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Begrüßungsrede von DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer anlässlich der DLG-Wintertagung am 11. Januar 2007 in München

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Nahrung und Energie - ein neues Zeitalter für die Agrar- und Ernährungswirtschaft

Sehr geehrte Damen und Herren!

Herzlich willkommen zur DLG-Wintertagung 2007 in München. Die Felder stehen in frischem Grün, die Alpen ohne Schnee, eine Schlagzeile in der Süddeutschen Zeitung oder im Münchner Merkur dieser Tage könnte lauten: „Heuer Münchens Biergärten bereits im Januar geöffnet“. Deutschlands Winter, ein neues Sommermärchen? Es wird jedenfalls ein besonderes Jahr für Deutschland und klingt fast märchenhaft: Die Wirtschaft floriert wieder, mit lange nicht gekannten Wachstumsraten, weltmeisterlich auf globalen Märkten und zu Hause mit echter Binnenkonjunktur und deutlich rückläufigen Arbeitslosenzahlen.

Deutschland trägt in den nächsten sechs Monaten große Verantwortung, den Vorsitz der G 8-Gruppe und - versehen mit großen Erwartungen - die EU-Ratspräsidentschaft. Berlin ist dieser Tage europäisch beflaggt, alle Ressorts sind gefordert, so auch Bundesminister Seehofer, der für die nächsten sechs Monate die Federführung europäischer Agrarpolitik übernommen hat. Ich bitte Sie, sehr geehrter Herr Staatssekretär Dr. Müller, Herrn Minister Seehofer in unserem Namen nicht nur eine gute Hand für die kommenden Monate zu wünschen, sondern ihm die Botschaften der DLG-Wintertagung zu überbringen, die ihn brennend interessiert hätten, ohne die er eigentlich gar nicht handeln kann, denn von ihm stammt das Wort: „Die DLG-Wintertagung ist das Kreuth der Landwirtschaft, danach weiß man, was man in diesem Jahr zur Landwirtschaft sagen darf“.

Die Europäische Gemeinschaft hat sich zum Jahresbeginn um Rumänien und Bulgarien zur EU 27 erweitert, 460 Millionen Menschen bilden einen der größten und kaufkräftigsten Märkte der Welt. Dieses Europa ist mehr als nur ein prosperierender Markt, Europa ist eine auf gemeinsamen Werten basierende Gemeinschaft, die deshalb einen beispiellosen Raum des Friedens und der Freiheit bildet. Europa ist eine Vision, die unsere Begeisterung verdient. Nicht als Einzelstaaten, nur in der Gemeinschaft haben wir das Gewicht, die globalen Herausforderungen zu gestalten, die Globalisierung der Wirtschaftsverhältnisse, die Energieversorgung und den Klimaschutz. Der Landwirtschaft, seit den Römischen Verträgen eine der tragenden Säulen der Gemeinschaft, wird hierbei die besondere Rolle zufallen, trotz verknappter Ressourcen, ausreichend Nahrung und Energie klimaschonend bereitzustellen.

Diese Landwirtschaft erfreut sich am Jahresanfang 2007 einer glänzenden Stimmung. Wichtige Agrarmärkte befinden sich in ungeahntem Aufwind. Seit der letzten Wintertagung in Berlin sind die Preise für pflanzliche Produkte regelrecht explodiert: Getreide um fast 50 Prozent, Raps um 30 Prozent, Mais um 60 Prozent, Sojaschrot um 10 Prozent, Schweine- und Rinderpreise haben ihr Sommerhoch gerade verlassen, der Milchpreis ist dem abgesenkten Interventionsniveau nicht gefolgt. Hat die Welt vor fünf Jahren noch ein Drittel ihres jährlichen Getreideverbrauchs als Vorrat vor sich her geschoben, wird sich dieser Bestand auf die Hälfte (16 Prozent oder 58 Tage) am Ende dieses Wirtschaftsjahres vermindert haben. Die Vorräte in den Interventionslagern der EU, quasi in Beton gegossene Symbole einer am Bedarf vorbei produzierenden Agrar- und Ernährungswirtschaft, haben sich in den vergangenen sechs Monaten mehr als halbiert.

