverfahren erkennen, ob die Gestaltung den Bedürfnissen des Pferdes entspricht. In allen Bereichen muss ein besonderes Augenmerk auf mögliche Verletzungsrisiken unter Einbeziehung des pferdetypischen Verhaltens gerichtet werden

  1.  Fütterung und Tränke
    Zugänglichkeit, Gestaltung von Trog und Tränke, Tier/Fressplatz-Verhältnis, Funktionssicherheit, Schutzvorrichtungen, Wasserqualität und -quantität, Hygiene, Verletzungsrisiken
  2. Bewegungsfläche
    Platzangebot für Freie Bewegung und Sozialverhalten, Bodengestaltung, Rutschfestigkeit, Tritt­sicher­heit, Trockenheit, Sauberkeit, Verletzungsrisiken
  3. Liegebereich
    Beschaffenheit und Dimensionierung, Abmessungen, Verformbarkeit, Wärmeleitfähigkeit, Rutschfestigkeit, Trockenheit, Hygiene, Luftaustausch und -qualität, Sichtkontakt, Verletzungsrisiken
  4. Ausübung des Sozialverhaltens
    Aufenthaltsbereiche, Kontaktmöglichkeiten
  5. Stall und Auslauf
    Angebot zum Scheuern, Wälzen, Möglichkeit der Wahrnehmung von Umgebungsreizen
  6. Kot- und Urinabsatz
    Flächenangebot, Bodenbeschaffenheit, Einstreu

4. Wie sieht das Normalverhalten aus?

4.1    Funktionskreis: Futter- und Wasseraufnahmeverhalten

Als ehemaliger Steppenbewohner hat sich das Verdauungssystem des Pferdes auf die Verwertung von fasserreichen, energiearmen Pflanzen spezialisiert. In freier Wildbahn sind Pferde etwa 12 – 18 Stunden täglich mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt. Hierbei bewegen sie sich langsam im Schritt grasend vorwärts. Die Futteraufnahme erfolgt innerhalb der Herde zeitgleich in etwa 15 – 20 Perioden, zwischendurch werden Fresspausen eingelegt. Diese Fresspausen dauern dabei nie länger als max. vier Stunden an. Während die Tiere fressen, halten sie einen Abstand zueinander ein, sie wahren damit eine Individualdistanz.

Die Wasseraufnahme erfolgt in freier Wildbahn in der Regel einmal täglich, wobei meist weite Strecken zur Wasserquelle zurückgelegt werden. Befindet sich die Wasserquelle jedoch in nächster Nähe, so werden mehrmals täglich kleinere Mengen Wasser aufgenommen. In natürlicher Trinkhaltung bilden Kopf und Hals des Pferdes eine Linie und sind nach unten gestreckt, wobei das Pferd einen Ausfallschritt macht.

Funktionsbereich: Fressplatz und Tränke

Pferde sollten anhand ihres Alters, ihrer Größe, ihres Typs und ihrer Nutzungsintensität mit darauf abgestimmtem Futter versorgt werden.
Die Gesamtfuttermenge ist auf mehrere kleine Portionen aufzuteilen, Futterpausen von mehr als vier Stunden sind zu vermeiden.
Heu sollte immer ausreichend, mindestens 1,5 kg/100 kg Körpergewicht gefüttert werden. Darüber hinaus dient sauberes Stroh als Raufutter zur Beschäftigung (aus Einstreu oder als zusätzliches Raufutterangebot in Späneboxen).
In der Gruppenhaltung sind die Möglichkeit der ungestörten Futteraufnahme und die Einhaltung der Individualdistanz bei der Futteraufnahme zu beachten. Fressstände für Pferde sollten folgende Funk­tionsmaße nicht unterschreiten: In der Breite ca. 80 cm und in der Tiefe mindestens 1,8 x Widerristhöhe der Pferde.
Dann ist ein ungestörtes Fressen für das Einzeltier möglich, ohne aus dem Fressstand verdrängt zu werden. Sichtmöglichkeiten in den seitlichen Trennwänden (außer im Trogbereich) gewähren den Pferden soziale Sicherheit und Ruhe bei der Futteraufnahme.

Bei automatischen Fütterungssystemen sind diese Anforderungen durch das Tier/Fressplatz-Verhältnis und zusätzliche Raufutterangebote in der Nähe der Futterstationen zu gewährleisten, um zeitgleiches Fressen zu ermöglichen.

Die Fütterung aus Raufen und Heunetzen verlängert die Futteraufnahmezeiten und die Beschäftigung mit dem Raufutter einerseits und kann andererseits helfen, Futterverluste und -verunreinigungen zu minimieren. Die Anbringung von Raufen und Netzen ist, um der natürlichen Fresshaltung des Pferdes zu entsprechen, bodennah vorzunehmen.

Das Verletzungsrisiko bei Raufen durch Hineintreten oder Hängenbleiben von Hufen ist dabei zu beachten. Entsprechende Gitterabstände (≤ 5 cm bei Großpferden) und Rohrstärken (3/4 – 1 Rohrzoll) sind einzuhalten. Eingebaute Raufen in der Boxenfront lassen sich gut von der Stallgasse befüllen und reduzieren die Boxengröße nicht.

