DLG-Unternehmertage 2004
Wie sehen und machen es die Nachbarn in Frankreich?
Hartmut Kemmner, Landwirt, Metz (Frankreich) und Großtreben-Zwethau (Sachsen)
Der Rat der Agrarminister hat am 26. Juni 2003 eine Grundlegende Reform der gemeinsamen Agrarpolitik beschlossen. Das Ziel dieser Reform ist der Ausstieg aus der Prämien- und Subventionspolitik. Wie setzen sich die Franzosen mit der Agrarreform auseinander? Wie erfolgt die Entkopplung? Wie sieht der Betrieb aus, der sich morgen am Weltmarkt behauptet?
Die Reform der gemeinsamen Agrarpolitik hat in Frankreich zwei Standpfeiler: Der eine sieht vor: Entkopplung der Beihilfen, alle ab 2006 gewährten Beihilfen werden unter dem Vorbehalt der Respektierung der Umweltrichtlinien, der Tiergesundheit und der Nachvollziehbarkeit von Produktionsvorgängen gewährt. In Frankreich bleiben 25 % der Prämienzahlungen fix, 75 % als entkoppelte Zahlung.
Spezifische Beihilfen: Beihilfen zur Energiepflanzenproduktion, Beihilfen für Hartweizen, Kartoffelstärke und Schalenfrüchte.
Die Umweltrichtlinien, die der Tiergesundheit und die Nachvollziehbarkeit sind in 19 Direktiven aufgeteilt, neun von denen, die den Umweltbereich betreffen, kommen 2005 zur Anwendung, die anderen in 2006 und 2007. Die gute fachliche Praxis ist Grundvoraussetzung.
Der zweite Standpfeiler besteht aus einer Prämie für sogenannte Agrar-Umweltmaßnahmen:
1. Eine Hektar-Prämie, die den Beibehalt von Grünland und den Erhalt von Naturwiesen unterstützt. Das Engagement läuft über fünf Jahre.
2. Agrar-Umweltmaßnahmen: Diversifikation von Kulturen. Zwölf Regionen nehmen daran teil. Auch hier geht das Engagement über fünf Jahre.
3. Ein Vertrag zur dauerhaften Landwirtschaft. Es handelt sich um ein Projekt, das soziale Maßnahmen und Agrar-Umweltmaßnahmen integriert. Eine Zahlung von 27.000 EUR pro Betrieb ist vorgesehen, die Verpflichtung läuft über fünf Jahre.
Die Modulation soll die Agrar-Umweltmaßnahmen und vorgenannten Programme finanzieren.
Das bedeutet im Klartext:
- - 3 % der Flächenprämie 2005
- - 4 % in 2006, - 5 % in 2007 und die folgenden Jahre jweils - 1 %.
Eine wohl unerlässliche Frage, die sich im Zusammenhang mit der Reform und deren Umsetzung stellt, ist: Wer kontrolliert das alles, und wie sehen die Sanktionena aus?
Von unten angefangen, soll das etwa so aussehen:
Für den Pflanzenbau: die Pflanzenschutzämter Für den Tierbereich: die Veterinärämter Für den Umweltbereich: die Umweltämter Für die Koordination der Kontrollen: die Landwirtschaftskammern.
Ein übergeordneter Orientierungsrat dient als Kontrollführer. Eine Nationale Kontrollstelle kontrolliert die ihr unterstellten Kontrollorganismen, die selbst der Kontrolle der E.U. unterstellt sind:
Sanktionen: Nachlässigkeiten ziehen Prämienkürzungen von 3 % bis 5 % nach sich, wiederholte Nachlässigkeiten bis zu 15 %, Nichtbeachtung von Erlässen und Verordnungen von 20 % bis 100 % der Prämienzahlungen für ein oder mehrere Jahre.
Aber Sie wissen ja auch, dass Gesetze und Verordnungen in Brüssel gemacht, auf französisch gedruckt und in Deutschland umgesetzt werden.
Zu den Agrar-Umweltmaßnahmen:
Beispielsweise dürfen in Schutzzonen, wie zum Beispiel die ganze Champagne, Stickstoffmengen von 170 kg/ha nicht überschritten werden. Mehrmengen nur gegen Bezahlung einer Taxe. Ein Betrieb muss mindestens drei Kulturen anbauen, er darf maximal 90 % von einer Kultur pflanzen.
5 m breite Streifen entlang von Gewässern sind anzulegen, Betriebe, die Stilllegung mit Energiepflanzen machen, sind von dieser Maßnahme befreit. Der Flächenstilllegungshöchstsatz beträgt 30 %, bei höherem Stilllegungsanteil wird die Prämie um 25 % gekürzt.