Was ist passiert? Eine durchschnittliche Weltgetreideernte hat zum wiederholten Mal unterhalb der jährlich zunehmenden Nachfrage gelegen. Der Verbrauch steigt, weil eine wachsende Weltbevölkerung mit steigenden Einkommen mehr tierische und pflanzliche Agrarprodukte nachfragt. Aber das wirklich grundlegend Neue, und die provozierende Verhandlungsführung eines russischen Energiekonzerns dieser Tage hat das nochmals unterstrichen, ist die sich auf den Märkten abzeichnende Verknappung von Rohstoffen, insbesondere von fossilen Energieträgern. Diese Märkte haben, teilweise auch spekulativ überhöht, die Agrar- und Forstwirtschaft als Biomasseproduzent in den Fokus genommen, um diese Lücke zu füllen.

Deshalb ist die Botschaft aus München von der Wintertagung 2007: Ressourcenknappheit, wohin man sieht, und die Landwirtschaft hält die Schlüssel in der Hand. Der Agrarsektor steht vor einem Aufbruch in ein neues Zeitalter. Er wird zum wichtigsten Ressort des 21. Jahrhunderts, weil er Antworten geben kann auf die essentiellen Zukunftsfragen einer Gesellschaft, die in wenigen Jahrzehnten neun Milliarden Menschen zählen wird. Vor sieben Jahren haben wir hier in München als Generalthema einer Wintertagung die Rolle der Landwirtschaft in der Gesellschaft diskutiert. Heute sind unsere Antworten klar kommunizierbar. Sie dokumentieren die fundamentale Rolle des Agrarsektors:

1. (Nur) eine moderne, fortschrittsoffene und nachhaltige Landwirtschaft kann immer mehr Menschen qualitativ hochwertig ernähren. Das ist zweifelsfrei ihre wichtigste, weil nicht substituierbare Aufgabe, eine Aufgabe, die in ihrer friedenserhaltenden Dimension weit über die profane Befriedigung einer globalen Nachfrage hinausgeht
2. Land- und Forstwirtschaft werden Energie für Wärme, Elektrizität und Mobilität bereitstellen,
3. auch Rohstoffe für biogene Produkte von Biokunststoffen über Schmiermittel bis zu Baumaterialien.

Diese Leistungen sind erlebbar und fassbar, in den Metropolen dieser Welt genauso wie auf dem Land. Sie ziehen sich durch alle Lebensbereiche von einem warmen, gut isolierten Wohnzimmer, dessen Steckdosen sicheren Stromfluss gewährleisten, bis hin zur „Freude am Fahren“ - nicht zwangsläufig in weiß-blau, aber eben im biokraftstoffgetriebenen oder aus Biokunststoffen konstruierten PKW. Um das Glück zu vervollständigen, gibt es keinen Kater danach: Landwirtschaft bewerkstelligt dies nachhaltig, klimafreundlich und unter Schonung natürlicher Ressourcen.

Es wundert nicht, dass diese Ausgangslage auf die Stimmung in der Landwirtschaft überspringt. EuroTier und BioEnergyEurope haben es im Herbst gezeigt, landwirtschaftliche Unternehmer sind optimistisch, geradezu euphorisch. Der Himmel hängt voller Optionen und Perspektiven. Landwirtschaft, Industrie, auch Fondskapital haben das Signal der Märkte, aber auch der staatlichen Anreizprogramme vernommen und investieren allein in Deutschland im Bereich Bioenergie jährlich mehrere Milliarden EUR.

Es ist wie nach dem Startschuss in einem Orientierungslauf, in dem auffällt, dass am Anfang die Richtung noch nicht klar ist, aber alle Läufer nach dem Motto verfahren: Bloß nicht stehen bleiben! Natürlich ist der strategisch richtige Pfad einer Volkswirtschaft am Anfang einer grundlegenden Neuentwicklung noch nicht sichtbar:
 
1. Potenziale von Technologien und Rohstoffproduktion sind noch nicht eingeschätzt,
2. die wettbewerbsfähigsten Produktionsstandorte noch nicht identifiziert,
3. Marktentwicklungen noch nicht nachhaltig verifiziert.

Deshalb erscheint es durchaus logisch, diesen Orientierungslauf Bioenergie breit aufgestellt zu beginnen. Allerdings steigt mit der Zeit die Gefahr, unnötige Umwege zu nehmen oder sich gar gänzlich zu verlaufen – für investierende Unternehmer eine Katastrophe! Fast täglich ist von immer ambitionierteren Forderungen zu hören, den Anteil von Energie aus Biomasse zu erhöhen. Dabei scheint jede Nutzungsrichtung, ob Kraftstoffe, Elektrizität oder Wärme, unbegrenzten Zugriff auf das Biomasse-Potential zu haben. Das ist eine Illusion!

