DLG e.V. - DLG-Merkblatt 400 - Trockenstellen von Milchvieh - Aktuelle Empfehlungen zur praktischen Durchführung

Trockenstellen von Milchvieh - Aktuelle Empfehlungen zur praktischen Durchführung DLG-Merkblatt 400

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Autoren:

DLG-Ausschuss Milchproduktion und Rinderhaltung
– Dr. Wilfried Wolter, Regierungspräsidium Gießen, Wetzlar
– Prof. Dr. Volker Krömker, HS Hannover
– Dr. H. J. Hermann, Natascha Klinkel, LLH Wetzlar

Unter Mitwirkung von
– Ulrich Westrup, Bissendorf
– Dr. Ilka Steinhöfel, Köllitsch
– Detlev May, Groß Kreutz
– Dieter Mirbach, Barbara Berger, DLG e. V., Frankfurt am Main

1. Einführung und Zielstellung

Merkblatt 400

Das Trockenstellen dient der Kuh als Vorbereitung auf die folgende Laktation. Als Phase der Regeneration werden Körperreserven für den Laktationsstart gebildet. Erkrankungen im Bereich des Euters können ausheilen. Trockenstehperioden von unter 30 Tagen können verstärkt zu Problemen bei der Eutergesundheit führen. Insbesondere Färsen profitieren von einer verlängerten Trockenstehperiode. Das Durchmelken von Kühen ohne Trockenstehperiode ist keine Alternative.

Eutererkrankungen sind neben Fruchtbarkeitsstörungen der häufigste Grund für die vorzeitige Merzung von Milchkühen. Die krankheitsbedingten Abgänge sind dabei jedoch nur die Spitze des Eisbergs. In Europa sind etwa 50 % aller Milchkühe mindestens einmal pro Laktation von einer Mastitis betroffen. Die Kosten einer solchen Erkrankung liegen zwischen 250 und 500 €. Während Laktationsbehandlungen mit Antibiotika insbesondere bei subklinischen Mastitiden oftmals nicht angezeigt sind, bietet die Trockenstehphase die Möglichkeit, Erkrankungen auszuheilen. Gleich­zeitig ist die Trockenstehphase aber auch ein Zeitabschnitt mit erhöhtem Risiko für die Euter­gesundheit.

Der Einsatz antibiotischer Langzeitpräparate (Trockensteller) ist seit mehr als 40 Jahren gängige Praxis. Mit ihrer Hilfe ist es gelungen, in vielen Milchviehbetrieben Eutergesundheitsprobleme durch Erreger wie Streptococcus (Sc.) agalactiae oder Staphylococcus (S.) aureus erfolgreich zu sanieren.
Die erreichten Verbesserungen im Bereich der Eutergesundheit, sowie die gesellschaftliche Debatte zum Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung geben Anstoß die gängige Praxis zu hinter­fragen. Die Resistenzproblematik in der tier- und humanmedizinischen Therapie untermauert den Handlungsbedarf beim Einsatz von Antibiotika.

Diese Broschüre soll aktuelle Hilfen geben, um die praktische Durchführung des Trockenstellens zu erleichtern. Ziel muss es sein den Einsatz von Antibiotika auf das therapeutisch notwendige Maß zu reduzieren bei gleichzeitigem Erhalt der Eutergesundheit.

2. Antibiotika in der Tierhaltung

Die „Leitlinien für den sorgfältigen Umgang mit antibakteriell wirksamen Tierarzneimitteln“, herausgegeben von der Bundestierärztekammer, sind Empfehlungen für die Anwendung von Antibiotika in der Tierhaltung. Dies sind Standards, die eingehalten werden sollen. Zentrale Inhalte der Leitlinien lassen sich sinngemäß zusammenfassen:

  • Bei dem eingesetzten Antibiotikum muss eine Wirkung gegen den zu bekämpfenden Erreger wahrscheinlich oder nachgewiesen sein.
  • Ein Einsatz ist deshalb nur therapeutisch und in Ausnahmefällen metaphylaktisch angezeigt.
  • Antibiotische Prophylaxe bei gesunden Tieren ist – von begründeten Ausnahmen abgesehen – zu vermeiden.
  • Grundlage des Antibiotikaeinsatzes ist immer eine Diagnose, begründet auf einer angemessenen klinischen Untersuchung oder einer anderen geeigneten, nachvollziehbaren diagnostischen Maßnahme.