Wasser muss im Stall, im Auslauf und auf der Weide, abhängig von der Aufenthaltsdauer, in sauberer und gesundheitlich unbedenklicher Qualität vorhanden sein. Pferde bevorzugen frisches, sauberes, geschmacks- und geruchsneutrales 9 – 12 °C kaltes Wasser.

Um die natürliche Trinkhaltung des Pferdes zu gewährleisten, sollte eine Höhe des Wasserspiegels von ca. 0,7 x Widerristhöhe nicht überstritten werden.

Pferde bevorzugen Tränken mit offener Wasseroberfläche. Die Durchflussmenge der Tränken sollte 10 – 20 l/Minute betragen.

Um Verletzungen zu vermeiden, müssen Tränken an übersichtlichen und gut zugänglichen Stellen angebracht werden.

In Offenstallhaltung empfiehlt es sich, Tränken möglichst weit entfernt von Ruhe- und Fressbereichen zu installieren, um zusätzliche Bewegungsanreize zu schaffen.

In der Boxenhaltung sollte die Tränke ebenfalls getrennt vom Futtertrog angebracht werden, um eine Verschmutzung durch Futterreste zu verhindern. Schutzbügel um das Tränkebecken verhindern das Festklemmen von Gliedmaßen beim Ausschlagen oder Wälzen in der Box.

Werden Pferde per Hand getränkt, z. B. aufgrund einer kalten Witterung, muss das Wasser mindestens dreimal täglich bis zur Sättigung verabreicht werden.

Abbildung 2: Praxistypische Fressstände, Raufe und Tränke (Quellen: Kneilmann und Reiter Revue International)

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Tabelle 1: Tierbezogene Indikatoren für das Futter- und Wasseraufnahmeverhalten

Indikator ja nein Mögliche Ursachen
Ruhige Futter-/Wasseraufnahme Nicht ausreichende Futtermenge/Fütterung, nicht ausreichende Ration für alle Pferde einer Gruppe, zu geringer Wasserdurchfluss, Fressplatzgestaltung unzureichend, kein Sichtschutz am Fressplatz
Entspannte Körperhaltung Trog, Raufe oder Tränke zu hoch, zu wenig Platz an Trog, Raufe oder Tränke, unzureichender Zugang
Kein Futterauswurf aus dem Trog Zu kleine Grundfläche, kein selektives Fressen möglich
Kein Einweichen des Futters in der Tränke Zu geringer Abstand zwischen Trog und Tränke
Kein Wickelkauen, langsam Fressen, nicht Auffressen Zahnprobleme, Appetitlosigkeit, mangelnde Futterhygiene
Kein Husten während der Futteraufnahme Zu hoher Staubgehalt im Futter
Kein Spielen an der Tränke Zu geringer Wassernachlauf (mind. 10 l/Min.)
Kein Boxenschlagen, Stangenwetzen, Holz­nagen, Scharren, allg. Unruhe Zu geringe Fütterungsfrequenz, zu geringe Raufuttermenge, unverträgliche Boxennachbarn

Schwachstellen erkennen

Unruhe, wie Scharren, Stangenwetzen, Boxenschlagen, Holznagen sind Hinweise auf ein unzureichendes Angebot von Strukturfutter (Heu, Stroh) welches als Beschäftigungsmaterial sowie zur Überbrückung langer Fresspausen dient.

Stereotypien (Weben, Koppen, Boxenlaufen) sind manifestierte Verhaltensstörungen, die nicht abgelegt werden, aber durch optimierte Haltungsbedingungen positiv beeinflusst werden können.

Abwehrreaktionen beim Füttern und Fressen gegenüber Boxennachbarn sind durch Sichtblenden im Trog- und Fressbereich zu reduzieren.

Das Einweichen von Futter wird durch die falsche Anbringung der Tränke in Trognähe provoziert.
Husten der Pferde bei der Futteraufnahme kann ein Hinweis auf schlechte Futterqualität sein. Wickelkauen, nicht Auffressen oder langsames Kauen erfordert eine Zahnkontrolle. Allgemeine Fressunlust oder Inappetenz kann ein Hinweis auf Magengeschwüre oder Kolik sein und sollte tierärztlich überprüft werden.

4.2 Funktionskreis: Bewegungsverhalten

Neben der Futteraufnahme, mit der Pferde unter naturnahen Bedingungen bis zu 18 Stunden beschäftigt sind, ist die damit einhergehende Bewegung im Schritt verbunden. Darüber hinaus hat jedes Pferd Bedarf an freier Bewegung in allen Grundgangarten.

Unter Haltungsbedingungen wird diesem Bedarf am besten dadurch entsprochen, indem jedem Pferd täglich freie Bewegung in einem Auslauf oder auf der Weide geboten wird. Die Weide bietet – sofern sie in ausreichender Qualität und Fläche zur Verfügung steht - zusätzlich den Vorteil, dass ein Teil der Futteraufnahme den physiologischen Anforderungen entsprechend erfolgt, wie z.?B. der langsamen Futteraufnahme in der Vorwärtsbewegung.