Nach Untersuchungen von Toepfer International wird sich die weltweite Bioethanolproduktion in den nächsten zehn Jahren verdoppeln, die Biodieselproduktion in fünf Jahren nahezu vervierfachen. Wenn der Ausbau von Anlagen für die Produktion von elektrischer Energie (Biogas, KWK-Anlagen) und Wärmeenergie (zus. Feststoffheizungen) hinzugerechnet wird, drängt sich der Eindruck auf, als wären die Rohstoffe oder die Fläche, auf der sie wachsen, kein knapper Faktor. Tatsächlich konkurrieren Nahrungsmittel und alle Energie-Nutzungsrichtungen um die gleiche Fläche, Fläche übrigens, die neu kaum gewonnen, sondern vielmehr weltweit durch Besiedelung und natürliche Degeneration verbraucht wird und auf der Wasser an vielen Orten zunehmend zum ertragsbegrenzenden Faktor wird.

Deshalb ist es Zeit für eine Gesamtkonzeption Bioenergie, eine Gesamtkonzeption, die die Frage einer möglichst effizienten Energieerzeugung nach heutigem Stand des Wissens beantwortet. Diese Analyse ist den Schweiß der Edlen wert, besonders den einer leistungsfähigen Forschungslandschaft. Gerade im Agrarbereich ist die angestoßene Strukturdiskussion überfällig. Die Zeit drängt, dass das vollkommen neue, sehr komplexe Gebiet Bioenergie mit Excellenz und wissenschaftlicher Breite der Fachdisziplinen bearbeitet wird. Eine Gesamtkonzeption benötigt Antworten auf folgende Fragen, Fragen übrigens, für die nationale oder europäische Grenzen viel zu eng sind:

1. Welche Standorte sind zur Produktion von welchen Energierohstoffen geeignet, welche für Nahrungsmittelproduktion? Hier wird es zu globalen und innereuropäischen Differenzierungen kommen, Photosyntheseleistung, existierende Produktionsstrukturen und Wertschöpfungsketten (Veredlungszentren) sowie Marktnähe sind die entscheidenden Parameter.
2. Welche Anlagentechnologien haben welches Entwicklungspotenzial? Wie hoch ist ihr Wirkungsgrad zur Energiegewinnung? Wie und in welcher Form kommt diese Energie zum Kunden?
3. Welche Skaleneffekte sind realisierbar? Sind arbeitsteilige Prozesse vorzüglich, wie sind sie in einer Energiewertschöpfungskette zu organisieren?
4. Wie sind aus dem Blickwinkel Deutschland oder Europa politische Ziele wie Versorgungssicherheit, Umwelt- und Ressourcenschutz, aber auch wirtschaftliche Effekte und Arbeitsplätze möglichst effizient zu erreichen.

An dieser Gesamtkonzeption, zu der wir mit unserer heutigen Vortragstagung einige Aspekte hinzufügen wollen, sollten sich politische Aktivitäten orientieren. Deutschland als Technologieführer im Anlagenbau für regenerative Energien hat einen großen Wettbewerbsvorteil. Deutschland ist wie der besttrainierte Orientierungsläufer am Start, er hat Talent und Athletik, gewinnen kann er aber nur, wenn er letztlich den richtigen Pfad einschlägt.

Es ist erstaunlich, wie schnell bei leicht veränderten Preisrelationen die Rufe nach politischen Eingriffen in den Markt laut werden. Diesen Wünschen sollte Politik widerstehen, genauso wie den Verlockungen ablaufpolitischer Eingriffe, und wenn sie einem noch so gut gemeinten Gestaltungswillen entspringen.

Politik sollte sich auf ihre originären Aufgaben beschränken:
1. die Schaffung eines ordnungspolitischen Rahmens mit klaren Zugangsrechten in reglementierte Energiemärkte,
2. indem sie den Innovationsstandort Deutschland stärkt, an dem ein Bill Gates heute vermutlich schon an der Gewerbeanmeldung gescheitert wäre,
3. indem sie durch zeitlich begrenzte Förderung (F&E) die Marktreife neuer technologischer Entwicklungen ermöglicht.

Entspricht es einer effizienten Gesamtkonzeption Bioenergie, positive Skaleneffekte von größeren Bioenergie-Anlagen (500 kW-Grenze bei Biogas) durch niedrigere Fördersätze zu bestrafen? Führt nicht die besondere Förderung nachwachsender Rohstoffe im Rahmen des EEG zu Verzerrungen gegenüber anderen flächenintensiven Produktionsverfahren, wie gerade in den Veredelungshochburgen sichtbar wird? Befinden wir uns schon fast wieder im Teufelskreis historischer Agrarpolitik, wenn wir erkannte Fehlentwicklungen durch weitere Feinsteuerung korrigieren wollen? Sind Umwelt- und Sozialstandards im Bioenergiebereich nicht allzu durchsichtige Instrumente, internationalen Wettbewerb zu beschränken?