Resümee:
Die Vorgaben für landwirtschaftliche Unternehmen seitens der E.U. sind relativ ähnlich. Lassen Sie mich ein paar Worte zur französischen Verwaltung sagen:
Die Strukturen in der Landwirtschaft werden bereits seit langer Zeit in Frankreich kontrolliert. Es gibt Strukturkommissionen, die die Größe der Betriebe kontrollieren. Wachsen gibt es nur für Betriebe bis ca. 100 ha. Ein Hemmnis, das auch die Entwicklung unseres Landwirtschaftsbetriebes beeinflusst. Unternehmerisches Handeln wird dadurch stark eingeschränkt. Die französischen Politiker glauben, durch den Erhalt relativ kleiner Betriebe die Landflucht zu verringern. Die Zahl der Großbetriebe nimmt in Frankreich ab, während sie in Deutschland zunimmt.
Ich sehe die Gefahr, dass hier eine Entwicklung stattfindet, die relativ wenigen Betrieben die Chance lässt, sich nach den neuen Vorgaben am Markt zu behaupten. Vielleicht sollten sich die Behörden angesichts der sich schnell ändernden innereuropäischen Produktionsbedingungen darüber Gedanken machen, wie sie ihre Betriebe darin unterstützen können, sie "weltmarkttauglich" zu machen.
Die voraussichtlichen Konsequenzen der geänderten Agrarpolitik: Die Diversifikation und der Ausbau von Nischenmärkten wird leichter möglich, Prämien werden in gleicher Weise für alle Produktion bezahlt.
Es gibt in Frankreich Erzeugergenossenschaften, die Kulturen, wie Hanf, Senf, Duftpflanzen unter anderem, produzieren und selbst vermarkten. Ich denke, hier wird die Produktion optimiert werden. Es handelt sich hier jedoch um Märkte, die etwa 3 % bis 5 % des Agrarproduktes darstellen.
Durch die Modulation wird der Anteil der Flächenzahlung am Gesamtprodukt je Hektar immer geringer. Soll keine Verringerung des Hektar-Euro-Ertrages stattfinden, so muss der Marktpreis für die produzierte Ware steigen.
- Betriebe mit hohem Zuckerrübenanteil erwarten Gewinneinbußen bis 25 %.
- Eine Kompensation solcher Umsatzeinbrüche erscheint nicht einfach.
Man geht davon aus, dass langfristig die Pachtpreise sowie die Bodenpreise für landwirtschaftlichen Grund und Boden fallen werden. Weitere Einsparungen bei den Mechanisierungskosten sind möglich.
Auf der anderen Seite erwartet man einen Anstieg der Getreidepreise aufgrund neuer Absatzmärkte sowie des Ausbaues der Ethanolproduktion. Höhere Energiepreise machen den Ölfruchtmarkt stabiler.
Eine gewisse Unsicherheit gibt es bei den Lagerhaltern aufgrund der halbierten monatlichen Reports. Bei schwierigen Vermarktungssituationen wird die quasi "sichere Bezahlung" des Lagerhalters nicht mehr gewährleistet.
Als größter Exporteur von Getreide in der EU hat Frankreich bereits seit langem Organisationen zur Vermarktung von Getreide, wie zum Beispiel die AGPB, eine von Getreideproduzenten gegründete Organisation, die sich um Absatzmärkte bemüht. Zum anderen die ONIC, sie hat die Funktion der Intervention, sie zeigt sich aber auch in der internationalen Vermarktung relativ agil.
Die Getreidebörsen sind in Frankreich aktive Handelsplätze. Es wird dort sehr viel Ware gehandelt im Vergleich zu den deutschen Getreidebörsen. Eine relativ klare Preisbildung ist die Folge. Käufer und Verkäufer nehmen aktiver an der Preisgestaltung teil.
Hier gibt es durch Koordinierung des Marktverhaltens noch Möglichkeiten zur Verbesserung des Marktgeschehens. Die Matif in Paris hat ja ihr Pendant in Hannover. Durch mehr Aktivität seitens der Deutschen an den Warenterminbörsen würde sicherlich mehr Bewegung in den Markt kommen. Ich erinnere hier an die Situation 2003. Die Getreideernte fiel europaweit um 14 % geringer aus als im langjährigen Durchschnitt. Durch die Verknappung am Markt stiegen die Getreidepreise innerhalb weniger Monate um bis zu 70 %. Sie sehen also, wie spontan der Markt auf Knappheit von Rohstoffen reagiert und welche Mehrerlöse möglich sind.
Wer bereits heute den Markt mit besonderen Kulturen und hohen Qualitäten versorgt, hat wohl die besten Karten für die Zukunft. Und: Je schneller wir unsere Märkte selbst in die Hand nehmen, umso kürzer wird der Weg zur politischen Unabhängigkeit und vernünftigen Marktpreisen sein.
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