Neben den Vorteilen der frei gewählten Bewegung tragen die Orientierung und die Möglichkeit der Wahrnehmung von Umgebungsreizen zur Entspannung bei. Der Auslauf in Gruppen ermöglicht vermehrten Sozialkontakt bzw. das Ausleben des arteigenen Sozialverhaltens.

Funktionsbereich: Bewegungsflächen

Alle Bewegungsflächen im Innen- und Außenbereich sollten ausreichend groß sein, um Bewegung in allen drei Grundgangarten zu ermöglichen. Die Auslaufflächen sollten mindestens einzelne Trab- und Galoppsprünge ermöglichen. Die Mindestgröße für einen Auslauf sollte laut „Leitlinien zur Pferdehaltung unter Tierschutzgesichtspunkten“ ca. 150 qm für zwei Pferde und für jedes weitere Pferd ca. 40 qm sein (BMELV 2009).

Der Boden muss trittsicher und rutschfest sein. Alle Begrenzungen müssen für die Pferde sichtbar sein und als Begrenzung wahrgenommen werden. Abgestellte Gegenstände gehören nie auf eine Bewegungsfläche!

Die Gestaltung des Auslaufes muss sich an der Nutzungsintensität orientieren. Wetterfeste Ausläufe in ausreichender Größe, um Trab und Galopp zuzulassen, brauchen einen befestigten Untergrund und eine sichere Einzäunung. Je nach Auf­ent­halts­dauer (länger als 4 Std.) sind Raufuttervorlagen zu berücksichtigen.

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Tabelle 2: Tierbezogene Indikatoren für das Bewegungsverhalten

Indikator ja nein Mögliche Ursachen
Tägliches Bewegungsangebot/Pferd Art und Dauer der Bewegung?
Trab und Galopp möglich?
Sommerhalbjahr?
Winterhalbjahr?
Kontrollierte Bewegung (Training) Reiten, Fahren, Longieren, Führen,
Führ­maschine, Laufband
Freie Bewegung
(mind. 2 Stunden pro Tag)
Laufenlassen nach dem Training, ­Bewegungshalle, Auslauf oder Weide, ­mangelnde Bewegung/Bewegungsstau
Schritt beobachtet Keine Trittsicherheit; glatter, rutschiger ­Boden; nur befestigter Boden, wie Beton oder Pflaster (für Pferde ohne Eisen nicht geeignet); zu tiefer und matschiger Boden; Lahmheit
Trab beobachtet siehe Ursachen Schritt sowie zu kleines ­Flächenangebot
Galopp beobachtet siehe Ursachen Schritt und Trab
Bodengestaltung in Ordnung
(z. B. Rutschfestigkeit und Trittsicherheit, Trockenheit und Sauberkeit)
Unbefestigt, nicht wetterfest, Tretschicht

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Schwachstellen erkennen

Die Anforderung, allen Pferden täglich ausreichend Bewegung zu bieten, wird einerseits durch die kontrollierte Bewegung (Reiten, Fahren, Longieren, Führmaschine, Laufband u. ä.) erfüllt und andererseits durch die freie Bewegung in allen drei Gangarten im Auslauf oder auf der Weide ermöglicht. Der Zeitraum der Bewegung soll mindestens zwei Stunden pro Tag betragen (Quelle: Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten).

Ein zu kleines Flächenangebot lässt keine freie Bewegung zu, ein für die Ausübung der Gangart Galopp geeigneter Auslauf erfüllt diese Funktion.

Regelmäßige, tägliche freie Bewegung beugt Bewegungsstau und spontanen Bewegungsausbrüchen vor.
Matsch und Morast sind saison- und wetterabhängig oft nicht zu vermeiden und vorübergehend (mehrere Stunden) unschädlich. Längerfristiger Aufenthalt in Matsch und Morast kann indes zu schlechter Hornqualität und Mauke führen. Dies gilt insbesondere dann, wenn diese Bereiche zusätzlich mit Kot und Urin verschmutzt sind. Stark benutzte Bereiche (Übergänge, Raufen, Tränken) sollten befestigt sein.

Zäune und Abgrenzungen dürfen keine Verletzungsrisiken darstellen, abgestellte Gerätschaften gehören in keinen Auslauf!

Wenn kein Gruppenauslauf möglich ist, müssen die Pferde im Auslauf mindestens Sichtkontakt zu Artgenossen haben.

Ein Minimum an freier Bewegung ist auch das Laufenlassen nach dem Training.
Die vorhandenen unterschiedlichen Haltungsformen und -verfahren zeichnen sich häufig durch spezifisch defizitäre Auswirkungen auf Gesundheit und Verhalten als Folge mangelnder Bewegung aus.

Der Anbau von Kleinpaddocks an Außenboxen trägt zwar zur allgemeinen Verbesserung der Haltungsbedingungen bei, bietet aber keine Möglichkeit, freie Bewegung auszuüben. In der Box mit angeschlossenem Kleinpaddock werden nur vermehrte Seit- und Drehbewegungen sowie verkürzte Schrittlängen ausgeübt.