Statt auf die Kraft staatlicher Eingriffe zu vertrauen, die, wie jüngst im Kraftstoffbereich sichtbar, auch einem plötzlichen Politikänderungsrisiko unterliegen, sollten wir auf die hervorragenden Unternehmer im ländlichen Raum setzen. Sie werden, wie Herr Döbelt darstellen wird, die neuen Chancen als Herausforderung annehmen. Diese Unternehmer werden verantwortungsvoll für Betrieb und Gesellschaft neue Geschäftsfelder erschließen und gegen ihre Risiken ausbalancieren. Sie werden trotz aller Euphorie kühl kalkulieren, ob eine Investition in Bioenergie-Technologie, die eine Langfristentscheidung ist, tatsächlich zu ihren Rahmenbedingungen passt. Es ist sehr sorgfältig abzuwägen, ob energiegetriebene Konkurrenz um die Rohstoffe in bestimmten Regionen gewachsene Nahrungsmittelwertschöpfungsketten (Fleisch, Getreide, Milch) und Clustervorteile in Veredelungshochburgen gefährdet. Damit könnten nachhaltigere Wettbewerbsvorteile riskiert werden.

Kapital und Kompetenz sind ein knapper Faktor, der dort eingesetzt werden sollte, wo die größten komparativen Kostenvorteile bestehen. Der Bioenergiebereich ist im Produktzyklus eine junge Technologie. Sie stellt höchste Anforderungen an die Managementfähigkeit, auch an die Lernfähigkeit der Betreiber, eine Technik, die noch Raum für erhebliche technische Fortschritte übrig lässt. Es sind Unternehmer gefordert, die zu diesem Zeitpunkt Pioniergewinne und Pionierrisiken gegeneinander abwägen. Unternehmer treffen diese Entscheidungen nicht nur in der Enge ihres Betriebes, sie brauchen den Blick über den Tellerrand, sie brauchen das Forum für den abwägenden, Ideen schöpfenden Diskurs mit Experten. Dieses Forum finden sie in der DLG, in diesen Tagen auf der DLG Wintertagung in München, sie finden es in den Fachveranstaltungen, in den Diskussionen in Arbeitskreisen und auf den Gängen.

Rasant sich verändernde Rahmenbedingungen einer globalisierten Welt mit technologischen Sprüngen und unbekannten Folgen einer Bioenergienachfrage verlangen nach einem Informationsnetzwerk für investierende Unternehmer. Im Rahmen einer jüngst abgeschlossenen Kooperationsvereinbarung mit der Bundesforschungsanstalt in Braunschweig werden wir ein gemeinsames Projekt „Agri benchmark“ verwirklichen, das internationale Produktionsbedingungen vergleicht und Hinweise geben kann, welche Produkte und Produktionssysteme sich an welchen Orten der Welt durchsetzen werden. Dieses Navigationssystem zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit wird ein unerlässliches Hilfsmittel für Investoren werden. Unternehmer brauchen wettbewerbsorganisierte Märkte und Produktionsbedingungen, die sie daran aktiv teilnehmen lassen. Quoten wie bei der Milch und obligatorische Stilllegung passen nicht mehr in die Zeit.

Unternehmer brauchen bessere Rechtssetzungen, das heißt eine Entschlackung von Richtlinien, Gesetzen und Verordnungen, die häufig ihren Ausfluss in überbordender Bürokratie und Lähmung wirtschaftlicher Kräfte haben. Systematischer Bürokratieabbau und die Schaffung eines innovations- und investitionsfreudigen Umfeldes sind Voraussetzungen, dass Unternehmer der Agrar- und Ernährungswirtschaft die Welt ausreichend mit Nahrungsmitteln und Energie versorgen können. Deshalb wünsche ich Ihnen, Herr Staatssekretär Müller, Ihrem Herrn Minister und der Frau Bundeskanzlerin Merkel eine erfolgreiche EU-Ratspräsidentschaft.

Unternehmer der Agrar- und Ernährungswirtschaft werden handeln. Nach dem Motto Stefan Zweigs „Erst der Enthusiasmus, dann der Fleiß“ werden sie begeistert neue Chancen analysieren und mit Realismus und Akribie in die Tat umsetzen. Dann beginnt tatsächlich ein neues, vielleicht goldenes Zeitalter - ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei!

 
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