Die Auswahl des Trockenstellpräparates muss unter Berücksichtigung der im Bestand nachgewiesenen Erreger und deren Resistenzlage erfolgen. Die Antibiotika-Leitlinien der Bundestierärztekammer führen hierzu aus: „Die Auswahl und Entscheidung zur Anwendung von Antibiotika unterliegt der Verantwortung des behandelnden Tierarztes nach fachgerechter Diagnose. Der Tierarzt hat aufgrund seiner Kenntnisse und des aktuellen Standes der Wissenschaft Nutzen und Risiken für Tier, Mensch und Umwelt abzuwägen.“ (BTK, 2010).

Hier bedarf es einer engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen dem behandelnden Tierarzt und dem Landwirt, der als Lebensmittelproduzent direkt im Falle eines positiven Hemmstoffnachweis in der Milch haftet.

3. Trockenstehphase

3.1    Warum Trockenstellen

Die Trockenstehzeit leistet einen wichtigen Beitrag für die Kuh, die Milchdrüse und letztlich für die Entwicklung des Kalbes. Neben dem erhöhten Massenwachstum des ungeborenen Kalbes wird nicht für die Milchbildung benötigte Körperenergie für Regenerationsprozesse des Körpers bereitgestellt. Das Drüsengewebe des Euters kann sich in dieser Zeit erholen. Die Pansenzotten können sich bei bedarfsgerechter Rationsge­staltung regenerieren. Eine zu Beginn des Trockenstellens durchgeführte Klauenpflege sichert gesunde Klauen zum Laktationsstart. 

3.2    Risiken in der Trockenstehphase 

Im Verlauf der Trockenstehphase sind es zwei Zeiträume, in denen das Risiko einer Neuinfektion besonders hoch ist. Diese sind zu Beginn der zweiwöchigen Rückbildung der Euterdrüse (Involution) und in der Zeit des Aufeuterns in den zwei Wochen vor der Kalbung. Es ist zunehmend festzustellen, dass mit dem Zurückdrängen der klassischen kuhassoziierten, fast ausschließlich im Euter befindlichen, ansteckenden Mastitiserreger (Sc. agalactiae, S. aureus, Sc. dysgalactiae u. a.) die Trockenstehphase als Neuinfektionsphase für die umweltassoziierten Erreger besonders wichtig wird. Fehler im Trockenstehermanagement, der Stallhygiene und in der Fütterung können – vor allem bei Tieren mit hoher Milchleistung und hohen Tagesgemelken zum Zeitpunkt des Trockenstellens (> 20 kg Tagesmilchleistung) – Neuinfektionen begünstigen. Bekannt ist, dass diese Infektionen nicht allein in der Trockenstehphase, sondern vor allem in der folgenden Frühlaktation zu klinischen Erkrankungen führen. Die Vielfalt der Einflussfaktoren führt zu einer hohen Variabilität der Neuinfektionsrate in der Trockenphase.

Die Ausbildung des Keratinpfropfes ist eine der wichtigsten körpereigenen Abwehrmechanismen, um Mastitiden in der Trockenstehphase zu verhindern. Die Ausbildung dieser mechanischen Barriere gegen das Eindringen von Erregern ist allerdings bei vielen Tieren – vor allem bei hohen Tagesgemelken zum Zeitpunkt des Trockenstellens – vermindert. Insbesondere das Milchlaufenlassen in den ersten Tagen nach dem abrupten Trockenstellen, aber auch Veränderungen der Zitzenkuppe (Hyperkeratosen) begünstigen das Risiko des Eindringens der Erreger über den Zitzenkanal.

4. Informationen zum Trockenstellen

4.1    Wie trockenstellen

Bisher gilt die Empfehlung, den eigentlichen Trockenstellprozess abrupt durchzuführen. Die unter den heutigen Produktionsbedingungen erzielten Milchleistungen zum Zeitpunkt des Trockenstellens könnten jedoch in Zukunft eine differenzierte, evtl. betriebsindividuelle Betrachtung dieser recht strikten Auffassung erforderlich machen. In jedem Fall sollten die Tiere in der ersten Woche nach dem Trockenstellen täglich visuell kontrolliert werden hinsichtlich Rückbildung bzw. Schwellung und Gewebeverfärbung des Euters und des Allgemeinbefindens der Kuh. Dies dient der Überwachung einer ordnungsgemäßen Rückbildung der Milchdrüse. Eine Kontrolle bei unauffälligen Eutern sollte ohne Berührungen erfolgen.