Das Anbieten von graslosen Ausläufen zur freien Bewegung wiederum bietet nur dann Bewegungsanreize, wenn sie entsprechend groß sind (mindestens 150 m² für bis zu 2 Pferde, dann 40 m² für jedes weitere Pferd) oder wenn der Auslauf in Gruppen oder zumindest in Gesellschaft erfolgt (benachbarte Ausläufe).
Bei Laufstallhaltungen, in denen die Funktionsbereiche weitläufig angelegt sind, um die Pferde zur Bewegung zu veranlassen, ist auf die Bodengestaltung sowie auf die damit einhergehende Hufabnutzung zu achten.

4.3 Funktionskreis: Ruheverhalten

Das Ruhen nimmt im Tagesverlauf des Pferdes nach dem Fressen den zweiten Rang ein. Was die Dauer des Ruhens betrifft, so „verschläft“ das Pferd bis zu einem Drittel seines Lebens. Fluchttiertypisch ist das Ruhen oder Schlafen in vielen kleineren Einheiten über den 24-Stunden Tag verteilt. Ein größerer Anteil der Ruhe- bzw. Schlafphasen erstreckt sich auf die Nacht. Einen Teil davon „döst“ das Pferd im Stehen – beim erwachsenen Pferd bis zu 80% der Zeit. Der passive Halteapparat des Skelettes, der Muskulatur und der Sehnen macht dies möglich. Um richtig zu schlafen, nimmt das Pferd Brust- oder Seitenlage ein. Nur im Tiefschlaf in Seitenlage erfährt das Pferd völlige Entspannung von Muskulatur und Psyche. Diese Tiefschlafphasen dauern beim erwachsenen Pferd durchschnittlich 20 Minuten. Tiefschlafphasen treten häufiger zwischen Mitternacht und Morgendämmerung auf. Die Ausübung der Seitenlage ist eine Frage des Eigengewichtes. Durch die Beeinträchtigung der Zirkulation der Lungendurchblutung beim erwachsenen Pferd im Liegen wird die Seitenlage physiologisch eingeschränkt.

Fohlen bis zum Alter von drei Monaten verbringen 70 bis 80% ihrer Ruhephasen in Seitenlage. Bis zum Alter von drei Jahren schlafen junge Pferde mehr als ältere Pferde.

Ruhephasen sind von vielen Faktoren abhängig. Unter natürlichen Bedingungen zunächst vom Futterangebot. Witterung, Hitze, Insektenlast, Alter, Gesundheitszustand sind weitere Einflussgrößen.

Funktionsbereich: Ruhe- und Liegebereich

Das Pferd ruht nur in einer gewohnten, sicheren Umgebung. Dies gilt insbesondere für das Schlafen im Liegen. Draußen werden Schlafplätze mit freier Sicht und Luftbewegung bevorzugt, damit die Umgebungsreize wahrgenommen werden können.

Ein trockener, verformbarer Untergrund ist zum Abliegen, Liegen und Aufstehen wichtig. Bei Regen legt sich das Pferd draußen nicht ab. In der Gruppe, im Familienverband werden spezielle Ruhezonen nur für längere Ruhephasen aufgesucht, um dann gemeinsam zu ruhen. Das Ruhen in der Gruppe findet unterschiedlich verteilt statt, d.h. ein Teil der Gruppe liegt, der andere Teil steht. Diese Aufteilung rührt von der für das Fluchttier typischen Aufgabenverteilung her, indem die dösend stehenden Pferde eine Wächterrolle (Wachsamkeitsrolle) übernehmen.

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Tabelle 3: Tierbezogene Indikatoren für das Ruheverhalten

Indikator Ja nein mögliche Ursachen
Ruhen im Stehen Keine Rückzugsmöglichkeit, zu wenig ­Fläche, unverträgliche Boxennachbarn oder Gruppenmitglieder
Ruhen im Liegen keine ausreichend große Liegefläche/Tier mind. (2 x Wh)2, keine unbefestigte Liegefläche, keine Raumteiler im Liegebereich bei Gruppenhaltungen (GH)
Gestreckte Seitenlage Keine ausreichend große Liegefläche
Zeitgleiches Ruhen/Liegen Keine Ruhe im Stalltrakt, nicht ausreichend unbefestigte Liegefläche für alle Pferde einer Gruppe
Pferdetypisches Abliegen/Aufstehen Bodenbeschaffenheit ungeeignet, rutschig, nicht trittsicher, zu wenig Platzangebot
Zugang zu Liegeflächen Mind. zwei Zugänge pro Liegebereich in der GH
Sichtkontakt zu Artgenossen (soziale ­Sicherheit) Keine Öffnungen im oberen Boxenbereich, keine Lüftungsschlitze im unteren Boxen­bereich (die während des Liegens Sichtkontakt bieten)
Frei von haarlosen Stellen, Abschürfungen an Gliedmaßen (z. B. Sprunggelenken) Harte Bodenbeschaffenheit, Abrieb beim Liegen, Schlafmangel

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Die Individualdistanz nimmt beim Schlafen im Liegen unter gleichzeitiger Einhaltung der Rangordnung ab. Beim Dösen kann die Gruppe noch näher zusammenrücken. Dies gilt insbesondere dann, wenn bei hoher Insektenbelastung die Pferde Nase an Schweif zum nächsten Pferd stehen, um sich gegenseitig Entlastung vor den Insekten zu verschaffen.