Bei hochleistenden Kühen empfiehlt es sich, die Kraftfuttergabe zwei Wochen vor dem geplanten Trockenstelltermin einzustellen. Insgesamt sollte schon in der Spätlaktation dafür gesorgt werden, dass die Tiere nicht übermäßig verfetten (Soll: Body Condition Score 3,25 – 3,75). Eine ausgewogene Fütterung in der Trockenstehphase, die weder Hungerketosen nach sich zieht, noch zur Verfettung der Tiere führt, kann die Abwehrkraft des Tieres maßgeblich beeinflussen und trägt damit wesentlich zur Infektionsprophylaxe bei.

4.2 Informationsquelle Milchleistungsprüfung (MLP)

Aus den monatlichen Daten der MLP lassen sich verschiedene eutergesundheitsrelevante Informationen ableiten. Dabei hat sich zur Beurteilung der Eutergesundheit auf Gesamtgemelksebene ein Zellgehalt von 100.000 Zellen/ml Milch durchgesetzt, um ein Gemelk als „normal/gesund“ einzustufen. Der Anstieg auf über 100.000 Zellen/ml Gesamtgemelk wird dann in Ermangelung von Ergebnissen einer bakteriologischen Viertelanfangsgemelksprobe per Definition als „Neuinfektion“ gewertet. Der Abfall unter 100.000 Zellen/ml Milch gilt als „Ausheilung“ (Tabelle 1).

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Tabelle 1: Mögliche Eutergesundheitsentwicklung in der Trockenstehphase (Quelle: Krömker)

Beschreibung Zellgehalt/ml Milch
Letzte MLP vor dem Trockenstellen Erste MLP nach der Kalbung
gesund geblieben ≤ 100.000 ≤ 100.000
„neu infiziert“ ≤ 100.000 > 100.000
„ausgeheilt“ > 100.000 ≤ 100.000
krank geblieben > 100.000 > 100.000

Neuinfektionsrate in der Trockenstehphase

Kühe, die mit einer Zellzahl ≤  100.000 Zellen/ml die letzte Laktation beendet haben und die neue Laktation mit einer Zellzahl > 100.000 Zellen/ml beginnen, gelten als „neu infiziert“. Ihr Anteil an allen Kühen, die in der letzten Kontrolle vor dem Trockenstellen ≤  100.000 Zellen/ml aufwiesen, wird Neuinfektionsrate (%) in der Trockenstehphase genannt. In Spitzenbetrieben werden Neu­infektions­raten von weniger als 15 % erreicht.

Heilungsrate in der Trockenstehphase

Kühe, die mit einer Zellzahl > 100.000 Zellen/ml die letzte Laktation beendet haben und die neue Laktation mit einer Zellzahl von ≤  100.000 Zellen/ml beginnen, gelten als „geheilt“. Ihr Anteil an allen Kühen, die in der letzten Kontrolle vor dem Trockenstellen > 100.000 Zellen/ml aufwiesen, wird Heilungsrate (%) in der Trockenstehphase genannt. Durchschnittliche Heilungsraten in der Trockenstehphase liegen bei 50 %. In Spitzenbetrieben werden Heilungsraten von mehr als 77 % erreicht.

Die Zellzahlverteilung des MLP Rückberichtes

Zielsetzung muss sein, dass mehr als zwei Drittel der laktierenden Kühe eine Zellzahl ≤  100.000 Zellen/ml Milch im Rückbericht aufweisen.

Ein weiteres Drittel der Herde soll eine Zellzahl von 100.000 – 400.000 Zellen/ml Milch aufweisen. Lediglich maximal 2 % der Herde dürfen Zellzahlen von > 400.000 Zellen/ml Milch aufweisen.

4.3 Informationsquelle Schalmtest

Im Milcherzeugerbetrieb stellt der Schalmtest, oder auch California-Mastitis-Test (CMT) die schnellste und kostengünstigste Möglichkeit der Zellzahlabschätzung auf Viertelbasis dar. Milch jedes einzelnen Euterviertels wird in Schalen, die sich auf der Schalmtestplatte befinden gemolken. Die ermolkene Milchmenge soll den Schalenboden bedecken. Dabei ist auf die richtige Zuordnung der Euterviertel zu achten. Überschüssige Milch ist bis zu den Markierungen in den Testschalen schräg abzugießen (ohne Vermischung der einzelnen Platten). Testflüssigkeit wird danach hinzugegeben (mindestens gleiche Menge wie Milch in der Platte). Anschließend werden Milch und Testreagenz durch kreisende Bewegungen gründlich gemischt. Die Reaktion wird in vier Stufen von „-“ für „negativ“ bis „+++“ für „sehr starke Sekretveränderung“ abgelesen. Da je nach Hersteller die Ergebniszuordnung zu Zellzahlklassen variieren kann, sind unbedingt die Hersteller­angaben zu beachten.

4.4 Informationsquelle zytobakteriologische Untersuchungen

Grundlage der Entscheidung zur Nutzung eines antibiotischen Trockenstellers ist die Kenntnis über den Leitkeim im Gesamtbestand. Hierfür ist eine gezielte zytobakteriologische Untersuchung von Viertelanfangsgemelksproben notwendig. Um angemessen reagieren zu können, findet die Untersuchung ca. 2 Wochen vor dem geplanten Trockenstelltermin statt.

Eine generelle Untersuchung der gesamten Herde ist arbeitswirtschaftlich, logistisch und finan­ziell aufwändig. In Beständen mit erhöhten Zellzahlen oder häufigen klinischen Mastitiden ist ein bakteriologisches Untersuchungsprogramm der gesamten Herde dringend zu empfehlen.

Ergebnisinterpretation der zytobakteriologischen Untersuchung
Entsprechend den bei zytobakteriologischen Untersuchungen im Bestand nachgewiesenen Erreger ergeben sich verschiedenen Wege der Trockenstelltherapie.

  • Milchviehbetriebe, die sich in der Sanierung von Problemen mit Sc. agalactiae, Sc. canis oder S. aureus befinden, sollten nicht auf die Anwendung des antibiotischen Trockenstellers im Gesamtbestand verzichten. Einschränkungen in diesem Bereich gefährden den Sanierungs­erfolg.
  • Grundsätzlich sollten Kühe, die auf Viertelebene als euterkrank bewertet wurden, auf allen vier Vierteln antibiotisch versorgt werden.
  • Erst nach Abschluss einer solchen Bestandssanierung sollte der generelle Einsatz des antibiotischen Trockenstellers hinterfragt werden.
  • Im Falle des Nachweises von Sc. uberis ist bei der Trockenstelltherapie Penicillin das Mittel der Wahl. In hessischen Betrieben konnte die Ausbreitung von gegen halbsynthetische Penicilline resistenten Sc. uberis-Stämmen beobachtet werden.
  • Werden lediglich Hautbesiedler wie KNS oder Corynebakterien spp. mit geringer Pathogenität nachgewiesen, ist eine generelle Trockenstelltherapie mit einem Antibiotikum nicht angezeigt. Nur im Falle von „+++“ Reaktionen im Schalmtest oder/und deutlichen Vierteldifferenzen (> 1 Stufe) sollte auch hier mit Penicillin trockengestellt werden.

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Tabelle 2: Interpretation des Schalmtests (Quelle: Wolter)

Ergebnis des
Schalmtests
Interpretation Beispiel
Keine Vierteldifferenzen > 1 Stufe,
Keine „+++“ Reaktionen
„Gesundes“ Euter,
Antibiotischer Trockensteller
nicht sinnvoll
VR +; HR ++; VL +; HL ++
Vierteldifferenzen > 1 Stufe,
„+++“ Reaktionen
„Krankes“ Euter,
Antibiotischer Trockensteller
sinnvoll
VR -; HR ++; VL +; HL ++

5. Selektives Trockenstellen

Das selektive Trockenstellen basiert auf den Informationen der letzten Milchleistungsprüfung vor dem Trockenstellen, dem Ergebnis des Schalmtest und gegebenenfalls einer Viertelanfangsgemelksdiagnostik. Hieraus ergeben sich verschiedenen Entscheidungspfade. Mit dem nachfolgenden Konzept liegen gute Erfahrungen in der praktischen Anwendung vor.