Bestimmte Individuen und bestimmte Rassen haben besondere Ansprüche an die Individualdistanz. Bei diesen kann es vorkommen, dass sie sich zum Schlafen noch mehr als sonst von der Gruppe zurückziehen (wollen).

Abbildung 5: Eingestreute Außenbox mit angeschlossenem Auslauf; eingestreuter Einraumlaufstall: eingestreuter Liegeraum mit mehreren Zugängen (Quelle: Reiter Revue International)

Schwachstellen

Keine geeigneten Ruheplätze für alle Pferde.

Die Möglichkeit zum Ablegen für den entspannten Tiefschlaf sollte in jeder Form der Pferdehaltung möglich sein. Besteht die Möglichkeit nicht, werden die physiologische Regeneration und die psychologische Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.

Eine Einzelbox muss daher mindestens (2 x Wh)2 groß sein. Bei der Gruppenhaltung müssen entsprechend große Liegeflächen für alle Pferde zeitgleich zur Verfügung stehen. Eine entsprechende Strukturierung der Liegefläche in der Gruppenhaltung empfiehlt sich. Damit die gut eingestreuten Liegeflächen nicht zur Futteraufnahme genutzt werden, können diese statt mit Stroh mit Spänen eingestreut werden.

Liegeflächen müssen immer eingestreut sein! Nicht nur, weil das Pferd eine verformbare Unterlage zum Ablegen und Liegen bevorzugt. Einstreulose Liegematten, insbesondere in Einzelboxen, bergen auch Gefahr einer erhöhten Schadgasanreicherung (Ammoniak).

Abschürfungen, haarlose Stellen an Gliedmaßen sind Hinweise auf nicht geeignete Ruheplätze. An den Vorderfußwurzelgelenken können solche Stellen auch ein Hinweis auf Schlafmangel sein
Für Weidehütten und Witterungsschutz gelten dieselben Anforderungen hinsichtlich der Liegeflächen.

4.4 Funktionskreis: Sozialverhalten

Als Sozialverhalten werden alle Verhaltensweisen beschrieben, die zur Kommunikation mit Artgenossen dienen. Dazu zählen Ausdrucksverhalten von Gesicht, Ohrenspiel, Augen, Maul, Körperhaltung und -spannung.
Soziale Fellpflege, Lauf- und Bewegungsspiele oder gemeinsames Stehen und Ruhen sind Ausdruck von Wohlbefinden.

Rangordnungskämpfe, Abwehrreaktionen und Meideverhalten werden ebenfalls in jeder Pferdegruppe ausgeübt und tragen zur Festigung eines sozialen Gefüges bei.

Das Pferd als nach wie vor grundsätzlich im Gruppenverband lebendes Tier, lernt vom Fohlenalter an das Verhalten gegenüber Artgenossen. Zuerst lernt das Fohlen in der (Ver-)Bindung zur Stute. Später, durch Erweiterung der Distanz zur Mutter, lernt das Fohlen von den unterschiedlich alten Mitgliedern des Herdenverbandes. Der Umgang bzw. die spielerische Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen bildet in der Ausprägung des Sozialverhaltens nur eine Teilkomponente.

Funktionsbereich: Ausübung des Sozialverhaltens

Bei allen Varianten der Einzelhaltung sind die Trennwände durchlässig zu gestalten, damit die Orien­tierung und Kontaktaufnahme zu Artgenossen im Stall über Sehen, Hören, Riechen und möglichst auch Berühren ausgeübt werden kann.

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Tabelle 4: Tierbezogene Indikatoren für das Sozialverhalten

Indikator ja nein mögliche Ursachen
Soziale Interaktionen (z. B. Möglichkeiten der Ausübung, Anzahl Interaktionen, Aus­einandersetzungen, soziale Fellpflege) Kein Sicht-, Hör- und Geruchskontakt in der Box, keine Öffnungen in Trennwänden zum Beschnuppern oder zur Fellpflege, im Einzelauslauf keine Kontaktmöglichkeiten über die Einzäunung z. B. wegen Elektrozaun
Kein Abwehrverhalten gegenüber Artgenossen (im Stall oder beim Füttern) beobachtet „Futterneid“ weil nicht ausreichend Menge oder Zeit zur Futteraufnahme für jedes Pferd in der GH vorhanden ist. Fressstände entsprechen nicht im Funktionsmaß mind. 1,8 x Wh inkl. Krippe, 80 cm breit. In der EH Sichtschutz im Trogbereich, unverträgliche Pferde als Nachbarpferde
Ausweichverhalten möglich Enge Wege zu Ressourcen, nur ein Zugang zu Futter, Wasser oder Liegefläche
Zeitgleiche Ausübung von Verhalten, wie Fressen, Ruhen, Bewegen, Spielen in der Gruppe Zu geringe Anzahl Fressplätze oder zu kurze Futteraufnahmezeiten in der GH, nicht strukturierter Liegebereich in der GH, keine ausreichende Bewegungsfläche in der GH oder im Auslauf