Tiere, deren letzte MLP-Zellzahl ≤  100.000 Zellen/ml Milch ausweist:
Diese mit hoher Wahrscheinlichkeit eutergesunden Kühe werden zum Zeitpunkt des Trockenstellens ohne antibiotischen Trockensteller abrupt trockengestellt. Durch die Verabreichung eines internen Zitzenversieglers, kann bei diesen Tieren das Risiko einer Neuinfektion weitestgehend reduziert werden.

Tiere mit einer Zellzahl von 100.000 – 200.000 Zellen/ml Milch:

Diese Tiere sind zum Zeitpunkt des Trockenstellens mit einem Schalmtest (CMT) zu überprüfen. Ist dieser negativ (keine „+++“-Reaktionen, keine Vierteldifferenzen > 1 Stufe) kann auch hier ohne Trockensteller verfahren werden. Anders verhält es sich bei einen positiven Schalmtest (deutlichen Vierteldifferenzen > 1 Stufe und/oder „+++“-Reaktionen). Hier ist der Einsatz des Trockenstellers angeraten. Auch bei diesen Tieren ist die zusätzliche Anwendung eines internen Zitzenversieglers zu empfehlen.

Bei Tieren mit Zellzahlen > 200.000 Zellen/ml Milch ist der Einsatz antibiotischer Trockensteller vertretbar. Darüber hinaus ist Beratungsempfehlung 2 Wochen vor dem geplanten Trockenstellen Viertelanfangsgemelksproben zu nehmen und diese in einem zertifizierten Mastitislabor zu untersuchen. Werden dabei Erreger wie ansteckende Sc. agalactiae, S. aureus oder Sc. canis gefunden, die in erster Linie beim Melken übertragen werden, so ist eine Gesamtbestandsuntersuchung angeraten. Eine Verbreitung dieser Erreger in der Herde ist dringlich zu verhindern. Solange hier keine Sanierung erfolgreich durchgeführt wurde, sind antibiotische Trockensteller zu nutzen. Werden Äskulin-positive-Streptokokken (Sc. uberis) nachgewiesen ist der Trockensteller ebenfalls einzusetzen. Nur beim Nachweis von KNS und Corynebakterien spp. ist der Verzicht auf antibiotische Trockensteller vertretbar. Hierbei wird ein Schalmtest durchgeführt. Ist dieser negativ (keine „+++“-Reaktionen, keine Vierteldifferenzen > 1 Stufe) kann auch hier ohne Trockensteller verfahren werden. Anders verhält es sich bei einen positiven (deutlichen Vierteldifferenzen > 1 Stufe und/oder „+++“-Reaktionen) Schalmtest. Hier ist der Einsatz des Trockenstellers angeraten. Auch bei diesen Tieren ist die zusätzliche Anwendung eines internen Zitzenversieglers zu empfehlen.

Die hier beschriebene Vorgehensweise hat sich in der Praxis bewährt und ist durch wissenschaftliche Arbeiten und Veröffentlichungen belegt.

6. Einsatz interner Zitzenversiegler

Die Nutzung des internen Zitzenversieglers ist in der Praxis angekommen. Ziel ist der Verschluss der inneren Zitzenkanalöffnung durch die Applikation einer zähen Paste in die Zitzenzisterne. Erzielt wird eine Schutzwirkung von mehr als 10 Wochen, in der das Eindringen von Erregern verhindert werden soll.

Der Zitzenversiegler wird im Euter nicht aufgenommen oder abgebaut. Bei korrekter Applikation wird die Paste zu Beginn der neuen Laktation gemeinsam mit den ersten Milchstrahlen ausgestrichen.

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass mit dem Einsatz interner Zitzenversiegler gesunde Viertel über die Trockenstehphase vor Neuinfektionen geschützt werden. Beachtung geschenkt werden sollte der möglichst antiseptischen Applikation des Zitzenversiegler, um Erregereinschleppungen über den Zitzenkanal zu vermeiden.

7. Praktische Anwendung

Die Anwendung von Trockenstellpräparaten jeder Art sollte unter Beachtung einer extrem strengen Anwendungshygiene erfolgen, da sonst die Gefahr besteht, dass Erreger beim Einbringen des Präparates eingeschleppt werden.

Weiterhin dürfen Trockenstellertuben nicht in Eimern mit warmen Wasser besser anwendbar gemacht werden, Tuben nicht ohne sorgsame Vordesinfektion der Zitzen appliziert werden, Tuben nicht auf der Melkstandfläche abgelegt oder die Verschlusskappen nicht mit dem Mund abgezogen werden.