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Schwachstellen

Isolierte Haltung einzelner Pferde durch geschlossene Boxenwände und -fronten hindern die Tiere am Kontakt zu Artgenossen. Falsche Gitterabstände im Kopfbereich oder unteren Schlagbereich sind zu vermeiden (Empfehlungen der Leitlinien und Orientierungshilfen beachten). Zu hohe Besatzdichten in Laufställen oder nicht ausreichender Zugang zu Futter und Wasser führen zu weiteren Stress­situa­tionen. Ebenso nicht ausreichende Ruheplätze für alle Pferde sowie fehlende Ausweichmöglichkeiten für rangniedrige Tiere.

Nicht ausreichend Ruheplätze für alle Pferde und keine Ausweichmöglichkeiten für rangniedere Tiere vorhanden.

Abbildungen 6: Soziale Auseinandersetzungen von Junghengsten; soziale Fellpflege; Zusammensein von Pferden als Ausdruck von sozialem Miteinander (Quelle: Reiter Revue International)

4.5 Funktionskreis: Komfortverhalten und Erkundungsverhalten

Das Komfortverhalten umfasst das Scheuern, Knabbern, Wälzen, Kratzen mit den Hinterhufen, den Kontakt zu Außenklima sowie Baden und Schütteln. Letzteres dient zur Abwehr von lästigen Insekten, wie auch Muskelzucken und Schweifschlagen.

Zu Zeiten des Fellwechsels besteht ein höherer Bedarf an Fellpflege, durch eigene oder soziale Fellpflege.
Die gegenseitige Fellpflege dient der Kommunikation. Sie stärkt die gegenseitigen Beziehungen innerhalb der Rangordnung. Dabei werden die schwer erreichbaren Körperteile Mähne, Widerrist, Rücken und Kruppe von vorn nach hinten „durchgearbeitet“.

Nach der Nutzung – nicht nur, wenn das Pferd geschwitzt hat – besteht beim Pferd ein besonderes Bedürfnis zum Wälzen. Dieses Wälzen hat auch einen positiven psychologischen Effekt für das Wohlbefinden des Pferdes.
Das Erkundungsverhalten des Pferdes war immer überlebenswichtig. Die sensible Wahrnehmung und Beobachtung der Umgebung bringt Sicherheit oder löst den Fluchtinstinkt aus. Wird das Erkundungsverhalten durch das Haltungssystem unterdrückt, löst dies beim Pferd Unsicherheit, Nervosität und Angst aus. Es zuzulassen versetzt das Pferd in die Lage, seine Umgebung wahrzunehmen und sich sicher zu fühlen.

Funktionsbereich: Komfortverhalten

Die Boxengröße soll mindestens (2 x Wh)2 groß sein, um ein Wälzen in der Box zu ermöglichen. Außerdem muss die Box dafür ausreichend gut eingestreut sein und eine Öffnung zur Außenseite haben, um den Außenklimareiz zu gewähren.

Boxentrennwände sollten so gestaltet sein, dass sie zusätzlich zu den Mindestanforderungen (sehen, riechen, hören), die gegenseitige Körperpflege ermöglichen. Abwehrreaktionen zwischen unverträglichen Nachbarpferden müssen durch Umstellen unterbunden werden.

Für Auslaufhaltungen empfiehlt sich das Anlegen sogenannter unbefestigter Wälzplätze (5 x 5 m).
Im Auslauf oder auf der Weide ermöglichen Bäume, fest im Boden eingelassene Holzstämme oder mit Bürsten versehene Einrichtungen dem Pferd Scheuermöglichkeiten.

Abbildung 7: Wälzen und gestreckte Seitenlage; Sonnen und Erkundungsverhalten, Reaktion auf Umgebungsreize (Quelle: Reiter Revue International)

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Tabelle 5.1: Tierbezogene Indikatoren für das Komfortverhalten

Indikator ja nein mögliche Ursachen
Wälzen Keine geeignete Bodenbeschaffenheit, wie Sand oder Gras, nicht ausreichend Platz
Scheuern Fehlende Scheuermöglichkeit, wie Bürsten oder Holzkanten
Außenklimareize Keine Fensteröffnungen im Tierbereich, kein Außenauslauf
Anwesenheit von Artgenossen Keine Nachbarpferde in der Einzelhaltung
Sauberkeit der Pferde Unzureichende Boxenpflege, zu geringe Entmistungsintervalle, zu wenig Einstreu, zu tiefgründige Naturböden draußen

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Tabelle 5.2: Tierbezogene Indikatoren für das Erkundungsverhalten

Indikator ja nein mögliche Ursachen
Orientierung im Haltungsumfeld Hochverschlossene Boxen, keine Öffnungen zur Stallgasse oder nach draußen
Optische Wahrnehmung von Umgebungsreizen Keine Möglichkeit der Orientierung im ­Haltungsumfeld

Schwachstellen

Regelmäßige Verhaltensbeobachtungen versetzen den Pferdehalter in die Lage, die Ausübung des Komfortverhaltens und des Erkundungsverhaltens in seinem Haltungssystem zu beobachten.
Dann wird auch deutlich, welche Ursachen die verschiedenen Verhaltensäußerungen haben, wie z.B. die vermehrte Körperpflege beim Fellwechsel oder der Rosse. Diese sind von krankheitsbedingten Verhaltensweisen, wie z.B. dem Schweifscheuern bei Wurmbefall, Allergien (Sommerekzem) oder Kolik zu unterscheiden.