Material:

  • Einweghandschuhe
  • Einwegtücher (Zellstoff) und Brennspiritus 70 %
  • oder: vorgetränkte Alkoholtücher
  • Euterinjektor (sauber, trocken, handwarm, nicht im Wasserbad erwärmt)
  • Zitzentauchmittel (zugelassen als Tierarzneimittel)

Vorbereitung:

  • Zwei Markierungsbänder anlegen, bzw. am AMS sperren
  • Euter sorgfältig reinigen
  • Euter gut ausmelken
  • Zitzen trocknen lassen

Einbringen des Medikaments:

  • neue Einweghandschuhe anziehen.
  • Zitzenspitze, insbesondere Zitzenkanalöffnung mit alkoholgetränktem Tüchern gründlich abreiben. Dabei abgewandte Viertel zuerst desinfizieren, damit keine erneute Verunreinigung durch ungewollte Berührung erfolgt.
  • Zitzenkuppe kurz trocknen lassen.
  • Schutzkappe des Euterinjektors abziehen: Tube oder Kappe dabei nicht in den Mund nehmen und die Spitze nicht berühren.
  • Eine Tube pro Viertel langsam einbringen, dabei die Injektorspitze nur 3 – 4 mm einführen.
  • vom Melker wegarbeiten!
  • Dippen aller Zitzen mit zugelassenem Tierarzneimittel mit hautpflegender Wirkung
    ( www.DLG.org/euterhygiene.html, Liste „zusätzlich als Tierarzneimittel zugelassen Zitzendesinfektionsmittel“).

 Beim Einsatz interner Zitzenversiegler sind die gleichen Schritte hinsichtlich Reinigung, Des­infek­tion, Hygiene und Reihenfolge durchzuführen. Allerdings gibt es Unterschiede bei der eigentlichen Applikation.

  • Die Zitzenbasis wird zwischen Daumen und Zeigefinger fest fixiert und verschlossen. Dabei wird die Zitze leicht zur Seite gebogen.
  • Mit langsamer Abgabe der Paste in die Zitzenzisterne muss das Gefühl der allmählichen Füllung entstehen. Bevor der Verschluss an der Basis geöffnet wird, muss der Injektor aus dem Zitzenkanal gezogen werden.
  • Nicht in jede Zitze passt eine vollständige Tube. Angefangene und nicht vollständig aufgebrauchte Tuben werden entsorgt und nicht weiter in die nächste Zitze appliziert.
  • Nicht hochmassieren!
  • Dippen aller Zitzen mit zugelassenem Tierarzneimittel mit hautpflegender Wirkung
    (www.DLG.org/euterhygiene.html, Liste „zusätzlich als Tierarzneimittel zugelassen Zitzendesinfektionsmittel“).
  • Beim ersten Melken nach der Trockenstehphase wird der Zitzenversiegler kräftig per Hand ausgemolken. Hierzu wird wieder die Zitzenbasis mit Daumen und Zeigefinger abgeklemmt um einen Übertritt des Zitzenversieglers in die Euterzisterne zu verhindern.

8. Fazit

Im Regelfall ist die antibiotische Trockenstelltherapie im Vergleich zur Laktationsbehandlung die sinnvollere Maßnahme. Sie kann nur erfolgreich sein, wenn die Erreger sensibel auf die gewählten Mittel reagieren. Eine Behandlung eutergesunder Kühe sollte in Anlehnung an die Empfehlungen der Antibiotikaleitlinie möglichst vermieden werden. Das daraus abgeleitete selektive Trockenstellen setzt eine gleichzeitige Optimierung des gesamten Trockenstehermanagements (Gesundheitsüberwachung, Hygiene, Haltung, Fütterung) voraus. Erfolgreiches selektives Trockenstellen erfordert eine aktive Auseinandersetzung mit dem Thema Eutergesundheit in seinen zahlreichen Facetten. Ziel ist der Erhalt eines hohen Gesundheitsniveaus, bei gleichzeitiger Reduktion des Einsatzes von antibiotisch wirksamen Stoffen auf das notwendige Maß.

9. Literatur

BTK, 2010: Leitlinien für den sorgfältigen Umgang mit antibakteriell wirksamen Tierarzneimitteln. Beilage zum Deutschen Tierärzteblatt 10/2010, Schlütersche Verlagsgesellschaft – Hannover.

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