4.6 Funktionskreis: Ausscheidungsverhalten

Das Absetzen von Urin und Kot dient zunächst der Ausscheidung von Endprodukten des Stoffwechsels. Daneben spielen Ausscheidungen eine Rolle bei der Kommunikation innerhalb der Spezies.
Kot wird i.d.R. im Stehen ausgeschieden. Durch äußere Einflüsse hervorgerufen kann der Kotabsatz auch in Bewegung erfolgen. Das Pferd setzt Kot acht bis zwölf Mal über den Tag verteilt ab. Wobei ein Fohlen relativ wenig und ein Hengst, im Vergleich zu ausgewachsenen Wallachen und Stuten, täglich relativ häufig Kot absetzt („äppelt“).

Urin wird etwa alle vier Stunden und nur im Stehen abgesetzt. Eine Ausnahme bildet das sogenannte Urinspritzen der Stute während der Rosse.

Konsistenz, Menge, Farbe und Geruch sind primär abhängig vom Futter. Es gibt aber auch individuelle Unterschiede. Stress und Aufregung beeinflussen das Absetzen von Kot und die Kotkonsistenz.
Evolutionsgenetisch hat das Pferd kein spezielles Kot- und Urinabsatzverhalten entwickelt, da es ursprünglich als frei umherziehendes Herdentier keine besonderen Orte zur Verrichtung seiner Ausscheidungen aufsuchte. Auffallend ist das Absetzen von Kot und Urin entlang der häufiger genutzten Wanderwege, welches eine Bedeutung im Sinne der Territoriumsabgrenzung hat.

Funktionsbereich: Kotabsetzen und Harnlassen

Unter Einzelhaltungsbedingungen im Stall sind, besonders hinsichtlich hygienischer Aspekte, die eng benachbarten Funktionsbereiche Futterplatz, Liegeplatz sowie Kot- und Harnabsetzplatz sorgfältig und konsequent sauber zu halten. Einstreu wird im Liege- und Kot-/Harnabsetzbereich gebraucht, das Pferd setzt nur Harn auf Flächen ab, bei denen ihm der Harn nicht an die Hintergliedmaßen spritzt. Dies ist auch bei der vorübergehenden Unterbringung z.?B. auf dem Transporter zu berücksichtigen.
Bei der Unterbringung im Auslauf oder auf der Weide, in fest vorgegebenen Arealen, muss das Pferd seine Ausscheidungen an bestimmten Plätzen verrichten. Da es eine Abneigung hat, in der Nähe dieser Ausscheidungen zu fressen, entstehen insbesondere auf Weiden die sogenannten Geilstellen mit hohem Bewuchs.

Schwachstellen

Bei der Boxenhaltung ist das Pferd dazu genötigt, in unmittelbarer Nähe zu seinen Ausscheidungen zu fressen und ruhen.
Die Gesundheitsrisiken, die sich aus dieser Art der Haltung ergeben, sind allgemein bekannt. Sie treten insbesondere dann auf, wenn die Einstreu nicht konsequent genug gepflegt bzw. hygienisch „einwandfrei“ und ausreichend vorhanden ist.

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Tabelle 6: Tierbezogene Indikatoren für das Ausscheidungsverhalten

Indikator ja nein mögliche Ursachen
Regelmäßiges Kot absetzen beobachtet Futter- und Wasserangebot überprüfen. ­Besonders bei Strohfütterung und wenig Grasbewuchs; Falsches Beschäftigungsmaterial (z. B. Baumrinde) mit Gefahr für Verstopfung (Kolik)
Regelmäßiges Harnlassen beobachtet Kein unbefestigter Boden, fehlende oder schlechte Einstreu
Geringer Verschmutzungsgrad der Pferde Zu geringe Einstreu, schlechte Saugfähigkeit der Einstreu, zu geringe Pflege der ­Böden oder Einstreu; Ernährung beachten (Kotwasser und Durchfall)

Einstreulose Haltung auf Gummimatten ist aus mehreren Gründen nicht geeignet:

  • Die Aufnahme von Feuchtigkeit durch Ausscheidungen ist nicht ausreichend gewährleistet
  • Die Bildung und Freisetzung von Schadgasen (insbes. Ammoniak) ist erhöht
  • Die Pferde legen sich ungern oder gar nicht ab – insbesondere nicht mit atypischen Bewegungsabläufen
  • An exponierten Stellen der Gliedmaßen können Druckstellen, haarlose oder blutige Stellen durch Abrieb oder Belastung auftreten.

Fehlende und/oder mangelhafte Einstreu sind Auslöser für schlechte Hornqualität, Strahlfäule und erhöhen die Parasitenbelastung.

Die Parasitenbelastung ist auf stark genutzten Flächen besonders hoch. Weiden müssen vor dem Abschleppen von Kot gereinigt werden, sonst dient dies lediglich der Verteilung und damit der Erhöhung der Parasitenlast.

Grundsätzlich empfehlen sich zur verbesserten Weidenutzung, Wechselweiden und die gemeinsame Nutzung mit anderen Tierarten, insbesondere mit Rindern.

Das Tierwohl der Pferde in einem Bestand ist an der beschriebenen artspezifischen Ausübung des Verhaltens und dem Gesundheitszustand erkennbar. Abweichungen oder Merkmale der Schädigung der Gesundheit sind nach Absprache mit dem Pferdebesitzer unter Hinzuziehung eines Tierarztes zu bewerten und abzustellen. Maßnahmen zur Gesundheitsprophylaxe im Bestand (z.B. Entwurmen und Impfen) müssen regelmäßig vom Pferdehalter initiiert werden. Die Umsetzung von Biosicherheitsmaßnahmen im Pferdebetrieb zum Schutz vor der Einschleppung ansteckender Krankheiten gewinnt weiter an Bedeutung.

5. Literatur

Tierschutzgesetz

Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten (BMELV 2009)

Handbuch Pferdeverhalten (Zeitler-Feicht, Margit 2015)

Orientierungshilfen Reitanlagen und Stallbau (FN-Verlag 2009)

FN-Kennzeichnung von Pferdehaltungen (Grundschild) APO 2014

Eckdaten Pferd, Haltung (FN Verlag 2003)

Gestaltung von Pferdeausläufen (DLG Merkblatt 342)

DLG Merkblatt Tiergerechtheit auf dem Prüfstand (2012)

Pferde im Laufstall – Planungshilfen für die artgerechte Haltung (LAG 2009)

Wasserversorgung in der Pferdehaltung (KTBL)

AID Heft Pferdefütterung 2014

6. Anhang

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Checkliste Pferd I


Indikator ja nein eigene Bemerkungen
Tierbezogene Indikatoren für das Futter- und Wasseraufnahmeverhalten
Ruhige Futter-/Wasseraufnahme  
Entspannte Körperhaltung  
Kein Futterauswurf aus dem Trog  
Kein Einweichen des Futters in der Tränke  
Kein Wickelkauen, langsam Fressen, nicht Auffressen  
Kein Husten während der Futteraufnahme  
Kein Spielen an der Tränke  
Kein Boxenschlagen, Stangenwetzen, Holz­nagen, Scharren, allg. Unruhe  

Checkliste Pferd II

Indikator ja nein eigene Bemerkungen
Tierbezogene Indikatoren für das Bewegungsverhalten
Tägliches Bewegungsangebot/Pferd  
Kontrollierte Bewegung (Training)  
Freie Bewegung beobachtet
(Dauer mind. 2 Stunden pro Tag)
 
Schritt beobachtet  
Trab beobachtet  
Galopp beobachtet  
Bodengestaltung in Ordnung
(z. B. Rutschfestigkeit und Trittsicherheit, Trockenheit und Sauberkeit)
 
Tierbezogene Indikatoren für das Ruheverhalten
Ruhen im Stehen  
Ruhen im Liegen  
Gestreckte Seitenlage  
Zeitgleiches Ruhen/Liegen  
Pferdetypisches Abliegen/Aufstehen  
Zugang zu Liegeflächen  
Sichtkontakt zu Artgenossen (soziale ­Sicherheit)  
Frei von haarlosen Stellen, Abschürfungen
an Gliedmaßen (z. B. Sprunggelenken)
 

Checkliste Pferde III

Indikator ja nein eigene Bemerkungen
Tierbezogene Indikatoren für das Sozialverhalten
Soziale Interaktionen (z. B. Möglichkeiten der Ausübung, Anzahl Interaktionen, Aus­einandersetzungen, soziale Fellpflege)  
Kein Abwehrverhalten gegenüber Artgenossen (im Stall oder beim Füttern) beobachtet  
Ausweichverhalten möglich      
Zeitgleiche Ausübung von Verhalten, wie Fressen, Ruhen, Bewegen, Spielen in der Gruppe  
Tierbezogene Indikatoren für das Komfortverhalten
Wälzen  
Scheuern  
Außenklimareize  
Anwesenheit von Artgenossen  
Sauberkeit der Pferde  
Tierbezogene Indikatoren für das Erkundungsverhalten
Orientierung im Haltungsumfeld  
Optische Wahrnehmung von Umgebungsreizen  
Tierbezogene Indikatoren für das Ausscheidungsverhalten      
Regelmäßiges Kot absetzen beobachtet  
Regelmäßiges Harnlassen beobachtet  
Geringer Verschmutzungsgrad der Pferde  

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